Seit 03:05 Uhr Tonart

Samstag, 16.11.2019
 
Seit 03:05 Uhr Tonart

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 02.01.2019

Robert Kaltenbrunner / Peter Jakubowski: "Die Stadt der Zukunft"Wie unsere Städte wieder lebenswert werden

Von Johannes Kaiser

Podcast abonnieren
Stadtbegrünung in New York: Einst fuhren hier Züge, jetzt blühen Sträucher und Blumen. (picture alliance / dpa / Benjamin Beytekin / Aufbau Verlag)
Stadtbegrünung in New York: Einst fuhren hier Züge, jetzt blühen Sträucher und Blumen. (picture alliance / dpa / Benjamin Beytekin / Aufbau Verlag)

Autofrei, durchmischt, sozialverträglich - so stellen sich Robert Kaltenbrunner und Peter Jakubowski die menschengerechte Stadt der Zukunft vor. Die Autoren sind keine Utopisten - ihr Konzept besteht aus vielen kleinen Schritten.

Innenstädte, die weitgehend autofrei sind. Stadtviertel, die sozial durchmischt sind und in denen die Mieten bezahlbar bleiben. Und eine Stadtplanung, an der sich die Bürger online beteiligen können. So könnte die "Stadt der Zukunft" aussehen, sagen der Stadtplaner Robert Kaltenbrunner und der Volkswirt Peter Jakubowski in ihrem gleichnamigen Buch.

Mehr noch, sie sind von dieser Notwendigkeit überzeugt. Bei aller Skepsis. Zumal die wachsenden Städte der Gegenwart, insbesondere die europäischen, zahlreiche Probleme bewältigen müssen. Welche das sind, darüber scheiben die beiden Autoren. Ihr Buch ist daher eher eine Bestandsaufnahme und Zustandsbeschreibung als eine Zukunftsvision.

Alltagsmobilität ohne Auto

Sehr ausführlich und detailreich, zugleich verständlich und gut lesbar führen Kaltenbrunner und Jakubowski in die Themen ein, meiden Architekturkauderwelsch. Kein Aspekt der städtischen Entwicklung bleibt unbeachtet, von der Abwasserentsorgung über Grünanlagen bis zur Sicherheitsarchitektur.

Sie zitieren viel und gerne aus philosophischen, historischen und soziologischen Schriften. Und sie stellen zahlreiche Fragen: Wie können die Städte Individualität schützen und zugleich Gemeinschaftserleben erlauben? Welche Architektur kann ein Heimatgefühl schaffen? Wie schafft man öffentliche Räume, die zum Bleiben ermuntern? Wie bindet man Privateigentum in städtische Planung mit ein? Wie erreicht man Alltagsmobilität, ohne auf das Auto zu setzen?

Autos in Moskau (imago/ITAR-TASS)Verkehr in Moskau: Die Stadt der Zukunft muss vom Auto Abschied nehmen. (imago/ITAR-TASS)

Der Zustand heute: Abgaswolken, Lärm, Staus, zugeparkte Rad- und Fußwege. Eine menschengerechte Stadt, so Kaltenbrunner und Jakubowski, muss vom Auto Abschied nehmen. Der öffentliche Nahverkehr muss ausgebaut und Fußgängern wie Radfahrern muss Vorrang gegeben werden.

Rückgewinnung des öffentlichen Raums

Immer wieder zeigen die Autoren an Einzelbeispielen, wie Veränderungen möglich sind. Gehsteige etwa, die auf gleicher Höhe Kreuzungen überqueren, so dass Autos eine Schwelle überfahren müssen, verringern die Unfallgefahr für Fußgänger und vermeiden Raserei.

Außerdem sei die Rückgewinnung des öffentlichen Raums für die Anwohner dringend nötig. An Initiativen, die "ein Recht auf Stadt" fordern, fehlt es nicht. Dazu gehören Gemeinschaftsgärten und Stadtumgestaltung, bezahlbare Miet- statt teure Eigentumswohnungen.

Ein junger Mann geht durch den Nachbarschaftsgarten des Projekts "Ton Steine Gärten" am Mariannenplatz in Berlin. (dpa / picture-alliance / Wolfram Steinberg)Nachbarschaftsgarten in Berlin: Freiraum für gestresste Großstädter. (dpa / picture-alliance / Wolfram Steinberg)

Gefragt wird, wie sich Wirtschaft und Wohnen wieder vereinen lassen, wie Gentrifizierung vermieden, Multikulti bewahrt und Ghettobildung verhindert werden kann. Oder ob Event-Kultur, also Großveranstaltungen wie etwa Marathonläufe, Public Viewing oder Volksfeste, zu einem neuen Stadtgefühl führen.

Skepsis gegenüber der "Smart City"

Wer von diesem Buch große Zukunftsvisionen für die Stadt von Morgen erwartet, wird enttäuscht. Die Autoren halten sich diesbezüglich zurück, erwähnen zwar die digitalen Versprechen einer zukünftigen, reibungslosen Zusammenarbeit von Verwaltung und Bürgern, die sogenannte Smart City, äußern aber große Bedenken, ob sie sich verwirklichen lässt.

Es sind die kleinen Schritte, die zu einem besseren sozialen Miteinander führen, zur urbanen Solidarität, zur Identifikation der Bürger mit ihrer Stadt, sagen die Autoren. Und das nimmt man ihnen ab. Ihr Buch wird so zu einer beeindruckenden und überzeugenden Zustandsbeschreibung der Stadt und ihrer Probleme.

Robert Kaltenbrunner/Peter Jakubowski: "Die Stadt der Zukunft. Wie wir leben wollen"
Aufbau-Verlag, Berlin 2018
363 Seiten, 20 Euro
Mehr zum Thema

Hochhäuser, Megahäuser, High Rises - Zwischen Himmel und Erde
(Deutschlandfunk, Essay und Diskurs, 16.12.2018)

Ende des Wachstums in Singapur - Auto-Obergrenze erreicht
(Deutschlandfunk Kultur, Weltzeit, 04.12.2018)

Mobilität der Zukunft - Können Flugtaxis den Verkehr der Städte entlasten?
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 25.10.2018)

Buchkritik

weitere Beiträge

Literatur

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur