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Fazit / Archiv | Beitrag vom 25.05.2014

Riskantes ProjektVerschollene Filmkopie

Der Film "Der 12. Dezember“ in der Pasolini-Retrospektive im Hamburger Metropolis-Kino

Von Dirk Schneider

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Undatierte Aufnahme des italienischen Regisseurs Pier Paolo Pasolini. (picture-alliance / dpa - ANSA)
Undatierte Aufnahme des italienischen Regisseurs Pier Paolo Pasolini. (picture-alliance / dpa - ANSA)

Der Anschlag auf die Landwirtschaftsbank in Mailand im Dezember 1969 mit 17 Toten und 88 Verletzten wurde von Rechten verübt und den Linken angelastet. Pasolinis filmische Aufarbeitung läuft nun in restaurierter Fassung in Hamburg.

"Nach einer Idee von Pier Paolo Pasolini“ heißt es im Vorspann des Films "Dodici Dicembre“, "Der 12. Dezember“. Als Regisseur genannt wird Giovanni Bonfanti, präsentiert wird der Film von Lotta Continua.

1969 hatte der italienische Dichter und Regisseur Pasolini keinen leichten Stand bei der linken italienischen Jugend. In einem Gedicht hatte er die Aktivisten der Studentenbewegung als "Vatersöhnchen“ bezeichnet, die nur auf die Privilegien ihrer Väter aus seien. Doch der Anschlag auf die Landwirtschaftsbank in Mailand am 12. Dezember 1969, mit 17 Toten und 88 Verletzten, war ein Schock, der auch die Linke wieder näher zusammen rücken ließ.

Angezettelt von faschistischen Gruppen mit Deckung der Regierung, wurde die Tat der Linken angelastet. Eine Reihe von Anarchisten wurde verhaftet, unter ihnen Giuseppe Pinelli, der drei Tage später bei einem Sturz aus dem vierten Stock des Mailänder Polizeigebäudes ums Leben kam.

Für eine filmische Aufarbeitung hatte sich Pasolini, der auch den Kontakt zur linken Jugend des Landes suchte, schließlich mit der Studenten- und Arbeiterbewegung Lotta Continua zusammen getan. Im Film "Der 12. Dezember“ kommen auch Pinellis Witwe und seine Mutter zu Wort und stellen die These des Selbstmords deutlich infrage.

Zusammenarbeit mit linken Studenten

Der Film entstand zeitgleich mit Pasolinis "Decameron“ und sollte wie dieser vom renommierten Filmproduzenten Alberto Grimaldi produziert werden. Doch das Projekt wurde Grimaldi schließlich zu riskant, wie Roberto Chiesi vom Pasolini-Archiv und Forschungszentrum in Bologna erklärt:

"Es waren damals nur die progressiveren Medien, die die These eines anarchistischen Anschlags infrage gestellt haben. Das war schon eine sehr brisante Anklage."

Dass der Film, trotz der nicht gerade konfliktfreien Zusammenarbeit mit Lotta Continua, als Pasolini-Film zu bezeichnen ist, steht für Chiesi außer Frage:

"Nach Auskünften von Zeitzeugen hatte Pasolini einen sehr großen Einfluss auf diesen Film, sowohl auf die Struktur, als auch inhaltlich. Lotta Continua hätte auch eine viel militantere Rhetorik benutzt. Das große Verdienst Pasolinis ist es, diesem Film eine Bedeutung zu geben, die über das Massaker vom 12. Dezember hinausgeht – Pasolini erzählt nicht nur von der 'Strategie der Spannung', wie sie von den faschistischen Kräften damals verfolgt wurde, er entwirft ein Bild des ganzen Landes vor diesem Hintergrund."

Tatsächlich ist Pasolini für den Film quer durch Italien gereist und hat Interviews mit Arbeitern gemacht. Sie kommen genauso zu Wort wie die Studenten von Lotta Continua, und sie berichten von schockierenden Arbeitsbedingungen und Hunger, und das von Reggio Calabria an der Südspitze der italienischen Halbinsel bis nach Turin im Norden.

Eine einzige Kopie

Gezeigt wurde der Film 1972 im Forum der Berlinale, in deren Wettbewerb Pasolini im selben Jahr mit "Pasolinis tolldreiste Geschichten“ den Goldenen Bären gewann. Einen regulären Verleih fand "Der 12. Dezember“ nie.

Karl-Heinz Dellwo vom Hamburger Laika-Verlag hatte sich in Italien auf die Suche nach einer Kopie gemacht, vergeblich. Ausgerechnet im Archiv des kommunalen Hamburger Metropolis-Kinos fand sich schließlich das einzige Exemplar des Films, es ist die Kopie, die damals in Berlin lief. In restaurierter Fassung erscheint der Film nun auf DVD in der "Bibliothek des Widerstands“ zur Geschichte linker Bewegungen, die Dellwo herausgibt.

"Also wenn ich aus der Sicht aus Deutschland eine Aktualität herstellen soll, würde mir spontan das ganze NSU-Verfahren einfallen, ohne jetzt irgendetwas gleichzusetzen, da muss man in der Geschichte aufpassen, die Dinge sind immer anders. Aber es hat ja nicht nur diesen Anschlag gegeben, es gab ja insgesamt circa 200 Anschläge von Rechtsradikalen in Italien, und dahinter stand ja die Vorstellung, dass man irgendwann auch einen Putsch machen kann."

Der Film "Der 12. Dezember“ endet mit einem Aufruf von Lotta Continua an die Arbeiter zum bewaffneten Kampf – ein entscheidender Punkt, in dem sich Pasolini nicht mit der Studenten- und Arbeiterbewegung einig war. 

Mehr zum Thema:

Informationen zur Pasolini-Retrospektive im Hamburger Metropolis-Kino

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