Juli Zeh: "Good Morning, Boys and Girls"

Thesen-Theater mit klischeehaften Dialogen

Das Buchcover zeigt eine kopfüber fallende Kuh, darüber steht: Juli Zeh: Good Morning Boys and Girls
© Penguin Random House Verlagsgruppe

Juli Zeh

Good Morning, Boys and Girls. TheaterstückeLuchterhand, München 2025

318 Seiten

23,00 Euro

Von Dina Netz |
Antiterrorkampf, EU-Grenzschutz, Amoklauf, Diktatur der Superreichen: Juli Zeh behandelt in ihren Theaterstücken drängende Themen unserer Zeit. Das zeigt ein Sammelband mit vier ihrer Dramen. Doch die Texte lassen einen mehr oder weniger kalt.
Die Uraufführung von Juli Zehs Theaterstück „Corpus Delicti“ 2007 bei der Ruhrtriennale sorgte für viel Aufsehen. Zum ersten Mal brachte die schon damals erfolgreiche Romanautorin einen Text zunächst als Drama heraus. Das Stück wurde ein Dauerbrenner auf den Bühnen, mit Grund: Die Geschichte, in der einer jungen Frau in einer Gesundheitsdiktatur ein Scheinprozess gemacht wird, ist klug konstruiert, hat geschliffene Dialoge und reflektiert gesellschaftspolitisch relevante Diskurse.
Die Corona-Pandemie wird das Ihrige dazu beigetragen haben, dass diese zeitgenössische Hexenjagd bis heute auf den Spielplänen steht – sowie die Tatsache, dass der gleichnamige Roman, den Juli Zeh anschließend aus dem Stoff gemacht hat, inzwischen Schullektüre ist.

Plakative politische Botschaften

Keines der späteren, nun im Band "Good Morning, Boys and Girls" versammelten Theaterstücke konnte an den Erfolg von "Corpus Delicti" anknüpfen. Sie wurden zwischen 2009 und 2012 uraufgeführt, aber nicht auf den ganz großen Bühnen und eher selten nachgespielt. Der Grund dürfte sein: Juli Zeh trägt ihre politischen Botschaften darin allzu plakativ vor.
Erstes Beispiel: "Der Kaktus", uraufgeführt 2009 am Münchner Volkstheater. Zeh spießt darin brisante Themen wie Antiterrorkampf, Islamfeindlichkeit, Rassismus und Sexismus auf, insbesondere bei der Polizei. Das "Aufspießen" ist im wörtlichen Sinne zu verstehen, denn der "Gefährder", der verhaftet wird, ist der titelgebende Kaktus.
Die Figuren sind schematisch angelegt: Cem, der etwas tumbe Streifenpolizist mit Migrationshintergrund. Susi, die Polizeianwärterin, erwehrt sich zunächst tough aller sexistischen Sprüche, bricht schließlich doch weinend zusammen. GSG9-Einsatzleiter Jochen Dürrmann schnauzt den Kaktus an:

Ihr lacht uns doch aus für unsere Toleranz und Akzeptanz und Firlefanz. Und dann der Rechtsstaat! Der reinste Selbstbedienungsladen. Demokratie geht euch am Arsch vorbei, ihr wisst nur, wie man sie ausnutzt. Deshalb hältst du die Fresse. Deshalb stehst du hier stramm, bis wir dich irgendwann laufen lassen müssen. Und dann rennst du von Hinz zu Kunz und erzählst, wir hätten dich stundenlang zum Stehen gezwungen, mit erhobenen Armen, vielleicht noch grelles Licht und kein Kaffee. Die Polizei ist ja fremdenfeindlich. Und zack, werden wir zurückgepfiffen. (Wütend) Ihr lacht euch kaputt über uns! Ihr denkt, dass wir keine Schwänze haben! Ihr kommt euch wahnsinnig toll vor, weil ihr da draußen die Superkämpfer spielt. (Schreit plötzlich) Aber so läuft das nicht! Keiner zwingt dich zu stehen! Wir sind hier nicht in Ägypten!

