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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 07.12.2018

Sächsische Uni nahm in NS-Zeit Juden aufImmatrikulation per Postkarte

Von Wolfram Nagel

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Hauptgebäude der Ingenieursschule Mittweida um 1935. (Hochschularchiv Mittweida)
Mit einer Postkarte fragte Gerhard Neumann 1936 die Hochschule Mittweida, ob er sich immatrikulieren könne, obwohl er kein Arier sei. Die Antwort war positiv. (Hochschularchiv Mittweida)

Eine Synagoge hatte das sächsische Mittweida nie, dafür aber eine kleine Hochschule, die ihre Türen noch bis 1938 für jüdische Studenten offen hielt – trotz Beschwerden aus der NSDAP. Manche der Studenten wurden später berühmte Ingenieure.

Eine selbständige jüdische Gemeinde oder eine Synagoge gab es in Mittweida nicht. Die dort lebenden Gläubigen mussten vor Schabbat entweder nach Leipzig oder Chemnitz reisen. Oder sie trafen sich zum Gebet in Privaträumen, später im Volkshaus Rosengarten. Der auf sächsisch-jüdische Geschichte spezialisierte Historiker, Jürgen Nitsche sagt:

"Erst in den 20er-Jahren haben zwei jüdische Kaufleute die jüdische Religionsgemeinschaft Mittweida gegründet. Und zwar Max Kosterlitz, ein sehr erfolgreicher, älterer Kaufmann, und Bernhard Lewin. Und die haben ermöglicht, dass der Chemnitzer Rabbiner Hugo Fuchs  nach Mittweida kam und hier wurde dann Gottesdienst durchgeführt.

Die jüdische Studentenverbindung in Mittweida

Ein kleines Gruppen-Foto in Schwarz-Weiß von 1925 zeigt eine für damalige Verhältnisse typische Studentenverbindung: schwarze Anzüge, einheitlich weiße Schirmmützen. Es ist der "Jüdische Studentenverein" von Mittweida. Kurz vor der Jahrhundertwende hatte sich in der Kleinstadt sogar ein Zionistenverein gegründet, die zionistische Ortsgruppe Ciona.

"Noch vor Chemnitz. In Chemnitz gab’s die erst 1906. Es gab sogar einen Studenten in Mittweida, der nahm an einem zionistischen Weltkongress in der Schweiz teil."

Streit mit dem Stadtrat

Das war der Student Joseph Boiko, der auf dem IV. Zionistenkongress in Basel 1903 noch Theodor Herzl erlebt haben muss. Vorsitzender des Mittweidaer Zionistenvereins war der aus Russland stammende Student Josef Feingold. Laut Statut sollten die Mitglieder mit dem Judentum und den jüdischen Interessen vertraut gemacht werden. Doch es gab Streit mit dem Stadtrat vom Mittweida, der die eher weltlichen, politischen Ziele des Vereins ablehnte. Vergeblich versuchte Feingold die Ciona zu retten. Jürgen Nitsche gibt die Polemik gegenüber den Behörden in seinem Buch wieder:

"Die Angedrohte Auflösung hätte für die armen, minderjährigen Stammesgenossen gravierende Folgen. Aus Mangel an anständigem Zeitvertreib würden diese an Geist und Sitte in den Saufvereinen verzechen oder verkneipen."

Viele jüdische Studenten starben im 1. Weltkrieg

Die ehemaligen Mitglieder der zionistischen Ortsgruppe gründeten bald nach deren Auflösung den "Verein jüdischer Techniker" in Mittweida. In dieser Zeit habe auch ein gewisser Arkadius Wechsler am Technikum studiert, so Archivarin Marion Stascheit:

"Arkadius, von dem haben wir sogar noch einen Studentenausweis, seine Legitimationskarte, 1900 hat der studiert, mit Briefen und auch sehr schönen Briefköpfen auch von seiner Firma, vom Vater, also der stammte aus Bukarest."

Oder Herbert Robinsohn, geboren 1888 in Dresden-Löbtau. Der Sohn des angesehenen Nähmaschinenhändlers Gustav Samuel Robinsohn wurde 1907 immatrikuliert. Gleich zu Beginn des 1. Weltkrieges fiel der Ingenieur an der Westfront, wie zahlreiche andere Absolventen und Dozenten des Technikums.

Auch während des Nationalsozialismus blieb die Uni weltoffen

Ein Gedenkstein auf dem neuen jüdischen Friedhof in Dresden erinnert an Herbert Robinsohn. Ein Denkmal in Mittweida, das erst kürzlich wieder aufgestellt wurde, sollte "eines für alle sein, die für ihr Vaterland gefallen sind", so der damalige Regierungsrat Moritz Oster bei der Einweihung 1927. Die Hochschule galt als weltoffen, weshalb auch nach der Machtübernahme Hitlers Juden hier studieren konnten.

"Mittweida war eine der wenigen Ausbildungsstätten, die wirklich so viel ausländische Studenten, also bis zu 50 Prozent, hatten. Und da gibt’s auch im Bundesarchiv in Potsdam Unterlagen, dass Beschwerden von Parteifreunden, NSDAP, kamen, dass Mittweida 'verjuden' würde, weil sie so viele jüdische Studenten hat."   

Mit einer Postkarte fragte der in Frankfurt an der Oder lebende Gerhard Neumann 1936 an, ob er sich am Technikum immatrikulieren könne, obwohl er kein Arier sei. Die Antwort war positiv. In einem Dokumentarfilm hat das ZDF Ende der 1990er-Jahre das Leben des wohl bedeutendsten jüdischen Studenten der Hochschule Mittweida nachgezeichnet.

Während die Nazis hetzten, nahm die Uni Juden auf

Aus den Unterlagen des Archivs geht hervor, dass Neumann ein sehr guter Student war. spezialisiert auf Kraftwagen- und Flugtechnik. Beste Voraussetzungen für eine Ingenieurs-Karriere. Auf einer VHS-Kassette spielt Archivarin Marion Stascheit vor, woran sich Neumann, der pensionierte Vizechef von General Electric, bei seinem Besuch in Mittweida erinnerte:

"Es war 1936, das Naziregime nach der Olympiade war in vollem Gange gegen die Juden und gegen besondere Ausländer. Und so habe ich eine Postkarte geschrieben, ob ich ein Student da sein konnte, und, dass mein Vater ein freiwilliger Frontsoldat war."

Von Mittweida nach China 

Gerhard Neumann konnte sein Studium in Mittweida nicht abschließen. Der Druck auf die jüdischen Studenten wurde immer größer. Die letzten mussten am 10. November 1938 die Hochschule verlassen.  

"Er hatte am schwarzen Brett hier im Technikum eine Bekanntmachung gelesen, dass Chiang Kai-shek in Mittweida war und Ingenieure suchte. Er ist dann dadurch nach China gegangen, dann über China nach Amerika und dieser berühmte Ingenieur geworden, der eben Vizepräsident von General Electric war."

Gerhard Neumann starb 1997 in den USA, nachdem er seine Geburtsstadt Frankfurt an der Oder und Mittweida noch einmal besucht hatte.

Der "Judenretter" aus der Bukowina

Ein anderer Student des Technikums wurde während der Shoa in Rumänien als "Judenretter" aus der Bukowina bekannt: Siegfried Jägendorf, geboren 1885 als Samuel Jägendorf in der heutige Ukraine. 1907 schloss er das Studium als Ingenieur für Elektrotechnik und Maschinenbau ab, mit Bestnoten. Über ihn heißt es:

"Als Leiter eines kriegswichtigen Betriebs in Transnistrien rettete er 10.000 Juden vor dem sicheren Tod, vor dem rumänischen Holocaust."

Jürgen Nitsche: "Juden in Mittweida – Eine Spurensuche"
In: "Mittweidaer Rückblende", Schriftenreihe des Stadtarchivs und Stadtmuseums zur Geschichte der Stadt Mittweida und Umgebung, Band 6
Mittweida 2018, 608 Seiten, 35,90 Euro

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