Spenden

    Gutes tun, aber richtig

    07:13 Minuten
    Ein australisches Beuteltier mit einer Weinachtstüte vor sich im Zoo in Zagreb
    Spenden für Tiere und Kinder stehen im Ranking immer noch weit oben. © picture alliance / PIXSELL / Zoe Sarlija
    Von Tobias Krone · 30.11.2021
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    Weihnachtszeit ist auch Hochzeit für Spenden. Doch für welche Organisation entscheide ich mich? Gebe ich einer viel oder besser mehreren kleine Summen? Die Orientierung an gewissen Kriterien hilft, um sein Geld möglichst wirkungsvoll einzusetzen.
    Lisa Brand heißt eigentlich anders – sie will anonym bleiben. Die 61-Jährige wohnt in einer deutschen Großstadt und verdiente gutes Geld als Sekretärin bei einem großen Autobauer. Und alle Jahre wieder kommt der Wunsch zu spenden.
    „Es war mal bei uns in der Familie so eine Idee, dass wir uns nichts mehr schenken, sondern stattdessen spenden. Und dadurch hatte ich auch schon immer die Aufmerksamkeit auf Möglichkeiten, wie man Geld geben kann. Gerade natürlich auch in der Weihnachtszeit, weil das ein bisschen der Anlass dazu war.“

    Geld oder Dinge spenden?

    Lisa Brand spendete für eine Hausaufgabenbetreuung für Mädchen und Wikipedia. Auch schon mit Sachspenden hat sie es probiert.
    „Tatsächlich habe ich im letzten Jahr bei so einer Geschenkpäckchenaktion für Obdachlose teilgenommen, aber ich habe mich damit nicht wohlgefühlt. Mir ist es lieber Geld zu spenden, weil ich das zwar mit Bedacht ausgesucht habe, was ich da in das Päckchen reingelegt habe, aber das kriegt eine Person, die ich nicht kenne, und die ist dann womöglich total enttäuscht.“
    Und gebrauchte Sachen zu spenden, ist nicht Lisa Brands Ding.
    „Und das ist eigentlich eher, dass man sich bewusst sein muss, dass man das so ein bisschen auch als Entsorgung nutzt.“

    Welche Organisation ist vertrauenswürdig?

    Also lieber Geld spenden. Doch welche Organisation ist vertrauenswürdig? Burkhard Wilke ist wissenschaftlicher Leiter am DZI, am "Deutschen Zentral Institut für soziale Fragen" in Berlin. Es überprüft seit mehr als 120 Jahren Spenden-Organisationen auf ihre Vertrauenswürdigkeit, seit knapp 30 Jahren verleiht es jährlich das DZI-Spendensiegel.
    Dazu müssen Spendenorganisationen einige Kriterien erfüllen: Sie müssen transparent machen, wie sie die Gelder verwenden, faire Gehälter zahlen und dürfen bei ihrer Werbung nicht zu stark auf die Tränendrüse drücken. Viele wollen, dass ihr Geld direkt ankommt – ohne Bürokratie. Doch ohne Verwaltungsapparat funktionierten große Organisationen nicht, erklärt Burkhard Wilke vom DZI.
    „Natürlich ist es richtig, dass möglichst viel einer Spende in den Programmen ankommen sollte, aber genauso richtig ist auch, dass eine seriöse, transparente Organisation ein gewisses Maß an Verwaltungs- und Werbeaufwand braucht, um den Überblick zu behalten, um Transparenz zu organisieren und auch transparente Jahresberichte zum Beispiel zu produzieren, deswegen sind nicht nur zu viele Verwaltungskosten schlecht, sondern sind auch zu wenig Verwaltungs- und Werbeaufwand schlecht für die Tätigkeit der Organisation.“

    Nicht mit nach dem Gießkannenprinzip spenden

    So viel wie nötig, so wenig wie möglich, kann man zusammenfassen. Auch Wiebke Johanning sieht es so. Sie arbeitet für die „Bewegungsstiftung“ mit Sitz bei Bremen.
    „Wirkungsvoll heißt auch, dass es sinnvoller ist, 100 Euro an eine Organisation zu geben, anstatt jeweils 20 Euro an fünf Organisationen, weil es einfach Verwaltungskosten spart und effektiver ist nicht mit der Gießkanne das Geld zu verteilen, sondern gezielt an die Orte und die Organisationen, die man für die wirkungsvollsten hält.“
    Die Bewegungsstiftung sammelt Geld meist wohlhabender Menschen, um damit vor allem Protest-Initiativen unterstützen – so wie die Kampagne „Deutsche Wohnen enteignen“ oder lokale Projekte wie eine Initiative gegen ein Gewerbegebiet in Nordhessen. 
    „Was ich von unseren Förderprojekten häufiger höre, dass Dauerspenden ganz wichtig sind. Das heißt, eine Einzelspende ist super, aber wenn man sich vorstellen kann eine NGO oder eine Organisation längerfristig zu fördern, dann ist das für die sehr wertvoll, gerade für kleinere Organisationen, weil sie damit Planungssicherheit haben und ein Thema auch längerfristig verfolgen können.“

