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Lesart / Archiv | Beitrag vom 04.04.2016

Sacha Batthyany: "Und was hat das mit mir zu tun?"Die Schuld der Großeltern

Von Georg Gruber

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Gedenkstätte Kreuzstadl in Rechnitz im Burgenland. Das sogenannte Kreuzstadl, damals ein Teil der Batthyány'schen Landwirtschaft, ist heute nur noch als Ruine erhalten. Auf freiem Feld in der Nähe des Gebäudes, wurden in der Nacht vom 24. auf den 25. März 1945 rund 180 ungarische jüdische Zwangsarbeiter ermordet und verscharrt. Bis heute wird nach dem Massengrab gesucht. (picture alliance / dpa / Bundesheer/Peter Lechner)
Gedenkstätte Kreuzstadl in Rechnitz im Burgenland (picture alliance / dpa / Bundesheer/Peter Lechner)

Im März 1945 wurden im Burgenland 180 Juden erschossen. Sacha Batthyanys Familie war darin verstrickt. In seinem Hörbuch "Und was hat das mit mir zu tun?" stellt er sich dieser Geschichte und geht der Frage nach: Kann man sich von der Vergangenheit freimachen?

(Ausschnitt Hörbuch:) "Schon den ganzen Tag über herrschte Nervosität. (...) Niemand nahm das Wort Geburt in den Mund, alle benutzten das viel vornehmere französische 'l’événement', das so gar nicht hierher passte, nach Sárosd, diesem von einem Moor umgebenen ungarischen Dorf am äußersten Rand Westeuropas, wo es nichts gab, außer ein paar Bauern, die mit Eseln die Felder bestellten, Zigeunermädchen, die immer schwanger waren und deren Kinder im Winter manchmal erfroren, und einem Schloss mit dicken gelben Mauern, mit Türmchen und Erkern, in dem meine Eltern und meine ältere Schwester lebten."

Erinnerungen der Großmutter von Sacha Batthyany an eine Zeit, als die Welt noch nicht aus den Fugen geraten war. In dem Dorf lebte auch Agi Mandl, Tochter einer jüdischen Familie. Auch sie hat ihre Erinnerungen aufgezeichnet, auch den Moment, als sich alles änderte. In der Hörbuchfassung gewinnen diese dokumentarischen Texte noch einmal, sie berühren - ein Verdienst von Dagmar Manzel und Corinna Kirchhoff, die sie einfühlsam, aber ohne Pathos lesen:

"Sie pferchten uns in Waggons wie Vieh. Wir waren alle ungewaschen, steckten seit Budapest in denselben Kleidern. Die Türen wurden verriegelt, Fenster gab es keine. Wir fuhren los, Kinder, Alte, Frauen, alle dicht nebeneinander. Manche weinten, andere schrien, zwei Menschen starben. Als der Zug nach Tagen hielt, waren wir erleichtert. Endlich angekommen, in Auschwitz."

Wer hat geschossen?

Erst im Laufe der Recherche wird Sacha Batthyany klar, wie sehr das Schicksal dieser Frau, die den Holocaust überlebte, mit seiner Familie verbunden ist. Ausgangspunkt seiner Spurensuche ist ein Verbrechen im März 1945, ein Massaker, die Erschießung von 180 Juden in Rechnitz, als trauriger Höhepunkt eines Festes auf dem Schloss seiner Tante Margit. Hat sie selbst geschossen? Doch ihm geht es um mehr: Die Schuld der Großeltern-Generation, das Schweigen der Eltern, was macht das mit den Kriegsenkeln? Um dieses Thema, das schon seit einigen Jahren Konjunktur hat, kreist das Hörbuch immer wieder. Batthyany möchte seinem Vater näher kommen:

(Ausschnitt Hörbuch, Text Sacha Batthyany:) "Ich war bis nach Sibirien gefahren, um zu verstehen, dass ich gegen die Weltgeschichte, diese ganzen Kriege, die in seinem Kopf herumspukten, nicht ankam. Deshalb war ich nicht mehr wütend und laut, nein, es war schlimmer. Stalin, flüsterte ich mir selbst zu, hat deiner Familie erst das ganze Land geraubt, dann deinen Großvater eingesperrt und dir danach deinen Vater genommen."

Recherche und Psychoanalyse

Der Schauspieler Barnaby Metschurat spricht diesen Text, als wäre es sein eigener. Es klingt, als würde der Autor selbst erzählen. Sehr persönlich, authentisch, mit allen Zweifeln. Herauszuhören ist dabei immer wieder auch die Eitelkeit des Autors, der seine Recherche mit einer Psychoanalyse flankiert.

(Ausschnitt Hörbuch, Text von Sacha Batthyany:) "Doch als ich nach Rechnitz gereist bin und begann, meinem Vater all diese Fragen zu  stellen, da war dieses Gefühl zu verschwinden auf einmal weg. Vielleicht bin ich deshalb zu Ihnen gekommen."

"Das verstehe ich jetzt nicht."

"Um zu existieren."

Strassberg sagte kein Wort. Ich wartete, doch es kam nichts.

"Ich klinge schlimmer als eine Frauenzeitschrift, nicht wahr?"

Mehr als nur Familiengeschichte

Letztlich gehen die Fragen, die Sacha Batthyany aufwirft, natürlich über seine persönliche Familiengeschichte hinaus, und das macht seine Spurensuche so hörenswert. Kann man sich von der Vergangenheit freimachen? Muss man sie dafür erst kennen? Wie lange wirkt sie nach, bei Opfern und Tätern, bewusst oder unbewusst?

(Ausschnitt Hörbuch, Text von Sacha Batthyany:) "Wie viele Menschen mag es geben auf der Welt, deren Leben anders verlaufen wäre, hätten ihnen die Eltern meiner Großmutter geholfen? Bei einem saß ich soeben im Wohnzimmer, aber was war mit den anderen? Ein Netz von Personen, verteilt über die Welt. Und wenn man alle besuchte, würde man etwas Verbindendes finden? Gehörte ich nicht auch dazu – und ich erschrak über den Gedanken: Wäre ich nicht auch ein anderer Mensch, wenn sie damals etwas getan hätten, statt einfach nur zuzusehen?"

Sacha Batthyany: Und was hat das mit mir zu tun? Ein Verbrechen im März 1945. Die Geschichte meiner Familie
Der Audio Verlag, Berlin 2016 
Ca. 5 Stunden, 19,99 Euro

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