Rückkehr nach Neubrandenburg

    Von einer, die auszog, die Heimat zu finden

    07:40 Minuten
    Der Kirchturm der Marienkirche in Neubrandenburg im Sonnenuntergang.
    Neubrandenburg fühlte sich für Rika Weniger nie wie Heimat an. Nach 20 Jahren im Westen entdeckte sie die Stadt doch noch als Heimat. © picture alliance / ZB / Jens Büttner
    Von Silke Hasselmann · 29.09.2021
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    Rika Weniger wollte immer nur weg aus Neubrandenburg. Sie studierte Schauspiel und ging in den Westen. Heimweh hatte sie nie, doch irgendwann begann Ostdeutschland ihr etwas zu bedeuten. Zurück in Neubrandenburg entdeckte sie ihre alte Heimat neu.
    "Hallo, ich bin Rika Weniger und ich komme - also, ich komm' - äh, also ich komme noch mal rein. Hallo, ich bin Rika Weniger und ich komme aus - genau. Das kann doch jetzt nicht wahr sein."
    Dies ist eine von 30 Szenen aus dem Theaterstück "Wie macht man gute Kunst für Ostdeutsche?", geschrieben, inszeniert und aufgeführt von zwei Schauspielern und eben Rika Weniger. Als ich die 40-jährige Frau mit den langen rotblonden Haaren auf einen Kaffee im Neubrandenburger "Zollhaus" neben dem Treptower Tor treffe und nach ihrer Herkunft frage, hat sie mit der Antwort kein Problem.

    Der Weg in den Westen

    "Ich bin Rika Weniger und komme aus Neubrandenburg. War 20 Jahre weg. Bin Theatermacherin und Schauspielerin und jetzt auch künstlerisch in Mecklenburg-Vorpommern tätig."
    Weg gewesen sein heißt: Mit 19 nach dem Abi nicht nur raus aus der Plattenbauwohnung ihrer Eltern, sondern ganz weg aus der drittgrößten Stadt Mecklenburg-Vorpommerns.
    Es zieht sie fort aus Neubrandenburg. Richtung Westen. Sie studiert Schauspiel und Regie, bekommt Engagements, sogar Festanstellungen an den Theaterhäusern Oldenburg und Braunschweig. Hätten sich Möglichkeiten in - sagen wir - Dresden oder Potsdam ergeben, hätten ihre Eltern auf ihr Weggehen vermutlich anders reagiert. Doch so?
    "Also meine Familie sagte tatsächlich nicht, Rika geht nach Oldenburg oder Braunschweig, sondern sie sagte, Rika geht in den Westen. Ich bin Jahrgang 1981. Für mich war das, glaube ich, gar nichts Besonderes. Also ich habe nicht darüber nachgedacht 'Ich gehe in den Westen', sondern 'Ich gehe nach Oldenburg oder Braunschweig.'"

    Heimat als Zeitphase

    Hatte sie Heimweh nach Neubrandenburg, der "Stadt der Vier Tore" am Tollensesee? Oder wenigstens nach Mecklenburg-Vorpommern mit Ostseeküste und tausend Binnenseen? Nicht wirklich oder jedenfalls nie so stark, dass sie an Rückkehr und Bleiben denkt.
    Auch der Begriff 'Heimat' bringt lange Zeit keine Saite in ihr zum Klingen. Irgendwann kommt sie auf die Idee, nicht einen bestimmten Ort als Heimat zu empfinden, sondern eine Zeitphase. Für sie ist es das erste Jahrzehnt unmittelbar nach der Wende, in das ihre Schulzeit fällt, das Ausprobieren und Erwachsenwerden.
    Unvermittelt legt Rika Weniger ihre Kuchengabel beiseite, richtet den Blick nach innen und berichtet dann von ihrem täglichen Schulweg durch das Plattenbauviertel, in dem sie damals mit Eltern und Schwester lebte.

