Gabriella Zalapì: "Ilaria"

„Wenn ich will, kann ich auch Wörter erfinden“

Cover des Buches "Ilaria" von Gabrielle Zalapì.
© Suhrkamp Verlag Berlin

Gabriella Zalapì

IlariaSuhrkamp, Berlin 2026

162 Seiten

23,00 Euro

Von Meike Feßmann |
Mai 1980: Es sind die bleiernen Jahre des Terrors in Italien. Ilaria ist acht, als der Vater sie unter einem Vorwand von der Schule abholt und entführt. Eine zweijährige Odyssee durch Italien beginnt.
Die Welt steht Kopf, wenn sie ihre Kniekehlen an der Stange einhakt und den Oberkörper nach unten sausen lässt. Sie liebt den Schwindel, das kurze Gefühl der Angst und schließlich das Gefühl der Sicherheit, wenn ihre Hände den Boden berühren. Ilaria ist acht. Seit sich die Eltern getrennt haben, lebt sie mit der Mutter und der großen Schwester in Genf, der Vater in Turin.

Die Telefonzellen sind Käfige an der Grenze zwischen drei Welten. Wenn er anfängt zu reden, sehe ich in dem kleinen Kasten die Welt von Mama, die von Papa und die Welt der Autobahn. Ich höre zwar nicht, was er sagt, aber ich habe das Gefühl, dass er Pingpong spielt. 

Doch eines Tages steht er plötzlich vor ihrer Schule, während sie kopfüber von der Reckstange baumelt. Er wolle sie abholen, zum gemeinsamen Treffen in einem Restaurant, das jeden Monat stattfindet. Ilaria steigt in sein Auto, einen meerblauen BMW 320 Coupé. Eine zweijährige Odyssee quer durch Italien beginnt.

Anschläge und Mord: Zeit des Terrors

Der Roman beginnt im Mai 1980. Es ist die Zeit des Terrors, der rechtsextremen und linksradikalen Anschläge, des Kidnappings und Mordens. Die sogenannten bleiernen Jahre bilden den zeitgeschichtlichen Hintergrund. Überall ist Polizei. Das Mädchen ist dem Vater ausgeliefert, der wütend, traurig, scharf werden kann. Der aber auch ein großer Charmeur ist, er findet überall schnell Kontakt und weiß, wie er seine Tochter an sich binden kann.
Mal kauft er ihr Spielzeug oder Süßigkeiten, mal lässt er sie Auto fahren oder verpflichtet sie, ein Geheimnis zu bewahren. Sie steigen in billigen Pensionen ab, verbringen halbe Nächte in zwielichtigen Bars. Ilaria beobachtet die anderen Gäste und denkt sich Geschichten aus. Oft spricht sie mit ihrem Teddy Birillo. Der Vater vertröstet sie, er lügt, trinkt, raucht. Er behauptet, die Mutter wüsste Bescheid und sei böse auf sie. Die Telegramme, die er an sie schreibt, wirft er nach dem Senden achtlos ins Handschuhfach:

Deine Tochter ist enttäuscht, dich nicht zu sprechen. STOP. Weise jede Anklage wegen Entführung zurück. STOP.

Der Roman ist aus Ilarias Perspektive erzählt. Er orientiert sich an dem, was ein Mädchen ihres Alters wahrnehmen kann. Die Telegramme und die Nachrichten aus dem Autoradio skandieren ihre Sprechweise mit fremden Stimmen. Das Auto wird zum klaustrophobischen Raum der Zweisamkeit.

Er sagt, dass wir indivisibili, untrennbar, sind. Die Stärksten, meine Prinzessin ... die Stärksten. Aber seine Stimme klingt gar nicht so stark. Ich umklammere den Türgriff und denke an das Wort invisibili, unsichtbar. So viele i schweben durch unsere fliegende Untertasse.

Denkbar knapp, mit den Mitteln der Reduktion und der Auslassung erzählt Gabriella Zalapì von der Not eines Kindes, das sich für den Erwachsenen verantwortlich fühlt, dem es ausgeliefert ist. Und doch gibt es auch Luft und Weite. Geöffnete Fenster, zufällige Begegnungen, fürsorgliche Menschen, die sich ihm zuwenden. Schließlich landen sie bei der Großmutter in Palermo, einer Architektin, die einen riesigen Palazzo bewohnt – und sie bald an eine Freundin weiterreicht.

Die Eroberung des Ungehorsams

Ilaria ou la conquête de la désobéissance“ heißt der Roman im französischsprachigen Original. In der Tat geht es für Ilaria auch um eine „Eroberung des Ungehorsams“. Sie lernt, die minimalen Freiräume zu nutzen, die der Vater ihr lässt.
Sie dehnt sie mit ihrer Fantasie aus, sie zeichnet, spielt mit Buchstaben und Worten und zieht Schlüsse aus ihren Erlebnissen. Die Anzeigentafel auf dem Bahnsteig in Pisa kann Anlass für eine kleine Rebellion sein, weil sie sich mit der Erinnerung an einen zahnlosen Hafenarbeiter in Livorno verschränkt, der „kein Opfer“ sein wollte, sondern „ein großer Stänkerer“:

Ungehorsam. Das Wort trifft mich wie ein Schlag. Geht mitten durch mich durch. Eine Schale zerbricht und macht mich lebendig. Wenn ich will, kann ich auch Wörter erfinden, wie diese Tafel.

„Ilaria“, von Claudia Steinitz glänzend übersetzt, ist ein in seiner ganzen Zurückhaltung umwerfender Roman. So sicher im Ton, obwohl er eine Geschichte voller Ambivalenzen erzählt. Er ist locker komponiert und zugleich von überwältigender intimer Bildkraft.
Nach „Antonia“ und „Willibald“ ist „Ilaria“ der dritte Roman der in Paris lebenden Schriftstellerin und bildenden Künstlerin mit englischen, italienischen und schweizerischen Wurzeln. Eine große Entdeckung, eine ungewöhnliche Stimme, die tastend auf mehreren Bruchlinien balanciert.
Literatur aus Italien