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Tonart | Beitrag vom 05.07.2018

Rudolstadt-FestivalLieder gegen Leid und Unterdrückung

Von Grit Friedrich

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Rudolstadt 2017 (picture alliance / Martin Schutt)
In Rudolstadt werden auch italienische Partisanen- und Volkslieder zu hören sein. (picture alliance / Martin Schutt)

"Bella Ciao" ist nicht nur das bekannteste italienische Volkslied. Es gab auch vor 50 Jahren einem Musikprojekt seinen Namen, das nun auf dem Rudolstadt-Festival wieder zu hören sein wird. Es ist eine Reise durch die italienische Folklandschaft.

"Als Bella Ciao in Spoleto aufgeführt wurde, war ich 14 Jahre alt. Spoleto ist 25 km von meiner Geburtsstadt Terni entfernt. Mein Vater hatte einen Zeitschriftenkiosk, und eines Tages hing er dort ein riesengroßes Plakat mit der Schlagzeile ‚Skandal von Spoleto‘ auf. Mit meinen 14 Jahren hatte ich damals, das war 1964, natürlich keine Ahnung vom Festival von Spoleto, und ich fragte mich, was das wohl für ein Skandal war. Ein paar Jahre später hat mir meine Cousine eine Platte mit dem Programm Bella Ciao geschenkt. Natürlich waren das keine Lieder, die damals im Radio gespielt wurden. Ich hörte sie mir an und es war um mich geschehen."

Lucilla Galeazzi gehört zum Sängerinnen-Trio des aktuellen Bella Ciao Projektes und sie ist die tragende Stimme vieler Lieder. Der Skandal von Spoleto 1964 bestand im lärmenden Protest einiger Militärs gegen das Antikriegslied Gorizia. Ein Lied, das die grausamen Schlachten des Ersten Weltkriegs in den Julischen Alpen bewegend beschreibt und das Lucilla Galeazzi mit Kraft und Wut singt.

Wiederaufführung zwischen Tradition und Innovation

"Das Lied Gorizia repräsentiert für mich die Gedankenwelt und die Tragödie des Ersten Weltkrieges in Italien. Diese Schlacht war die blutigste in diesem Krieg, den Italien gegen Österreich führte. Es trafen mehr als hunderttausend Soldaten aufeinander, und es war ein Gemetzel. Es starben 60 Prozent der Italiener und 40 Prozent der Österreicher, egal ob einfache Soldaten oder Offiziere."

Doch die Premiere von Bella Ciao in Spoleto blieb nicht als Skandal im Gedächtnis Italiens, sondern gilt als Geburtsstunde einer jungen Folkbewegung: Inspiriert von großen Stimmen der Zeit wie Giovanna Marini, Caterina Bueno und Rosa Balistreri begann nicht nur Lucilla Galeazzi zu singen, auch der heute bekannteste Organettospieler Italiens Riccardo Tesi hing in den 70er-Jahren sein Psychologiestudium für die Musik an den Nagel. Und so war es Tesi, der das Programm Bella Ciao auch für seinen Vater wieder auf die Bühne brachte, denn der besaß in seinem Leben eine einzige Schallplatte mit ebendiesen Volksliedern. 

"Franco Fabbri, ein sehr wichtiger Musikologe, hat mich dann gebeten, diese Bella Ciao Konzert zum 50-jährigen Jubiläum wieder auf die Bühne zu bringen. Ich fühlte eine große Verantwortung und ich fühlte mich auch geehrt, dass sie mich ausgewählt haben. Ich wollte eine Wiederaufführung, die sich zwischen Innovation und Tradition bewegt. Normalerweise wäre ich fordernder, aber alle Leute haben gesagt, ändere nicht zu viel, die alte Garde schaute genau hin, sodass ich ein wenig Angst hatte. Wir haben ein gutes Gleichgewicht erreicht und ich denke, das ist einer der Gründe für den großen Erfolg dieser Show."

Die besten Stimmen der italienischen Folkszene

Tesi verpflichtete die besten Stimmen der aktuellen Folkszene und holte neben Lucilla Galeazzi noch die sardische Sängerin Elena Ledda und den politischen Songwriter Alessio Lega ins Boot. Heraus kam eine beeindruckende Reise durch italienische Folklandschaften von Norden bis in den Süden, die vor allem live einen besonderen Zauber ausstrahlt.

"Wenn ich ein Konzert vorbereite, möchte ich wie ein Maler alle Farben einsetzen, nicht nur eine einzige. Darum gefällt es mir Regie zu führen, denn ich versuche das Beste aus jedem herauszuholen. Damals war das nur Stimme-Gitarre, auf angelsächsische Weise gespielt. Ich habe einige Arrangements verändert und einige neue Melodien hinzugefügt, neue Rhythmen. Eben eine andere Art der Begleitung, um die Atmosphäre dieser Lieder zu erneuern."

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