    "Ich will nirgends dazugehören"

    "Also zum Beispiel dieses Angsthaben vor Nazis - das gehörte zu den 1990ern tatsächlich auch dazu. Die Neunziger als Heimat zu sehen, das habe ich auch so für mich entdeckt: Sehr grau. Die Eltern, hatte man das Gefühl, waren mit ganz anderen Dingen beschäftigt und auch mit sich und den Dingen, die sie neu hinkriegen mussten.
    Neonazis stehen mit Reichskriegsflaggen in der Hand zusammen. Ihr Blick ist ernst und entschlossen.
    Die Angst vor Neonazis gehörte in den 1990er-Jahren in vielen Orten Ostdeutschlands zum Leben dazu.© picture-alliance/ ZB / Siegbert Heiland
    Dadurch hatte man tatsächlich so ein bisschen auch Anarchie oder Freiheit. Aber das war tough irgendwie. Es ging ganz viel um Zugehörigkeit: Ist man rechts oder links oder Hip Hopper oder was? Und ich dachte immer 'Nee, also ich will überhaupt gar nirgends dazugehören. Ich will mich nicht anziehen müssen, um irgendwo dazuzugehören."

    Streitpaar in politischen Sachen

    Nach der Schulzeit weg aus Heimatstadt, ja Heimatland - nichts Ungewöhnliches. Nur: Rika Weniger ist eine von Hunderttausenden Mecklenburgern und Vorpommern, die ihre Heimat in den Neunzigern oder Anfang der Nullerjahre verlassen und höchstens zum Familienbesuch zurückkehren.
    Rikas Eltern, die Mutter Kindergärtnerin, der Vater gelernter Werkzeugmacher, wollten nie aus Neubrandenburg weg. Schon gar nicht in den Westen und nicht einmal in jenen Umbruchzeiten, als die früheren DDR-Betriebe dichtmachen und die bis dahin unbekannte Massenarbeitslosigkeit grassiert. Apropos Vater, sagt Rika Weniger:
    "Der ist mir sehr wichtig. Wir sind aber so ein Streitpaar in diesen politischen Sachen, zumindest seit ich nicht mehr zu Hause wohne. Ich glaube, ich habe meinen Vater auch mal als 'Jammer-Ossi' bezeichnet. Ich habe es nicht ausgesprochen, aber in mir war das so mein Wort für ihn. Ich war auch genervt von Geschichten, die sich immer wiederholen und wo ich sage 'Du hängst irgendwo fest.' Und: 'Komm' mal im Hier und Jetzt an!'"

    Den Vater verstehen lernen

    Die Eltern erleben alles mit, was nach der Implosion des Staates DDR folgt: Umbrüche, Abbrüche, Aufbrüche. Sie leben heute noch in der alten, jetzt natürlich sanierten Wohnung in jenem Plattenbauviertel, in dem Rika aufgewachsen ist.
    Ist sie zurück in ihrem früheren Zuhause, fühlt sie sich heimisch und fremd zugleich. Oft findet sie sich in einer Situation wieder, in der sie das Gefühl hat, "den Westen" beziehungsweise "die Wessis" verteidigen zu müssen, vor allem gegen ihren Vater. Erst mit der Zeit lernt Rika Weniger ihn zu verstehen.
    Eine Straße in einer Plattenbau-Siedlung. Am Straßenrand stehen Autos. Am Ende der Straße steht ein Plattenbau, der noch nicht renoviert ist.
    Heimat empfindet Rika nicht als Ort, sondern als Lebensphase - das erste Jahrzehnt nach dem Fall der Mauer, als sie mit ihren Eltern in einer Plattenbau-Siedlung lebte.© picture alliance / ZB / Bernd Wüstneck
    "Ich glaube, tatsächlich ist mein Papa nicht jemand, der die DDR unbedingt wieder zurückhaben will. Es hat wirklich mehr damit zu tun, dass er in der BRD nicht so angekommen ist. Und ich habe das quasi immer abgewehrt. Und diesmal wollte ich mich tatsächlich damit beschäftigen: Was steckt denn da eigentlich dahinter?"

