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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 01.11.2017

Rohingya in MyanmarLeiden unter der Gewalt der Gewaltlosen

Von Uwe Bork

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Die Rohingyas flüchten weiterhin aus Myanmar (29.9.2017). (AFP / Fred Dufour)
Hunderttausende der muslimischen Rohingya sind auf der Flucht (AFP / Fred Dufour)

In Myanmar vertreiben die Buddhisten die muslimische Minderheit der Rohingya, schon mehr als eine halbe Million von ihnen musste fliehen. Wen diese Grausamkeit verwundert, der kennt den Buddhismus nicht gut genug, meint Uwe Bork: Auch er fördere das Missionieren.

Ausgerechnet die Buddhisten. Ausgerechnet diese Religion, deren Vertreter nach wohlwollendem westlichen Verständnis nicht in der Lage sind, auch nur einer einzigen Fliege ein einziges Haar zu krümmen, ausgerechnet diese Religion ist jetzt in eine mörderische Auseinandersetzung verstrickt. Im Gefolge von etwas, das der Begriff "ethnische Säuberung" bestenfalls beschönigt, sind bis jetzt schon rund 600.000 muslimische Rohingya von Myanmar nach Bangladesch geflohen, von den Getöteten gar nicht zu reden.

"Kauft nicht bei Muslimen"

Nicht zuletzt die orangefarbenen Roben der buddhistischen Mönche haben bei diesem Morden und Meucheln blutrote Flecken bekommen. Mit dem Mönch Wirathu war es nämlich einer der ihren, der das Blutvergießen vom bislang eher nachbarschaftlichen Zaun gebrochen hat. Sein Beiname "Ashin" – etwa "der Ehrwürdige" – muss Myanmars Muslimen wie Hohn in den Ohren klingen, denn er und seine "Ma Ba Tha"-Bewegung bedrohen sie in ihrer Existenz. Über "Ma Ba Tha", das steht für "Vereinigung zum Schutz von Rasse und Religion", giftet der Hassprediger, die Muslime wollten Myanmar zu einem Kalifat umbauen. Er ergänzt das durch Parolen, die in deutschen Ohren seltsam klingen: "Kauft nicht bei Muslimen!" ist eine davon.

Schlechtes Karma für eine Religion, die in ihrem Ethos der Nächstenliebe dem Christentum sehr nahesteht. Schlechtes Karma, selbst wenn der Dalai Lama als derzeit wohl angesehenster Vertreter des Buddhismus die Verfolgung der Rohingya immer wieder scharf verurteilt. "Buddha steht auf Seiten der Muslime, die jetzt von Buddhisten angegriffen werden", gab er in einem Interview zu Protokoll.

Ein Buddhist muss nicht gleichzeitig Pazifist sein

Wie in vielen Religionen ist es auch im Buddhismus angelegt, sein geographisches wie spirituelles Territorium auszudehnen. Danach fördert es zum Beispiel die eigenen Chancen auf Höherstufung im nächsten Leben, wenn der fromme Buddhist nicht nur selbst nach den Grundsätzen seines Religionsgründers handelt, sondern wenn er auch anderen nahebringt, das zu tun. Mehr Buddhisten, weniger Leid, könnte man solchen Missionsdrang rechtfertigen.

Auch wenn Missionierung nach den Lehren Buddhas auf Überzeugung und nicht auf Gewalt fußen muss, bedeutet das nicht unbedingt auf Gewalt grundsätzlich zu verzichten. Ein Buddhist muss nicht gleichzeitig Pazifist sein, ja, er darf es eigentlich nicht einmal. Dabei geht es nicht nur um ein individuelles Notwehrrecht, sondern der Buddhismus hat nach enger Auslegung die Aufgabe, einen seinen Gesetzen gehorchenden Staat zu errichten und auch wirksam zu verteidigen, Option zur Gewaltlosigkeit hin oder her.

Reinheit in Rasse und Religion angestrebt

Genau das hat Ashin Wirathu im Kopf, wenn er die Buddhisten seines Landes auffordert, Menschen anderen Glaubens aus Myanmar zu vertreiben und so eine echte buddhistische Gemeinschaft zu schaffen. Er will Reinheit in Rasse und Religion, ein Ziel, das bislang immer zu unzähligen Toten geführt hat.

Zum Dalai Lama, der selbst nach der Besetzung seiner Heimat Tibet durch die Chinesen stets auf Gewaltlosigkeit gesetzt hat, steht Wirathu damit im Gegensatz. Und auch Buddha könnte er falsch verstanden haben, denn der forderte in einer seiner Lehrreden, durch kluge Politik zu herrschen und nicht durch Gewalt. Dann, so sagt er, werden die Menschen "frohen Herzens mit ihren Kindern spielen und in offenen Häusern wohnen." In Myanmar ist man im Moment davon weit entfernt.

 Uwe Bork (Deutschlandradio )Uwe Bork (Deutschlandradio )Uwe Bork, geboren 1951 im niedersächsischen Verden (Aller), studierte an der Universität Göttingen Soziologie, Wirtschafts- und Sozialpolitik, Verfassungsgeschichte, Pädagogik und Publizistik. Bork arbeitete als freier Journalist für verschiedene Zeitungen, Zeitschriften und ARD-Anstalten. Seit 1998 leitet er die Stuttgarter Fernsehredaktion 'Religion, Kirche und Gesellschaft‘ des SWR. Für seine Arbeiten wurde er mit dem Caritas-Journalistenpreis sowie zweimal mit dem Deutschen Journalistenpreis Entwicklungspolitik ausgezeichnet.

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