Seit 05:50 Uhr Aus den Feuilletons

Montag, 09.12.2019
 
Seit 05:50 Uhr Aus den Feuilletons

Länderreport / Archiv | Beitrag vom 26.01.2017

Saarländisches StaatstheaterKeine Angst vor der Provinz

Von Tonia Koch

Podcast abonnieren
Die West Side Story von Leonard Bernstein am Staatstheater in Saarbrücken: Premiere war am 01. Oktober 2016. (imago/Becker&Bredel)
Die West Side Story von Leonard Bernstein am Staatstheater in Saarbrücken: Premiere war am 1. Oktober 2016. (imago/Becker&Bredel)

Seit langer Zeit wurden für die laufende Spielzeit am Saarländischen Staatstheater wieder mehr Tickets verkauft - und auch das Publikum wird dank eines Tricks wieder jünger. Wie kann Theater in der Provinz heute überleben?

Ein Wanderzirkus rollt auf die Bühne. Unterschiedliche Figuren bevölkern die Mange: bunt, aufreizend schön. Ganz in schwarz, Katja Kabanowa, die Hauptdarstellerin in Leos Janaceks gleichnamiger Oper.

Hin- und hergerissen zwischen Liebe und Schuldgefühlen findet Katja keinen Weg, der Enge eines kleinen russischen Dorfes an der Wolga zu entfliehen. Zu stark ist die soziale Kontrolle, das Gefüge der eingeschworenen Gemeinschaft. Die Nöte spiegelt der Berliner Regisseur Ben Baur an einem Wanderzirkus.

"Das fanden wir ein super Motiv. Dazu kommt dass ich nach einer Sprache gesucht habe, für diese Katja die das löst von dem narrativen Küchenrealismus, den das Stück oft einherbringt. Die Musik ist aber so unglaublich expressiv und hat so eine große Kraft, dass ich dachte ich will unbedingt eine Ästhetik und eine Atmosphäre schaffen wo das möglich ist."

Am Ende findet Katja den Tod in den Fluten einer aufgewühlten Wolga. Es ist das erste Mal, dass Katja Kabanowa in Saarbrücken aufgeführt wird, das Publikum braucht einen Moment, es lässt die Eindrücke sacken.

"Geniale Idee und die Inszenierung ausgezeichnet"

"Sehr dramatisch, aber wunderbar umgesetzt und musikalisch ganz, ganz toll. Schauspielerisch sehr gut, die Sänger, aber die Musik selbst hat mich nicht angesprochen."

"Geniale Idee und die Inszenierung ausgezeichnet."

Für Baur ist es die zweite Arbeit am saarländischen Staatstheater. Angst vor der Provinz hat der Wahl-Berliner keine.

"In dem Moment, wo die Probe losgeht, vergisst man das, man will natürlich ins Zentrum, man will natürlich Theater für alle machen und außerhalb gehört werden und seine Sprache mit anderen teilen und da ist natürlich der Wunsch da, mehr Leute nach Saarbrücken zu bekommen, weil, wir machen hier ein tolles Stück mit einem tollen Ensemble und einem tollen Dirigenten, also kommt doch und schaut."

Die Konstanz des Ensembles trage ganz entscheidend zum Erfolg des Saarländischen Staatstheaters bei, sagt Intendantin Dagmar Schlingmann:

"Ich bin ein total überzeugter Ensemble-Intendant, weil die Qualität des Zusammenspiels des zusammen Musizierens wächst mit einer Gruppe, die kontinuierlich zusammenarbeitet, das ist ein Riesenschatz im deutschen Theatersystem und ich glaube daran, dass die Menschen die hier vor Ort, singen, spielen, tanzen, dass die die Brücke sind zum Publikum, weil das Publikum verliebt sich in die Künstler, hat einen Lieblingstänzer oder Lieblingssänger und der Gast geht dann hinein, um zu sehen, wie singt er diese Partie, ich glaube, das schafft die Bindung."

"Frau Schlingmann hat alles richtig gemacht"

Dagmar Schlingmann, die Saarbrücken nach elf Jahren in Richtung Braunschweig verlässt, kennt ihr Publikum gut.

"Frau Schlingmann geht ja jetzt und sie hat alles richtig gemacht, es war immer sehr interessant. Die Qualität ist sehr hoch. Was Musiktheater betrifft, Ballett, Oper, Operette ist fantastisch. Wir machen das jetzt schon fünf Jahre das Abonnement und beklagen uns nicht, alles in Ordnung."

200.000 bis 220.000 Zuschauer besuchen pro Spielzeit das Theater. Drei feste Spielstätten stehen für Oper, Ballett und Schauspiel zur Verfügung: das Große Haus, die alte Feuerwache und als kleinere Bühne mit experimentellem Charakter, die Sparte 4.