    Der Osten als "Dunkeldeutschland"

    Gemeinsam mit Noah Voelker aus Austin in Texas und Burghard Körner aus dem sächsischen Mittweida, der jetzt in Amsterdam lebt, beginnt Rika 2018 mit der Arbeit an dem Theaterprojekt namens "Wie macht man gute Kunst für Ostdeutsche?"
    Der letzte Anlass dafür: Sie habe sich über den AfD-Zuspruch in Mecklenburg-Vorpommern bei den Landtags- und Bundestagswahlen 2016/17 Wahlen erschrocken, aber auch über die Art und Weise, in der viele Politiker und Journalisten über den Osten als "Dunkeldeutschland" sprachen, erzählt Rika Weniger auch ihrem Publikum bei Diskussionen direkt nach der Vorstellung:
    "Das war dann tatsächlich einer der ersten Momente, wo ich mich extrem stark als Ostdeutsche identifiziert habe. Ich habe dort Familie. Das ist meine alte Heimat. Und da sozusagen wieder so eine Zuschreibung zu machen und zu sagen, wann man die Grenze einzeichnen darf, also wann es sie noch gibt und wann es sie am besten nicht mehr geben sollte? Da habe ich tatsächlich dagesessen und gesagt: 'Das finde ich jetzt nicht ok.'"

    Die Rückkehr als Chance

    Als ihr Lebensgefährte vor knapp zwei Jahren das berufliche Angebot erhält, in die vorpommersche Hansestadt Greifwald zu gehen, packt Rika kurz entschlossen Kind und Koffer und zieht mit. Seit diesem Sommer lebt sie sogar in Neubrandenburg, ist also nach 20 Jahren vollends zurückgekehrt in ihre Heimatstadt, die sich gehäutet hat und viel weniger Grau zeigt.
    Rika Weniger steht in einem Raum. Auf dem Boden ist mit Klebestreifen ein großes Quadrat abgeklebt. Darin steht sie und ihr Bühnenpartner hilft ihr in eine blaue Jacke.
    Rika Weniger und ihr Schauspielpartner Burghard Körner in ihrem Stück "Wie macht man gute Kunst für Ostdeutsche?".© Silke Hasselmann
    Sie nimmt abgerissene Fäden auf, entwickelt Kunstprojekte in der Stadt und für die Stadt, führt nach langer Corona-Pause endlich auch das Stück "Wie macht man gute Kunst für Ostdeutsche?" auf. Dreißig Szenen, die sich mit ostdeutscher Identität auseinandersetzen, von Treuhand über Kleine Weiße Friedenstaube bis hin zu Ostalgie und Selbstmitleid.
    Nicht einfach für jemanden wie sie, die lange in der Welt unterwegs war und von den Daheimgebliebenen als belehrend empfunden werden könnte.

    Die Herkunft beschreiben

    "Wo ich super stolz drauf bin: Ich habe schon ein paar durchaus kritische Sachen über Neubrandenburg gesagt, und ich hatte da ein bisschen Angst vor, wie die Leute reagieren. Ob sie sich vor den Kopf gestoßen fühlen. Denn das möchte ich eigentlich nicht. Aber das war tatsächlich gut! Das hat mich so sehr gefreut; man kann was sagen."
    Auch dazu, wie schwer es ihrer Generation DDR-Geborener fallen kann, ihre Herkunft zu beschreiben, wie in der Szene "Rika versucht etwas zu sagen".
    "Hallo, ich bin Rika Weniger und ich komme aus Neubrandenburg, und da bin ich stolz drauf! Nee, stimmt gar nicht. Bin ich gar nicht stolz drauf. Ich bin ostsozialisiert durch meine Eltern, denn ich war zu klein, um die DDR noch zu kennen, die Deutsche Demokratische Republik. Dies ist meine Perspektive auf den Fleck Erde nach 1989, der zurückblieb, als ich das Land, in dem ich geboren wurde, was das Land meiner Eltern ist, denn ich war noch zu klein, um die DDR wirklich zu kennen, aufhörte zu existieren."
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