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Lesart | Beitrag vom 14.09.2020

Roman Ehrlich: "Malé"Die Katastrophe als Konsequenz

Von Marten Hahn

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Cover des neuen Romans von Roman Ehrlich, der „Malé“ heißt. (S. Fischer Verlag / Deutschlandradio)
Roman Ehrlich unterläuft die Erwartungen der Leser - und hat auch gerade deswegen einen großartigen Roman verfasst. (S. Fischer Verlag / Deutschlandradio)

Selten wurde der Klima-Notstand so intelligent auf den Punkt gebracht wie in dem Roman "Malé", der von einer Aussteigergemeinschaft auf den Malediven erzählt. Roman Ehrlich verweigert seinen Lesern dabei konsequent Spannung und Anteilnahme - aus Prinzip.

Es gibt Bücher, die empfangen ihre Leser mit offenen Armen und begrüßen sie mit klarer Sprache und packendem Plot. "Malé" ist nicht so ein Buch. Das macht das neue Werk von Roman Ehrlich zu einer schwierigen, aber interessanten Lektüre.

"Malé" erzählt von einer Aussteigergemeinschaft, die sich in der Hauptstadt der Malediven zusammengefunden hat. Die Inselkette im Indischen Ozean ist schon lange kein Touristenziel mehr. Klimawandel und steigender Meeresspiegel haben fast alles aufgeweicht und weggespült – von den Hotels bis zu Regierungsstrukturen. Dennoch zieht es immer wieder Menschen aus anderen Ecken des zerfledderten Planeten nach Malé, "Verlorene" und "Egozentriker, die vor der Welt oder vor sich selbst geflüchtet sind".

Damit passt Ehrlichs dritter Roman auf den ersten Blick in die Schublade, die heute Cli-Fi heißt, Climate Fiction. Viele Bücher des Genres opfern im Kampf für die "gute Sache" ihre literarische Ästhetik, oft siegt moralischer über künstlerischen Anspruch. Ehrlich entgeht dieser Falle durch ein gekonntes Manöver: Sprache.

Reflexionsstärke und Intelligenz

Wer zum ersten Mal ein Buch des Autors liest, dürfte die ersten Seiten von "Malé" nur mit Mühe überstehen: Ehrlichs Prosa geht Umwege. Wer nicht aufpasst, wird von endlosen Sätzen aus dem Buch gekegelt. Überall anstrengendes Passiv und ungelenke Beschreibungen. Es dauert eine Weile, bis klar wird: Dieser Stil ist Feature – nicht Bug.

Ehrlichs Sprache bremst aus und verweigert ganz bewusst jede Spannung. So distanziert und anteilnahmslos erzählt der Autor von dem "todgeweihten Atoll" und seinen Bewohnern, dass man sich um keinen einzigen der Protagonisten schert.

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Dass "Malé" dennoch für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde, liegt an der Reflexionsstärke des Autors und der Intelligenz des Buchs. Eine Intelligenz, die sich hinter vielen Substantiven versteckt und hinter Sätzen wie: "Diese große und vielleicht letzte Katastrophe ist aber kein einzelnes, apokalyptisches Ereignis, sondern eine langsam fortschreitende Konsequenz." Selten wurde der schwer begreifbare Klimanotstand so auf den Punkt gebracht.

In Ehrlichs Endzeit-Setting gibt es keinen zielorientierten Kampf ums Überleben. Der fortschreitende Weltuntergang bringt hier keine Klarheit. Stattdessen verfallen die Inselbewohner einer Droge namens "Luna". Entsprechend liefert der Autor vor diesem Hintergrund keine gute Geschichte, sondern schafft Raum für Assoziationen.

Ein Buch wie ein David-Lynch-Film

Wer sucht, findet in "Malé" eine Passage über die "schreckliche Geste des Geschichtenerzählens", die sich wie ein Statement des Autors liest. "Wer die Welt so wahrnimmt – als einen Haufen guter Geschichten -, dem sollte man eigentlich das Schreiben verbieten." Literatur solle doch bitte "die Ratlosigkeit, die Schweigsamkeit der Dinge, die Geheimnisse hinter den Symbolen und die Angst" verhandeln. Genau das schafft "Malé" und erinnert damit an Juan S. Guses magischen Roman "Miami Punk".

Ehrlichs Stil fordert Aufmerksamkeit ein. Aber wer sich durchbeißt, bleibt angenehm verwirrt und vom Ozean zerweicht zurück. "Malé" ist ein Buch wie ein David-Lynch-Film: bedeutungsschwanger und undurchdringlich. Desto länger man darauf herumdenkt, desto größer wird es. Und desto unheimlicher hallt das Echo, nachdem das Buch längst wieder im Regal steht.

Roman Ehrlich: "Malé"
S. Fischer Verlag, Frankfurt 2020
288 Seiten, 22 Euro

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