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Lesart / Archiv | Beitrag vom 22.11.2014

SachbuchBuschkowsky über Pflichten für Migranten

Heinz Buschkowsky: "Die andere Gesellschaft"

Von Vera Block

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Heinz Buschkowsky, der Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)
Heinz Buschkowsky, der Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)

Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky beobachtet in Berlin-Neukölln Lebenswelten, in denen der Staat nichts mehr zu sagen hat. In seinem neuen Buch nennt er Maßnahmen dagegen und hofft auf einen modernen Islam für eine moderne Gesellschaft.

Kita-Pflicht für alle. Junge Lehrer zur Feuertaufe an die Problemschulen. Fürs Schulschwänzen werden finanzielle Leistungen gekürzt. Das sind einige der Forderungen, die Heinz Buschkowsky in seinem Buch aufstellt. Erste Schritte, die er vorsieht, um die Herausbildung einer "anderen Gesellschaft" einzudämmen – in Deutschland, in Berlin, in Neukölln, und ganz besonders in Neukölln-Nord, wo der Anteil der ausländischen, vor allem muslimischen, Bevölkerung bei über 40 Prozent liegt und 86 Prozent der Erstklässler aus Familien mit Migrationshintergrund stammen.

Über diese Menschen waltet Heinz Buschkowsky kraft seines Amtes und beobachtet, wie sie ihm entgleiten. Sie verschleiern sich, werden zu radikalen Islamisten, schwänzen die Schule und begegnen einem mit "Was guckst du?". Heinz Buschkowsky will diesen Prozess verstehen und er will etwas dagegen tun.

Im Buch "Die andere Gesellschaft" beschreibt er seine Begegnungen mit Schülerinnen und Sozialarbeitern, Familienoberhäuptern und Straftätern, Predigern und Publizistinnen aus seinem Bezirk. Die einen sind bekennende Islamkritiker, die meisten aber gläubige Muslime verschiedener Bildungsstufen und Nationalitäten.

Wo ein Iman mehr zu sagen hat als ein Standesbeamter

Buschkowsky berichtet von Lebenswelten, in denen nicht der Staat das Sagen hat, sondern Friedensrichter oder Imame, die Urteile aussprechen oder Paare vermählen und deren Wort mitunter mehr Gewicht hat als das eines deutschen Richters oder Standesbeamten. Er trifft sich mit ehrgeizigen eloquenten Abiturienten und mit Schulabbrechern, die sich kaum artikulieren können, fragt nach der Verbreitung des Salafismus und nach Zwangsverheiratung. Heinz Buschkowsky will Antworten hören, will diskutieren, will verstehen. Aber irgendwie will er nicht vorbehaltlos glauben, was ihm die "andere Gesellschaft" erzählt.

"In wieweit mir ein Bär aufgebunden wurde oder ich - nach dem Motto 'Dem zeigen wir es einmal' - Teil einer Inszenierung war, kann ich natürlich nicht einschätzen."

Man kann es "nüchterne Aufmerksamkeit" nennen. Oder "grundlegendes Misstrauen". Doch diese immer wieder aufkommende Zweifel des Autors an der Aufrichtigkeit seiner Gesprächspartner ist dem Ziel, die andere Gesellschaft besser zu verstehen nicht dienlich. Zumal der Verfasser einen Beleg für die "Halb- oder Unwahrheiten" schuldig bleibt und allein von seinem Empfinden spricht.

Moderner Islam für moderne Demokratie

"Die andere Gesellschaft" - der Titel benennt das, was der Neuköllner Bezirksbürgermeister aus dem Fenster seines Arbeitszimmers sieht: Vollbärtige Männer mit weißen Strickkäppis auf den Hinterköpfen und Frauen mit schwarzer Ganzkörperbedeckung. Das stört Heinz Buschkowsky. Er mag in seiner Welt keine verschleierten Frauen sehen. Nein, Heinz Buschkowsky will diese Menschen nicht fortschicken, wohin auch, da sie doch oft gebürtige Berliner sind. Buschkowsky plädiert viel mehr für klare Forderungskataloge für Migranten, die in Deutschland leben wollen.

"Die Migranten sind durchaus bereit, sich den örtlichen Gepflogenheiten anzupassen. Wenn man ihnen diese aber nicht nahebringt, und sie frei schwebend entscheiden lässt, dann tun sie das, was sie allein für sich richtig finden."

Buchcover von Heinz Buschkowsky: "Die andere Gesellschaft" (Ullstein)Denkwürdig an dieser Beobachtung ist, dass Heinz Buschkowsky anscheinend das Recht auf den freien Willen seinen Mitmenschen nur selektiv zuerkennt. Dafür schlägt er eine Art "Pflichtenheft für die Einwanderer" vor, mit dessen Hilfe die Gesellschaft ausformulieren und gegenchecken soll, wie die Integration erfolgt. Nein, Heinz Buschkowsky hat nicht im Sinn, den Islam aus dem Leben der türkischen oder arabischen Einwanderer zu verdrängen.

"Wir sollten lieber beweisen, dass in einer modernen Demokratie auch Platz für einen modernen Islam ist."

Es stellt sich jedoch die Frage, warum sich Heinz Buschkowsky bei seinen Kontakten mit der "anderen Gesellschaft" allein auf radikale, orthodoxe, konservative, rückständige Aspekte fokussiert und nicht selbst nach dem modernen Islam in seinem Multikulti-Bezirk sucht.

   

Heinz Buschkowsky: Die andere Gesellschaft
Ullstein Verlag, Berlin
302 Seiten, 19,99 Euro

 

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