Der Etat beläuft sich auf 33,5 Millionen Euro pro Jahr und für 15 Millionen ist die Bühnentechnik gerade ertüchtigt worden. Sieben Monate war das Haus deshalb geschlossen. Die Theatermacher wichen auf alternative Spielstätten aus. Doch Ängste, das Publikum könnte sich entwöhnen, waren unbegründet, resümiert die Intendantin:

"Im Gegenteil, ich glaube, wir haben Besucher gewonnen, weil wir in die Fläche gegangen sind. Die Leute fanden das sehr aufregend."

Das Publikum wird jünger

Der Zuspruch drückt sich auch in den Abonnentenzahlen aus. Seit langer Zeit wurden für die laufende Spielzeit wieder einmal mehr Tickets verkauft. Die Zahl der Abonnenten stieg um acht Prozent auf 7.450. Und das Publikum wird jünger. Das ist einer Initiative der Saarbrücker Studenten zu verdanken, die dafür gesorgt haben, dass ein Theaterbesuch mit dem Semesterticket abgegolten ist.

Nur für Premieren müssen Studenten einen bescheidenen Obolus entrichten. Carlos und Olivia, Gaststudenten aus Spanien und Österreich nutzen diese Möglichkeiten.

"Wunderbar. Insgesamt ist das Niveau viel höher in Deutschland, musikalisch. Und hier versteht man die Oper als normalen Spaß und nicht als Luxus, den nur die reichen Leute sich erlauben können. Ich finde es super, ich schaue alles an, es ist eigentlich alles sehr kreativ umgesetzt am Staatstheater."

Ein weiterer Erfolgsgarant, der das Staatstheater im Gleichgewicht hält, ist die fest verankerte Doppelspitze. Dem Intendanten steht ein gleichberechtigter kaufmännischer Direktor zur Seite, der darauf achtet, dass künstlerische Wünsche finanzierbar bleiben. Das Kostümbild für den bevorstehenden Tannhäuser zum Beispiel wird von Modeschöpfer Christian Lacroix entworfen. Der Kaufmann im Team, Mathias Almstedt, ist einverstanden, weil:

"Der ein bisschen teurer ist, wirklich nur ein bisschen teurer, aber nicht das Fünffache von einem normalen Kostümbildner, aber das finanzieren wird durch ein Sponsoring gegen."

"Wir reißen uns uns ordentlich den Arsch auf"

Vor zehn Jahren hatte die Politik dem saarländischen Staatstheater eine Rosskur verordnet, Zehn Prozent der Stellen mussten eingespart werden. Heute beschäftigt es noch 430 Mitarbeiter und die würden sich reinhauen, um den üppigen Spielplan zu erfüllen, sagt der Sprecher des Schauspiel-Ensembles Prinzler

"Es ist auch jedenfalls so, dass wir uns ordentlich den Arsch aufreißen, dass wir hier alle acht Wochen, alle zehn Wochen, zwei neue Premieren raushauen, wo wir natürlich auch wollen, dass das Publikum das interessiert, dass die Bude voll ist."

Das Publikum honoriert es. Künstlerischer Anspruch und Etat seien in Einklang, sagt der kaufmännische Direktor.

"Wenn man uns vielleicht einordnen würde in ein Bundesliga-Ranking, dann sind wir vielleicht so etwas wie Mainz 05."

(mcz)

Mehr zum Thema

Utopie auf der Bühne - Theater braucht Entschleunigung statt Events
(Deutschlandradio Kultur, Studio 9, 23.12.2016)

Länderreport

Jüdische Orte in HamburgIn einer ruinösen Situation
Lichttafel der zerstörten Synagoge am Joseph-Carlebach-Platz. (picture alliance / dpa / Maurizio Gambarini )

Die jüdische Synagoge im Hamburger Grindelviertel wurde zur Nazizeit zerstört. Der Anschlag von Halle hat nun die Diskussion um einen Wiederaufbau befeuert. Doch manche Experten warnen vor der Idee der Rückkehr in eine vermeintlich heile Welt.Mehr

LKWs an der OberleitungUnterwegs auf dem eHighway
Ein LKW fährt mit ausgefahrenem Stromabnehmer während der Inbetriebnahme der ersten deutschen Teststrecke für E-Lastwagen mit Oberleitung auf der Autobahn 5 (A5). (picture alliance / Silas Stein)

Der Verkehrssektor sorgt in Deutschland für knapp 20 Prozent der Treibhausgasemissionen. Gerade im Güter- und LKW-Verkehr sollen Wege gefunden werden, CO2 einzusparen. In Südhessen läuft ein Großexperiment bereits auf Hochtouren.Mehr

GeschlechterrollenIn sechs Monaten zur perfekten Hausfrau
Eine Frauenhand schenkt Kaffee ein. (imago/Metelmann)

Kochen, nähen, einwecken: Auf der Winterschule lernen junge Bäuerinnen in Bayern traditionell, was man angeblich wissen muss, um eine gute Hausfrau zu sein. Die Einrichtung erlebt gerade ein Revival – für das manche Frauen sogar ihren Job kündigen. Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur