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Buchkritik | Beitrag vom 13.09.2019

Robert Macfarlane: "Im Unterland"Entdeckungsreise in die Dunkelheit

Von Johannes Kaiser

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Ein Buch über die Welt unter der Grasnarbe: Robert Macfarlanes "Im Unterland". (Penguin Verlag / Deutschlandradio)
Ein Buch über die Welt unter der Grasnarbe: Robert Macfarlanes "Im Unterland". (Penguin Verlag / Deutschlandradio)

Der britische Autor Robert Macfarlane nimmt uns mit in die Welt unter der Erde. Seine Reise durch Höhlen, dunkle Kanäle, Stollen, Lagerstätten und Grabkammern ist mitreißend geschrieben: Natur- und Kulturgeschichte gleichermaßen.

Der Boden unter unseren Füßen birgt viele Geheimnisse: gruselig wie betörend, angstmachend und aufregend, bedrohlich und beruhigend. Es kommt ganz darauf an, wohin die Reise in den Untergrund führt. Der Brite Robert Macfarlane ist in die Unterwelt gestiegen, hat ihren Geheimnissen nachgespürt – und ein aufregendes Buch darüber geschrieben.

Natur- und Kulturgeschichte gleichermaßen: Denn das Unterland spielt in allen Kulturen eine bedeutende Rolle, es soll Kostbares schützen, Wertvolles hervorbringen und Schädliches entsorgen. Auf knapp 430 Seiten beschreibt Robert Macfarlane seine Entdeckungen im Untergrund, unterteilt in drei große Kapitel, von ihm Kammern genannt.

Querverweise zu den Entdeckungen anderer Forscher

Dabei gibt es keinen Bereich, den er nicht erkundet hätte: vom unterirdischen Mykorrhizapilzgeflecht, das kilometerweit Nahrung und Informationen mit den Bäumen austauscht, über ein Forschungslabor, das kilometertief liegt und das dunkle Materie aufspüren will, bis hinunter zu den Jahrtausende alten Grabkammern unserer Vorfahren.

Er ist durch die unterirdischen Kanäle von Paris gekrochen und hinab in die Höhlen des italienischen wie istrischen Karstlands gestiegen. Er folgte unterirdischen Flüssen, beschreibt den Abbau von Salz in tief unter dem Meer gelegenen Stollen und hat in Finnland eine Lagerstätte für strahlenden Atommüll besichtigt, die noch weitere 100.000 Jahre überdauern soll.

Robert Macfalane lässt es aber nicht bei der Beschreibung dieser unterirdischen Orte, sondern schiebt immer wieder Querverweise zu den Entdeckungen anderer Höhlenforscher ein und zeigt, wie rudimentär das Wissen über die Unterwelt bislang ist. Und das, obwohl Philosophien von der Antike bis heute sich der Unterwelt widmeten, wie auch alle Religionen, von denen viele die Hölle und das Totenreich tief unter der Erde verorteten.

Gebeine tausender Partisanen in tiefen Höhlen

Am nächsten kommt man dem Autor selbst, wenn er offen davon erzählt, wie ihm selbst mulmig wurde, wenn er in eisige Schneestürme in menschenleerer Wildnis geriet, fast in schmalen Durchlässen zwischen Höhlen steckenblieb, sich in dunkle unbekannte Tiefen hinabließ. Die wohl verstörendste Erfahrung aber erwartete ihn im slowenischen Karst, denn dort ruhen in tiefen Höhlen die Gebeine tausender Partisanen, Soldaten, Greise, Frauen und Kinder, die von Kommunisten wie Faschisten während des Zweiten Weltkriegs und danach erbarmungslos in die Tiefe gestürzt wurden.

Robert Macfalane ist ein mitreißender Erzähler, der geradezu poetische Naturbilder entwirft, die den Unterschied zwischen der blühenden oberirdischen Natur und dem im Dunkeln verborgenen unterirdischen Leben besonders deutlich machen. Und auch wenn er manchmal übertreibt, seine Naturschilderungen etwas zu langatmig geraten und den Lesefluss bremsen, bildet sich im Verlauf des Buches ein ebenso grandioses wie umfassendes Bild der vielfältigen und abwechslungsreichen Welt unter unseren Füßen.

Dies ist ein ungewöhnlicher Reisebericht, der nicht nur staunen lässt, sondern auch mahnt, darüber nachzudenken, was verloren geht, wenn der Mensch weitere Eingriffe unter der Erde wagt.

Robert Macfarlane: "Im Unterland. Eine Entdeckungsreise in die Welt unter der Erde"
Aus dem Englischen von Andreas Jandl und Frank Sievers
Penguin Verlag, München 2019
429 Seiten, 24 Euro

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