    Verwendungszweck nicht festlegen

    Zudem sei auch wichtig, „den Verwendungszweck freizulassen. Bei Spenden nicht genau festzulegen: Es soll für die und die Kampagne und diesen Zweck sein, weil Organisationen manchmal auch schnell reagieren müssen und dann eben besser aufgestellt sind, wenn sie Gelder in andere Richtungen lenken müssen, weil es da gerade akut wichtiger ist.“
    Wichtig sei auch, genau zu hinterfragen, wo das Geld hinfließt.
    „Das ist das Problem, dass man aufpassen muss, mit Spenden nicht Löcher zu stopfen, die der Staat hinterlässt, sondern dass sie wirkungsvoll und strategisch gemacht werden sollten, sodass sich politisch wirklich was ändert und Missstände grundsätzlich abgestellt werden.“

    Einfluss von Großspendern in den USA

    Michaela Neumayr argumentiert ähnlich. Die Volkswirtin von der Wirtschaftsuniversität Wien arbeitet zum Thema Spenden in Europa. Sie sieht das Spenden im Kontext mit dem europäischen Sozialstaatsmodell.
    Anders als etwa in den USA sind Wohlfahrtseinrichtungen in Deutschland und Österreich weniger von Spenden abhängig, insgesamt nur etwa zu zehn Prozent, hauptsächlich würden sie vom Staat finanziert, sagt die Wirtschaftsforscherin. Und das sei auch die demokratischere Variante.
    Denn in den USA zeige sich, „dass dadurch, dass wenige Personen, die in der Lage sind, sehr große Spenden zu leisten, mit dieser Spende auch sehr viel Mitbestimmung ausdrücken können, die andere Personen, andere Bürger*innen nicht können. Dadurch wird die egalitäre Partizipation der Bürger*innen verletzt. Manche können das stark bestimmen, die anderen können es schlichtweg nicht.“

    Klassisch wird viel für Kinder und Tiere gespendet

    Doch viele von uns wollen gar nicht besonders politisch sein, hat Michaela Neumayr in ihren Forschungen herausgefunden.
    „Klassisch wird viel gespendet für Kinder und für Tiere - also quasi auch das Unschuldige. Kinder können nichts dafür, für die gibt man, für Tiere gibt man…“
    Außerdem: „Ein ganz wichtiger Spendengrund ist dieses Gefragtwerden. Und zu Weihnachten wird man oft gefragt. Viele Leute spenden nur deshalb, weil auf der Straße, wo auch immer, jemand auf einen zukommt und fragt: ‚Möchtest du oder wollen Sie vielleicht spenden?‘ Und man kommt in eine Situation des sozialen Drucks. Man möchte nicht das Gesicht verlieren. Man sagt einfach so zu. Oder es ist auch jemand dabei, es sind Arbeitskollegen oder Freunde dabei, vor denen wäre es einem peinlich nein zu sagen.“

    Sozialer Druck steigert Spendenbereitschaft

    Sozialer Druck, beziehungsweise darüber reden, kann auch ein Schlüssel sein, die eigene Spende wirksamer zu machen, findet Wiebke Johanning von der Bewegungsstiftung.  
    „Wenn ich Ideengeber werde für meine Familie oder meine Freundin, dann kann aus 100 ganz schnell 500 Euro werden und das ist wichtig für Organisationen, und das macht auch Freude, weil man dieses politische Thema oder diese Sache, um die es geht, auch zu seiner eigenen macht. Diese Chance sollte man auf jeden Fall nutzen, finde ich.“
    Das Prinzip: Tu' Gutes und rede darüber. Fragt sich am Schluss nur noch: Wie viel man geben soll. Lisa Brand, die schon viele Spendenarten ausprobiert und inzwischen eine vierstellige Summe für die Bewegungsstiftung gegeben hat, empfiehlt die Methode „trial and error“.
    „Sie können das ja auch so machen, dass Sie einen ordentlichen Batzen spenden und gucken, wie weh das tut. Wenn es weh tut, dann beim nächsten Mal besser drunter bleiben, aber wenn es sich gut anfühlt, kann man das ja so als Marke nehmen.“

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