GSG9-Einsatzleiter Jochen Dürrmann in Juli Zehs "Der Kaktus"

Wie weit dürfen Einsatzkräfte gehen, um gegebenenfalls Menschenleben zu retten? Diese diffizile moralische Frage verrutscht bei Juli Zeh ins Burleske, weil die Figuren sich in klischeehaften Dialogen an einem Kaktus abarbeiten.

Eine vom Himmel fallende Kuh

Ähnlich in "Yellow Line", in dem eine vom Himmel ins Mittelmeer fallende Kuh für diplomatische Verwirrung sorgt. Hier ist die Figurenkonstellation komplexer, die Themen sind vielschichtiger. Dennoch: Es bleibt beim Thesen-Theater, die Figuren sind Typen, mit denen die Autorin Debattenpositionen besetzt. Juli Zeh gibt keine Denkanstöße, sondern gibt vor, was die Lesenden zu denken haben.
Nun wirken gelesene Theaterstücke notwendigerweise immer papieren, zugegeben, den Texten fehlt das Leben, das ihnen Schauspielerinnen und Schauspieler und eine ideenreiche Regie einhauchen können. Doch der Spielraum, den Juli Zeh den Ausführenden lässt, ist begrenzt.
So auch in „Good Morning, Boys and Girls“, einem Stück über einen Amoklauf an einer Schule. Klischeeverdacht auch hier, der Amokläufer zockte Ballerspiele, war ein Außenseiter und in der Identitätskrise.
"Weißt du, was mich ankotzt? Man kann nichts mehr zum ersten Mal machen. Alles schon da gewesen. Unsere Vorfahren haben die Party gründlich abgefeiert. Für uns bleibt nur Karaoke. Wir stehen jeden Morgen auf, um ein Lied zu singen, das ein anderer geschrieben hat, während die Musik vom Band kommt."
Selbst die jugendliche Rotzigkeit klingt nicht ganz überzeugend. Trotzdem steht in diesem Stück eine konkrete Figur im Mittelpunkt, die man sich als interessanten Bühnen-Protagonisten vorstellen kann.

Fette Braten für die Superreichen

Einzig das Stück "203" verstört etwas nachhaltiger, denn hier sind die gesellschaftlichen Fragen eher der Rahmen für ein Kammerspiel. Zunächst wähnt man sich in einem Yasmina Reza-artigen Beziehungsdrama mit vier Personen in einem Raum, doch das Setting wirft Fragen auf. So empfindet es auch Thomas, der neu ist und sich keinen Reim darauf machen kann, wo er gelandet ist.
Versteckte Kamera? Irrenanstalt? Verfassungsschutz? Nur so viel ist klar: Die Tür ist verschlossen, die drei anderen Insassen behandeln ihn wie ein Familienmitglied. Mangels Alternativen spielt Thomas mit und imaginiert sich als Autor eines Erfolgsromans mit dem Titel "203".

Thomas: "Eine dekadente, vom Geld beherrschte Welt. Eine kleine Elite, die immer reicher, aber auch immer gelangweilter wird. Auf der anderen Seite soziale Probleme, die Gefängnisse voll, keiner weiß mehr wohin mit den Sicherheitsverwahrten." (...)
Betty: "Na und?"
Thomas: "Man muss zwei und zwei zusammenzählen. Die Gefängnisse in Mastanstalten umwandeln und fette Braten für die Superreichen züchten. Der ultimative Kick für die ultimative Party. Genial, oder?"

Die Abschaffung des Rechtsstaats durch Superreiche, die die restliche Menschheit als Mastvieh nutzen – diese Dystopie wirkt vor allem deshalb gruselig, weil die Figuren in "203" oberflächlich über das ihnen drohende Schicksal hinweg plappern. Darin wirken sie ziemlich realistisch.
Dennoch: Obwohl Juli Zeh in ihren Stücken die großen Themen unserer Zeit ventiliert, lassen einen die Texte mehr oder minder kalt. Denn unter dem allzu ostentativ formulierten politischen Anspruch geht die Literatur in die Knie.
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