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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 21.09.2017

Robert Prosser: "Phantome"Starke und zornige Vergangenheitsbewältigung

Von Elke Schlingsog

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(Cover: Ullstein; Hintergrund: picture alliance / dpa / Matthias Schrader)
Rückkehr nach Srebrenica: Mit "Phantome" schaffte es Robert Prosser auf die Longlist des Deutschen Buchpreises (Cover: Ullstein; Hintergrund: picture alliance / dpa / Matthias Schrader)

Robert Prosser schildert in seinem intensiven Roman "Phantome" am Beispiel einer jungen Frau die Folgen des fast schon vergessenen Jugoslawienkriegs. Ein Krieg, der bis heute nicht aufgearbeitet ist. In seinem kraftvollen Text entwickelt Prosser große Schlagkraft.

Es ist eine atemberaubende Spurensuche auf dem noch immer buchstäblich verminten Boden Ex-Jugoslawiens, die der junge österreichische Autor Robert Prosser verfolgt. In seinem Roman "Phantome" holt er ein heute nur noch wenig bedachtes Kapitel der jüngeren Geschichte ganz nah heran: den Balkankrieg.

Immer wieder ist der 34-Jährige, der selbst kaum etwas vom Bosnienkrieg wusste, wie er in seiner Danksagung schreibt, nach Serbien und Bosnien gereist, hat Ex-Jugoslawen interviewt und ihre aufwühlenden Geschichten aufgeschrieben. Sein Bosnien-Gefühl hat er auf 330 Seiten gebracht. Herausgekommen ist ein Roman, der gerade am Anfang viel von einer Reportage hat.

Zurück an den Ort der Kindheit

Über 20 Jahre nach dem Ende des Balkankrieges schickt Robert Prosser seine junge Heldin Sara in die Heimat ihrer Mutter - nach Bosnien. 1992 wurde sie in einer serbischen "Säuberungsaktion" aus ihrem Haus im Osten Bosniens vertrieben; "Lauf den Berg hoch!" waren die letzten Worte des Vaters, den sie nie wiedergesehen hat. Nun fährt ihre junge Tochter gemeinsam mit ihrem Freund an die zurückgelassenen Orte ihrer Familie.

Ob in Sarajevo, Tuzla oder Srebrenica - auf welcher Gedenkfeier, Demonstration oder Party sie auch den Jugendlichen zuhören, es sind lauter traurige Geschichten von Tod und Gewalt, vom Überleben und Weiterleben. Nicht nur in Srebrenica scheinen die Massaker an den über 8000 muslimischen Männern allgegenwärtig, auch in Visegrad kann keiner mehr ahnungslos auf der Brücke stehen, ohne nicht auch an die Muslime zu denken, denen man hier die Kehle durchschnitt und in die Drina warf – für manche färbt sich das Wasser noch immer rot. In all den Geschichten ist der Krieg mit einem Mal wieder da, wird allgegenwärtig.

Rhythmischer Text

Prosser lässt seine Geschichte nicht die Tochter Sara erzählen, sondern ihren Freund, einen jungen Graffiti-Sprayer aus Wien. Dadurch kann der junge Autor nicht nur seine eigene Annäherung an das Thema nachzeichnen, sondern auch die Graffiti-Szenenkultur als Stilmittel seines Romans nutzen. Immer wieder werden die atemlosen Kriegs- und Nachkriegsgeschichten, die sie auf der Bosnienreise erleben, überblendet von seinen nächtlichen Sprayaktionen in Wien.

So gewagt die parallele Erzählung am Anfang scheint, es ist ein starkes Gefühl der Auflehnung und des Protests, das Prosser damit einfängt. In die Sprache des Sprayer packt er die ganze Energie, die er vor allem bei den bosnischen Jugendlichen wiedergefunden hat. Und hier weiß einer, wovon er schreibt. Robert Prosser kennt sich aus in der Graffiti-Szene, sein rhythmischer Text ist geprägt vom Hip-Hop. Dieses "Zack zack zack grell leuchtend" bestimmt den Sound des Romans, Geschichten flackern hell auf, manchmal zu viele, oft zu kurz, um länger nachzuhallen.

Eine Leerstelle in der Familiengeschichte

Ausführlicher und weit epischer erzählt Robert Prosser seine Geschichten von Krieg und Vertreibung im Mittelteil des Romans. In der Liebesgeschichte von Saras Mutter Anisa zu ihrem serbischen Freund Jovan nehmen die Phantome des Krieges mehr und mehr Gestalt an: Er desertiert als serbischer Soldat und verliert für immer den Boden unten den Füssen. Sie verstummt, als sie begreift, dass ihre unglaubliche Fluchtgeschichte auf zwei, drei Verschwindenssätze für ein Suchformular zusammenschrumpft, Floskeln, die auch später für ihre Tochter eine Leerstelle in der Familiengeschichte bleiben.

Es ist ein zorniger, politischer Roman geworden, den Robert Prosser geschrieben hat, über die großen Verwundungen, über das Halt- und Bodenlose, eben über die Folgen eines kaum aufgearbeiteten Krieges, dessen Verletzungen noch lange nachwirken. Ein starker, kraftvoller Text, der es in diesem Bücherherbst zu Recht auf die Longlist zum Buchpreis geschafft hat.

Robert Prosser: "Phantome"
Ullstein Verlag, 2017
336 Seiten, 20 Euro

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