Zurück zu den Wurzeln

    Wenn es Menschen plötzlich wieder in die Heimat zieht

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    Kleinstadt Modell eines Wochenmarktes.
    Freiwillige Feuerwehr statt Party und Museum: Wenn sie älter werden, entdecken viele Menschen wieder den Charme der Kleinstadt und des Dorfes. © imago / fStop Images / Martin Hospach
    Von Matthias Finger · 03.07.2021
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    Nichts wie weg und zwar für immer! Mit 20 verlassen viele das Dorf oder die Kleinstadt, in der sie aufgewachsen sind. Es zieht sie in die Metropolen. Doch Jahrzehnte später drängen plötzlich nicht wenige wieder zurück in die alte Heimat. Aber warum?
    Mein Freund Lars liebäugelt seit einiger Zeit mit der Idee, im fortgeschrittenen Alter könne er sich die Rückkehr in unsere Heimatstadt Halle an der Saale vorstellen. Ihm gefallen einfach gewisse Örtlichkeiten und Gebäude, sagt Lars. "Sich zurückzuerinnern, wie man rein und raus ist und wo man gegen Rechte demonstriert hat. Und wenn man vor Ort ist, dann wird es wieder zum eigenen Leben."
    Mit Alterssentimentalität habe sein romantischer Blick auf unseren Geburtsort nichts zu tun, meint Lars. Vielmehr könne man sich ins gemachte Nest setzen: Die meisten unserer alten Freunde sind dortgeblieben.
    "Und Halle ist ja auch nicht so groß", findet Freundin Nicole. "Wir haben etwas über 200.000 Einwohner. Wenn du durch die Stadt gehst, triffst du auch immer jemanden, den du kennst. Von daher hast du schon so ein familiäres Gefühl."
    Nicole ist nur "vorübergehend" nach Halle zurückgekehrt. Dabei ist der Wegzug aus der Großstadt nicht ungewöhnlich.

    In der Heimat ist der Wohnraum bezahlbar

    "Ganz klassisch ist es ja so, dass man als junger Mensch in die Stadt zieht – zur Ausbildung oder zum Studium. Dann findet man den ersten Job, gründet eine Familie und dann bildet man Eigentum und sucht eine größere Wohnung für die Familie und dann landet man oft im suburbanen Raum", sagt Wohnungsmarktexperte Ralph Hänger vom Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln.
    Doch weil Wohneigentum auch im Speckgürtel der Metropolen kaum noch bezahlbar ist, bietet sich der Rückzug in die Heimat an. Stefanie Batusic ist aus der Küstenstadt Savannah im US-Bundesstaat Georgia zurück in die Lausitz gekommen, um das kleine Stahlbauunternehmen der Familie zu übernehmen.
    "Mein Vater hat gesagt: 'Na, dann kommt doch zurück und arbeitet hier. Ich will die Firma irgendwann abgeben und ihr könnt hier in das alte Haus meiner Großeltern einziehen und dann macht ihr hier weiter.'"
    Im Zuge der sogenannten Erbschaftswelle werden in Deutschland 430.000 Immobilien pro Jahr hinterlassen. Das macht die Entscheidung für eine Rückkehr in die Heimat leichter:
    "Weil meine Wurzeln hier sind", sagt Stefanie. "Man hat die Geborgenheit, mit der man groß geworden ist, die alten Traditionen im Dorf. Man weiß immer übers Jahr hinaus: So läuft das hier auf dem Dorf."
    Statt das pulsierende Leben der Großstadt zu genießen, für das sie sich einmal bewusst entschieden hat, engagiert sich Stefanie nun im Heimatverein und bei der freiwilligen Feuerwehr.

    Die Nachwuchspflege und der konservative Reflex

    Als Single aus der öden Provinz geflohen, leben viele einen scheinbar konservativen Reflex aus, wenn die Brutpflege einsetzt: Die Kindheit des Nachwuchses soll so schön sein wie die eigene.
    "Sie haben gefeiert. Sie sind in die Museen gegangen. Sie lieben die Cafes noch immer und die Restaurants", sagt Isabell Prophet, Autorin und, wie sie sagt, Expertin für Glück und Arbeit. "Dann verändert sich aber die Lebenssituation. Dann kommen die Kinder und die Leute merken: Okay, als Kind musste ich 500 Meter laufen, um in ein kleines Waldstück zu kommen, das war schön."
    So manches Elternpaar findet die Großstadt irgendwann nicht mehr attraktiv. Zudem stimmt das Nutzen-Kosten-Verhältnis nicht. Susanne Wegner ist deshalb aus Wien ins südbrandenburgische Herzberg zurückgezogen.
    "Das war für mich erst mal nicht vorstellbar, weil ich mir gedacht habe: Das ist so ein bisschen ein Rückschritt. Das war nicht so in meiner Planung drin. Aber dadurch, dass mein Mann aus Österreich kommt, hatte der noch mal einen ganz anderen Blick. Also Dinge, die für mich gar nicht mal was Besonderes waren."

    Oma und Opa kümmern sich um die Kinder

    Dank Digitalisierung wird auch die Rückkehr in eine weit entfernte aber günstigere Heimat einfacher: Der gut bezahlte alte Job wird im besten Fall einfach mitgenommen und die erweiterte Familie hilft kostenlos bei der Aufzucht des Nachwuchses:
    "Für uns sind meine Eltern wirklich ein ganz großer Anker und auch das, was das Heimatgefühl ausmacht. Ich finde es natürlich auch schön zu sehen, wie meine Eltern mit den Kindern auch im Alltag umgehen."

    Eine Patisserie in Senftenberg

    Allerdings kann eine Rückkehr auch neue Probleme bringen: Nach Jahren in Salzburg ist Geraldine Lösche in ihre Heimatstadt Senftenberg nördlich von Dresden zurückgekehrt und hat eine Patisserie nach Pariser Vorbild eröffnet. Doch die Liebe zum Großstadtleben lässt sie nicht los:
    "Eigentlich vermisse ich es auch ein bisschen. Ich bin beides. Ich habe ein Pferd und bin gern in der Natur. Aber ich mag manchmal auch neue Eindrücke, neues Essen, neue Leute, ein bisschen Trubel. Das brauche ich genauso. Das ist es mir in Senftenberg manchmal zu wenig." Zum Glück ist die nächste Großstadt nur eine Autostunde entfernt.

    Und: Für mich selber ist die Rückkehr in die angestammte Heimat nur in schwachen Momente eine Option. Wenn alle Stricke reißen – nach Halle gehen kann ich immer.
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