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Lesart | Beitrag vom 18.10.2019

Romanautor Norbert GstreinUm das Zentrum der Scham herumschreiben

Norbert Gstrein im Gespräch mit Andrea Gerk

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Norbert Gstrein sitzt auf einem orangenen Boden und lehnt an einer Wand. (Deutschlandradio/ Jelina Berzkalns)
Norbert Gstrein, hier auf der Frankfurter Buchmesse, schreibt über das, was Menschen vor sich und anderen verbergen. (Deutschlandradio/ Jelina Berzkalns)

Was wissen wir wirklich über unsere Mitmenschen? Was über uns selbst? In "Als ich jung war" gräbt sich der Erzähler Schicht um Schicht tiefer in sein eigenes Ich. Ein Roman über die Suche nach Wahrheit – und die Angst vor ihr.

Mit seinem neuen Roman "Als ich jung war" kehrt der österreichische Autor Norbert Gstrein in seine Tiroler Heimat zurück. Anders als der Titel vermuten lässt, handelt es sich nicht um einen nostalgischen Rückblick. Sondern um ein präzises Werk, dessen Hauptfigur und Erzähler Franz nach der Wahrheit sucht – vor allem über sich selbst.

"Franz ist ein hochproblematischer Erzähler, der von sich selbst spricht. Ein Erzähler, dem man nicht trauen soll, ein unzuverlässiger Erzähler, der sich immer mehr in einen Verdachtssituation hineinredet", sagt Norbert Gstrein.

Geheime Abgründe

Im Zentrum steht dabei Franz' Verhältnis zu Frauen, das nicht unproblematisch zu seien scheint: "Eine Figur im Roman sagt: Jeder Mensch habe in seinem Leben ein Zentrum des Schweigens, ein Zentrum der Scham, von dem er nicht möchte, dass andere Menschen darüber erfahren. Um dieses Zentrum erzählt Franz herum. Man erfährt Dinge über ihn, aber hat den Eindruck, das Zentrale spart er aus", so Norbert Gstrein. 

Wem kann ich trauen? Was kann ich wissen? Diese Themen hätten ihn schon immer interessiert, sagt der österreische Autor. So lange man sich im öffentlichen Raum anständig verhalte und anständige Sätze formuliere, ließe sich nichts Nachteiliges über eine Person sagen. Das hieße aber nicht, dass in deren Gedanken nicht möglicherweise ganz andere Stürme tobten.

Spiel mit der Glaubwürdigkeit

Nicht zu wissen, auf wen oder was man vertrauen kann, mit Glaubwürdigkeit zu spielen und Wahrheiten zu verschleiern – all das könne als Verfahren literarisch sehr fruchtbar sein, so Norbert Gstrein. "Es gibt Literatur, die ihre Geschichte sehr eindeutig erzählt – eine Literatur, die mich schlichtweg weniger interessiert", sagt der Autor.

"Und es gibt eine andere Literatur, die versucht, den Menschen als wirkliches Wesen und in all seinen Möglichkeiten zu begreifen. Das heißt auch in seinen Schreckensmöglichkeiten." Das sei es, was das Buch versuche: Eine Idee davon zu bekommen, wie wenig man von sich selbst weiß.

(rod)

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