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Lesart / Archiv | Beitrag vom 15.09.2014

RomanGroße Erwartungen

Karine Tuil: "Die Gierigen"

Von Dina Netz

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Blick auf den East River in New York. Ein Großteil des Romans spielt in den USA. (picture alliance / dpa / Alexandra Schuler)
Blick auf den East River in New York. Ein Großteil des Romans spielt in den USA. (picture alliance / dpa / Alexandra Schuler)

Nina, Samuel und Samir - drei Menschen, die viel wollen und genau deshalb ihre Ziele nicht erreichen. Ihre misslungene Dreiecksbeziehung ist nur der Anfang des großen Scheiterns. Ein fesselnder Gesellschaftsroman über Schein und Sein.

Kaum zu glauben, welche Funken Karine Tuil aus einer einfachen Dreieckskonstellation schlägt: Eigentlich geht es nur um eine Frau zwischen zwei Männern, in Wirklichkeit aber um die ganz großen menschlichen und sozialen Themen – Egoismus, Rassismus, Kapitalismus.

Nina und Samuel sind ein Studentenpaar, als sie Samir kennenlernen. Die drei ziehen fortan als unbesiegbares Trio durch Paris, malen sich eine grandiose Zukunft aus. Doch als Samuel seine Eltern durch einen Unfall verliert, lässt sich Nina von Samir trösten. Sie entscheidet sich schließlich doch für Samuel, aber das Trio zerbricht.

20 Jahre später sehen Samuel und Nina Samir im Fernsehen wieder: Er ist inzwischen erfolgreicher Anwalt in den USA, hat sich statt der muslimischen eine jüdische Identität zugelegt und die Tochter eines einflussreichen jüdischen Geschäftsmannes geheiratet. Nina und Samuel erblassen vor Neid, denn sie selbst führen ein eher kümmerliches Leben: Nina modelt für Kaufhaus-Kataloge, Samuel wollte eigentlich Schriftsteller werden, hat aber nie etwas veröffentlicht. Sie beschließen, Samir zu treffen, und setzen damit eine Kaskade von Ereignissen in Gang, die sie nicht mehr eindämmen können.

Einstürzende Lügengebäude

Karine Tuil lässt alle drei grandios scheitern – damit verrät man nicht zu viel, denn die Anzeichen dafür durchziehen das Buch. Ihre Figuren sind von Ehrgeiz getrieben, weil sie sich vom Leben benachteiligt fühlen: Nina hat kein Selbstvertrauen, Samuel sieht sich als Opfer der Verhältnisse, und der Muslim Samir fühlt sich diskriminiert. Und so bauen sie ihre Erfolge auf unterschiedlichen Lügengebäuden auf, deren Fundamente sie irgendwann nicht mehr tragen werden.

Tuils Roman ist also weit mehr als nur eine raffinierte Dreiecksgeschichte, sondern auch eine Zeitdiagnose, die so abstrakte Themen wie sozialen Druck, Bankenkrise, Terrorismus in den Lebensläufen konkreter Figuren spiegelt.

Kurzweilige Lektüre 

Fast 500 Seiten braucht Karine Tuil für ihre Geschichte, die einem beim Lesen aber eher halb so lang vorkommt – so fesselnd ist dieser Gesellschaftsroman über Schein und Sein und die verschiedenen Facetten des Scheiterns. Das liegt auch daran, dass Tuils Figuren so faszinierend sind, abstoßend und sympathisch zugleich. Ihre Lügen und Verrate sind abscheulich, aber doch irgendwie auch nachvollziehbar; zerrissene, tragische Figuren - menschlich eben.

Große Teile von "Die Gierigen" spielen in den USA, und das passt nicht nur, weil Samirs Tellerwäscher-Karriere dort weniger erstaunlich ist als im streng hierarchischen Frankreich. Es passt auch, weil der Roman überraschend unfranzösisch ist, eher an weit ausgreifende amerikanische Gesellschaftsromane erinnert, keine Angst vor Pathos hat und zugleich keine Grausamkeit auslässt.

 

Karine Tuil: Die Gierigen
Aus dem Französischen von Maja Ueberle-Pfaff
Aufbau Verlag, Berlin 2014
479 Seiten, 19,95 Euro

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