Dienstag, 18.09.2018
 

Lesart | Beitrag vom 18.08.2018

Ronan Farrow: "Das Ende der Diplomatie" Eine pauschale These, die vor allem Vorurteile bedient

Von Marcus Pindur

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Zeichnung eines US-Soldaten auf einem Panzer / Cover: "Das Ende der Diplomatie" (Bild: Imago / Cover: Rowohlt Verlag)
Farrow geht so weit, eine Pauschalthese aufzustellen, nämlich die einer "Militarisierung der amerikanischen Außenpolitik". (Bild: Imago / Cover: Rowohlt Verlag)

Ronan Farrow gilt als Wunderkind: Mit 22 Jahren schloss er das Jura-Studium in Harvard ab. Und direkt im Anschluss wurde zum Sonderberater der Obama-Regierung. Sein aktuelles Buch "Das Ende der Diplomatie" aber zeigt, dass sich auch ein Wunderkind inhaltlich überheben kann.

Wer sich Ronan Farrows junges Leben ansieht, dem fallen zwei Dinge besonders ins Auge: seine familiäre Herkunft und sein Ruf als frühreifes Wunderkind.

Zunächst mal die Familie: Seine Mutter ist die Schauspielerin Mia Farrow und sein Vater der Schauspieler und Regisseur Woody Allen. Mit dem hat er jedoch völlig gebrochen und das auch öffentlich – Ronan Farrow hat sich sehr erregt darüber, dass sein Vater ein Verhältnis mit seiner Stiefschwester angefangen hat. In dieser Familie wird viel schmutzige Wäsche gewaschen, und oft geht es dabei um das Thema sexuellen Missbrauchs. Und damit sind wir beim Pulitzer-Preis 2018: Es ist wegen dieses familiären Hintergrundes nicht überraschend, dass Ronan Farrow den Pulitzer-Preis seinen journalistischen Recherchen um den Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein verdankt. Wir erinnern uns: Daran entzündete sich die weltweite Me-Too-Debatte über sexuellen Missbrauch.

Das andere Ungewöhnliche in Farrows Lebenslauf ist seine ziemlich steile Bildungskarriere. 1987 geboren, verließ er mit elf die Schule und ging aufs Bard College, wo er mit 15 seinen Bachelor Abschluss machte. Mit 22 schloss er in Yale ein Jura Studium ab.

Magere Quellen trotz hunderter Interviews

In seinem aktuellen Buch "Das Ende der Diplomatie" vertritt Farrow die These einer Militarisierung amerikanischer Außenpolitik zulasten der Diplomatie. Dazu hat er über 200 Interviews mit Diplomaten und Militärs geführt, das ist sein hauptsächlicher Quellenkorpus. Darunter sind auch Interviews mit sechs ehemaligen amerikanischen Außenministern, und das ist zunächst einmal beeindruckend. Aber Farrow hat so gut wie keine schriftlichen Quellen, außer Meinungsstücken aus amerikanischen Zeitungen und Magazinen, und das ist wiederum ein bisschen zu mager, um wissenschaftlich zu überzeugen.

Farrow beschäftigt sich in seinem Buch zum überwiegenden Teil mit der Afghanistanpolitik der USA während der Obama-Administration. Das umfasst den ganzen Komplex des Umgangs mit Afghanistan und Pakistan – was daran liegt, dass Pakistan den Taliban gewollt, ungewollt, manchmal widerwillig, manchmal gezielt Unterstützung gewährt. Man kann also den Krieg in Afghanistan nicht abkoppeln vom Verhältnis zum Nachbarn Pakistan.

Farrows Arbeit für Richard Holbrooke, den amerikanischen Diplomaten, steht im Zentrum dieses Buches. Und Holbrookes Ziel war es stets, in Afghanistan unter Einbeziehung der Taliban einen Verhandlungsfrieden herzustellen. So, wie es ihm gelungen war, in Dayton, Ohio, in den 90er-Jahren ein Ende des jugoslawischen Bürgerkrieges auszuhandeln.

Doch Holbrookes Ego war sehr groß, seine Umgangsformen ruppig, und so war er in der Sicherheitsbürokratie des Weißen Hauses sehr unbeliebt – und seine zentrale Idee, die Taliban mit der damaligen afghanischen Regierung an einen Tisch zu zwingen, wurde nie vom Weißen Haus unterstützt, schreibt Farrow. Stattdessen habe sich Obama immer eher den Rat von Generälen wie McCrystal geholt und sich darauf verlassen. Man habe deshalb die Chance versäumt, zur Zeit der größten Truppenpräsenz Druck auf beide Konfliktparteien auszuüben und sie zu einem Kompromiss zu zwingen.

Und das, – und da kommen wir zu der grundsätzlichen These des Autors – das wiederum sei ein Mosaikstein einer grundsätzlichen Missachtung von Diplomatie durch die amerikanische Außenpolitik seit 9/11 gewesen. Farrow geht so weit, eine Pauschalthese aufzustellen, nämlich die einer "Militarisierung der amerikanischen Außenpolitik". Und damit vom "Ende der Diplomatie".

Wesentliche Beispiele für Diplomatie finden kaum Beachtung

Nun ist Farrow nicht der erste, der eine solche Militarisierung beschreibt. Aber stimmt die These? Dafür spricht, dass der Krieg gegen den Terror natürlich und unvermeidlich auch mit militärischen Mitteln geführt werden muss. Dafür spricht auch, dass der Irak-Krieg zu einem nicht unwesentlichen Teil der Furcht entsprang, Saddam Hussein könne Nuklearwaffen entwickeln und diese auch an Terroristen weitergeben. Dafür spricht, dass die USA in Afghanistan mittlerweile in den längsten Krieg ihrer Geschichte verwickelt sind.

Und dennoch hat dieses Pauschalurteil gravierende Mängel – und ist meines Erachtens auch falsch. Denn gerade Obama ist dafür kritisiert worden, dass er das militärische Engagement und die militärische Präsenz erst im Irak und dann in Afghanistan massiv zurückgefahren hat. Der Aufstieg des sogenannten Islamischen Staates wird zum Teil dem Totalrückzug aus dem Irak angelastet. Unter Obama wurden auch die US-Truppen in Europa weiter abgebaut – bis zum russischen Einmarsch auf der Krim.

Ein weiteres Problem dieses Buches ist, dass Farrow sich im Wesentlichen auf seine eigene Erfahrung in der Zusammenarbeit mit dem AfPak-Beauftragten Holbrooke stützt. Dadurch lässt er wesentliche Beispiele für Diplomatie außer Acht, die erst in der zweiten Amtszeit Obamas zum Tragen kommen – wie das Pariser Klimaabkommen und den größten Erfolg der internationalen Politik Obamas: das Atomabkommen mit dem Iran. Auch die Öffnung zu Kuba kommt kaum in Farrows Buch vor. Und auch gescheiterte diplomatische Initiativen wie der Neustart mit Russland der ehemaligen Außenministerin Clinton kommen nicht vor.

Das Wunderkind Ronan Farrow kann also nicht überzeugen. Das liegt auch daran, dass er etwas tut, was viele Journalisten gerne machen: Er stellt auf einer schmalen Quellenbasis eine weitreichende, sensationalistische These auf, die zwar vielen Vorurteilen über amerikanische Außenpolitik entgegenkommt, aber einer breiteren Reflektion des Themas nicht standhält.

Ronan Farrow: "Das Ende der Diplomatie. Warum der Wandel der amerikanischen Außenpolitik für die Welt so gefährlich ist"
Rowohlt, Reinbek 2018
544 Seiten, 22,00 Euro 

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