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Fazit / Archiv | Beitrag vom 16.08.2014

RuhrtriennaleBefreiend und Anrührend

Tanzperformance "Verklärte Nacht" in der Jahrhunderthalle Bochum

Von Elisabeth Nehring

Aufgenommen am 12.04.2007 (picture alliance / dpa / belga Herwig Vergult)
Die belgische Choreografin Anne Teresa De Keersmaeker (picture alliance / dpa / belga Herwig Vergult)

Das Gedicht "Verklärte Nacht" inspirierte Arnold Schönberg zu seinem gleichnamigen Stück für sechs Streicher. Die belgische Choreografin Anne Teresa de Keersmaeker hat zu Schönbergs Musik ein wundervolles Duett inszeniert.

"Verklärte Nacht" zählt zu den meistgespielten Stücken Arnold Schönbergs. In dieser frühen Programmmusik spielgelt sich die Dramatik eines Gedicht von Richard Dehmel, das von einer unkonventionellen Liaison handelt. Ein Paar geht im Mondlicht durch die Nacht. Die liebende Frau trägt ein ungeborenes Kind von einem anderen Mann, doch der Liebhaber verzeiht ihr und verspricht, das Kind wie sein eigenes zu behandeln.

Keersmaeker aber lässt anfangs ein sachliches, fast unemotionales Paar auftreten, ja macht überhaupt erst einmal die Dreieckskonstellation deutlich, die in dieser Geschichte angelegt ist. Erst nach verschiedenen Auftritten zu zweit und zu dritt in Stille, finden sich Frau und Mann zusammen zu Schönbergs Musik auf der Bühne ein. Doch kommen sie lange nicht zueinander.

Lange kehrt der Mann seiner Geliebten den Rücken zu, während sie Sturm läuft gegen sich selbst. Samantha van Wissen tanzt diese Frau in ihrer Verzweiflung, ihrem Groll gegen sich selbst, ihrem Zweifel und Zögern, dem Geliebten die Wahrheit zu gestehen – eine grandiose Tänzerin, präzise, emotional, ausdrucksstark, formal exzellent.

Gleichgewicht zwischen Formalismus und Dramatik

Keersmaeker legt den Schwerpunkt ihrer Choreographie sowohl auf den narrativen als auch auf den psychologischen Aspekt der Geschichte. Wenn sich im Laufe dieses kurzen, großartigen Abends Mann und Frau versöhnlich zusammenfinden, hat das nicht nur etwas Befreiendes, sondern durchaus Anrührendes für den Zuschauer. 

Die riesige Jahrhunderthalle scheint wie geschaffen für diesen fein bewegten und bewegenden Abend: durch hohe, verblichene Fenster verdämmert langsam das Abendlicht; die Bühne ist in einen Hauch grauen Nebels getaucht, die Figuren erscheinen weit weg, klein, verletzlich, entrückt. Im sorgfältigen Gleichgewicht zwischen Formalismus und Dramatik hat Anne Teresa de Keersmaeker ein wundervolles Duett geschaffen, das der Musik Arnold Schönbergs ebenbürtig antwortet.

Mehr zum Thema:

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Tanzender Strudel der Zeit (Deutschlandradio Kultur, Fazit, 03.10.2013)

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