Sadiq Khan: "Atmen"

Saubere Luft in Städten: ein Menschenrecht

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Buchcover von Sadiq Khans Sachbuch "Atmen".
© Alexander Verlag Berlin

Sadiq Khan

Übersetzt von Katja Karau

Atmen. Wege in eine grünere WeltAlexander Verlag, Berlin 2026

232 Seiten

24,00 Euro

Von Thekla Dannenberg |
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Londons Bürgermeister Sadiq Khan erzählt in seinem Buch "Atmen", wie er gegen immense Widerstände die Luftverschmutzung seiner Stadt in Angriff nahm und London zu einer begrünten Stadt voller Radwege machte.
Sadiq Khan ist nicht unbedingt Londons aufregendster Bürgermeister: Gegenüber seinen Vorgängern verblasst er geradezu. Man denke nur an den charismatischen Sozialdemokraten Ken Livingstone, der in den achtziger Jahren die konservative Premierministerin Margaret Thatcher so gegen sich aufgebracht hatte, dass sie kurzerhand die Stadtverwaltung auflösen ließ. Oder an Boris Johnson, der die Stadt zur Bühne für seine schillernde Persönlichkeit machte, ganz ohne sich um triviale Verwaltungsangelegenheiten zu scheren.
Sadiq Khan regiert mittlerweile seit 10 Jahren. Und er steht wie niemand sonst dafür, London zu einer sauberen Stadt gemacht zu haben. Den Kampf gegen die Luftverschmutzung hat er gegen enorme Widerstände in der Öffentlichkeit geführt. Schadstoffreiche Autos hat er aus der Innenstadt verbannt, die Londoner Busflotte umrüsten lassen, den Umfang der Londoner Radwege verfünffacht und eine halbe Million Bäume pflanzen lassen.

Luftverbesserung als Herzensthema

Von dieser grünen Transformation erzählt er in seinem Buch "Atmen", in dem er persönliche Erinnerungen, Anekdoten aus dem Politbetrieb und instruktive Einsichten in die Kommunalpolitik zusammenbringt. "Wahlkampf ist Poesie", lernen wir zuallererst, "Regieren ist Prosa". Das Buch ist kein ungeteiltes Vergnügen. Khans Schilderungen verlieren sich mitunter in Details, in Banalitäten oder Eitelkeiten, was durch seine Selbstironie allenfalls elegant kaschiert wird. Doch Khan macht immer wieder überzeugend deutlich, welche Bedeutung Städte für eine klimagerechte Politik haben.
Der Labour-Politiker Khan war nicht immer an Umweltfragen interessiert: Zu Beginn seiner politischen Karriere trat er für den Ausbau des Flughafens Heathrow ein und fuhr einen SUV der gehobenen Klasse – bis er selbst 2013 an Asthma erkrankte: 

"Ich war 43 Jahre alt. Ich hatte nie Probleme beim Luftholen oder mit den Atemwegen gehabt. Ich war gerade einen Marathon gelaufen, Herrgott nochmal! Meine Ärztin nahm sich die Zeit, mir zu erklären, dass es inzwischen nicht ungewöhnlich sei, dass Menschen diese Symptome erst im Erwachsenenalter entwickelten, was hauptsächlich auf Umweltfaktoren wie eine schlechte Luftqualität zurückzuführen sei.

Bei meinem medizinischen Check-up vor dem Marathon hatte es dafür keinerlei Anzeichen gegeben. Mit ziemlicher Sicherheit hatte sich das Asthma also durch das Einatmen der Luft auf Londons Straßen entwickelt."

Gegen die eigene Partei

Die Luftverschmutzung der Metropole wurde sein großes Thema - zum Missfallen seiner Parteiführung: Umweltschutz koste Wählerstimmen, die meisten Menschen interessierten sich für drei zentrale Themen: Wohnen, Verkehr und Arbeitsplätze.
Die Vorbehalte in der Bevölkerung gegen eine striktere Klimapolitik erklären sich zum einen mit den Kosten, die ärmere Schichten härter treffen als wohlhabendere. Zum anderen aber auch mit Apathie, Zynismus und Misstrauen gegenüber einer Politik, die sich zu weit von den Menschen entfernt habe.

"Die Apathie haben wir bezwungen, indem wir die Wähler davon überzeugt haben, dass wir nicht nur in einer Klimakrise, sondern auch in einer Gesundheitskrise stecken. Dem Zynismus und Misstrauen sind wir begegnet, indem wir Koalitionen mit Menschen aus dem gesamten politischen Spektrum gebildet haben. Und das Problem der Kosten der grünen Transformation sind wir angegangen, indem wir sichergestellt haben, dass die Belastung gerecht auf alle Schichten der Gesellschaft verteilt wird."

Besonders umkämpft waren die Ultra-Niedrigemissionszonen (ULEZ), die hohe Abgaben für schadstoffreiche Autos vorsahen. In den vornehmen Innenstadtbezirken wurden sie 2019 ohne viel Aufhebens eingeführt. Wütende Proteste gab es zwei Jahre später in den äußeren Bezirken, wo die Menschen auf alte Autos mit Dieselmotor angewiesen waren. Khan ließ sich auf eine Abwrackprämie ein, blieb aber in der Sache hart.

Emissionsstandards für alle Bezirke

Sein Mantra: Saubere Luft sei ein Menschenrecht, kein Privileg. Gerade die Ärmsten seien der hohen Luftverschmutzung am stärksten ausgesetzt. 83 Prozent der Grundschulen, in deren Umgebung die WHO-Höchstwerte zu jener Zeit überschritten wurden, waren unterprivilegiert. Seit 2023 gelten die niedrigen Emissionsstandards für die gesamte Stadt.
Dass gute Luft kein Privileg der wohlhabenden Bezirke mehr ist, hat Khan durchgesetzt, gegen den Widerstand in den Medien, zum Teil in der Bevölkerung und auch in der eigenen Partei. Es dürfe für Kommunalpolitiker in aller Welt von Interesse sein, wie man es schafft, in sechs Monaten hundert Kilometer Radwege anzulegen und die Bevölkerung für verkehrsberuhigte Kiezblocks, Poller und PopUp-Gärten zu gewinnen.

"Die Wähler brauchen die Klimamaßnahmen nicht nur, sie wollen sie auch. Der Trick besteht darin, die Umweltpolitik auf eine Art und Weise zu präsentieren, durch die sich die Wählerschaft angesprochen fühlt. Das heißt, Maßnahmen zu gestalten, die nicht nur technokratisch fundiert sind, sondern gleichermaßen auffällig wie überzeugend. Maßnahmen, die es einem erlauben, nicht nur mit Prosa, sondern auch mit Poesie zu regieren."

Blick über den Tellerrand kommt zu kurz

Khan macht deutlich, welche Bedeutung Städte in der Klimapolitik haben. Zurecht verweist er auf die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo, von der er viele Ideen übernahm. Mit ehrfurchtgebietender Konsequenz hat Hidalgo die französische Hauptstadt zu einer umwelt- und fahrradfreundlichen Stadt umgestaltet.
Es hätte Khans Bilanz nicht geschmälert, wenn er gegenüber seiner Amtskollegin nicht nur Höflichkeiten formuliert, sondern ihre inspirierende Politik genauer in den Blick genommen hätte. Oder auch andere Städte. Dieser Blick hinaus in die Welt kommt bei Khan deutlich zu kurz. Im C40-Netzwerk der klimafreundlichen Städte mag Sadiq Khan jetzt den Vorsitz führen, aber Vorreiter sind Paris, Kopenhagen und Stockholm, Montréal, Accra und Bogotá.