Seit 20:03 Uhr Konzert

Dienstag, 22.10.2019
 
Seit 20:03 Uhr Konzert

Tonart | Beitrag vom 02.10.2019

Reyhan Şahin aka Dr. Bitch Ray: "Yalla, Feminismus!""Ich will Hip-Hop-Feminismus sichtbar machen"

Reyhan Şahin im Gespräch mit Martin Böttcher

Beitrag hören
Reyhan Şahin, in schwarzem Rollkragenpullover und schwarzem Lederrock, schaut lässig und herausfordernd in die Kamera. (Carlos Fernández Laser)
Ein Bad-Boy-Image sei kein Freischein für Frauenverachtung und Gewalt: Reyhan Şahin fordert eine offene Diskussion über Sexismus im Hip Hop. (Carlos Fernández Laser)

Reyhan Şahin will Hip-Hop nicht den Bad Boys überlassen. Als "Lady Bitch Ray" schlug sie mit offensivem Sex-Rap zurück. In ihrem Buch "Yalla, Feminismus!" geht sie mit Sexismus und übergriffigem Verhalten in der Rap-Szene hart ins Gericht.

Sie erntete den ersten Shitstorm, lange bevor das Wort dafür bekannt war. Als Reyhan Şahin anfing, unter dem Namen "Lady Bitch Ray" zu rappen, provozierte sie die männlich dominierte Hip-Hop-Szene mit expliziten Texten über eine selbstbewusste weibliche Sexualität. "Als Kind wurde ich von der schwarzen Frauenbewegung des US-Raps mit Missy Elliot, Foxy Brown und Lil' Kim geprägt", sagt Şahin im Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur. Das Vorbild dieser Künstlerinnen habe ihr einen "feministischen Input" für ihre eigene Musik gegeben.

"Es ist 2019, Jungs, macht euch mal Gedanken"

In ihrem Buch "Yalla, Feminismus!" kritisiert die Musikerin und promovierte Sprachwissenschaftlerin mit deutlichen Worten, was aus ihrer Sicht in großen Teilen der deutschen Rap-Szene schief läuft. Gestützt auf gründliche Recherchen und aus eigener Erfahrung berichtet sie von Frauenfeindlichkeit in Songs und Interviews der Rapper, von der Abwertung queerer Menschen und von übergriffigem Backstage-Verhalten zahlreicher Musiker und ihrer Entourage.

Sexismus sei selbstverständlich nicht auf eine bestimmte Musikszene beschränkt, sondern in der Gesellschaft weit verbreitet, sagt Şahin. Aber die Musikindustrie unterstütze Rapper, die mit sexistischen Texten sehr erfolgreich seien, in vielfacher Hinsicht, "durch Vertriebe, durch Manager, durch Plattenfirmen. Da ist keine Instanz, die den Jungs mal klarmacht: Es ist ja schön und gut, aber wir leben jetzt im Jahre 2019, post-#MeToo-Bewegung. Macht euch mal Gedanken, womit ihr euer Bad-Boy-Image anders aufpushen könnt, außer die Frau zum hundertfünfzigsten Mal als 'Schlampe' oder 'Bitch' im negativen Sinne zu bezeichnen und touretteartig 'Mütter zu ficken‘."

Rapper mit Migrationshintergrund als Sündenböcke

Sexistische und gewaltverherrlichende Texte von Rappern und die Pflege des Bad-Boy-Images durch die Degradierung von Frauen würden im Musikjournalismus oder in den Feuilletons zwar hin und wieder kritisiert, sagt Şahin, aber diese Kritik bleibe meist sehr pauschal. Im übrigen sei es unfair, wenn Sexismus, der in der Gesellschaft strukturell verankert sei, allein Deutsch-Rappern in die Schuhe geschoben werde, oft solchen mit Migrationshintergrund.

Die in der Rap-Szene ebenfalls existierende Strömung des "Hip-Hop-Feminismus" werde dabei ohnehin ausgeblendet. "Mit meinem Buch wollte ich diese Bewegung sichtbar machen", so Reyhan Şahin. In den USA sei diese Strömung stark, und fordere Hip-Hop-Musiker in öffentlichen Diskussionen heraus, zu ihren Texten Stellung zu nehmen. "Alles wird aus den USA kopiert", sagt Şahin, "das muss jetzt auch mal endlich überschwappen, dass sich gewisse Jungs mal dazu überwinden können, auch mit Frauen oder kritischen Personen darüber zu sprechen."

Weibliche Sexualität: noch immer ein Tabu

In ihrem Buch bezeichnet Reyhan Şahin sich als "Undercover-Feministin". Der feministischen Bewegung, die hierzulande vor allem von einer bürgerlich-akademischen Mittelschicht getragen werde, fühle sie sich nicht zugehörig. Zumal dort vor allem "Deutsche mit Migrationsdefizit" das Wort führten. Obwohl Engagement gegen die Diskriminierung von Frauen und queeren Menschen längst im gesellschaftlichen Mainstream angekommen sei, stellt Şahin in "Yalla, Feminismus!" ernüchtert fest:

"Öffentlich wahrnehmbare oder offensive Sexualität von einer Frau - ob als Künstlerin oder Zivilperson - ist, insbesondere als muslimische Woman of Color, immer noch ein Tabu, auch in Deutschland."

Mit ihrer Musik hält Şahin dagegen. "Ich mache das in erster Linie für die Frauen und queeren Menschen", sagt sie. "Meine Musik als Lady Bitch Ray war nie eine angepasste Musik, die es Männern recht machen wollte – im Gegenteil: Ich habe immer 'aufs Tablett gekotzt' und habe denen das serviert. Dementsprechend wurde ich auch behandelt. Und die Menschen – egal, ob Männer oder Frauen oder queere Menschen -, die dann noch geblieben sind und mich gut fanden, das war mein Erfolg."

(fka)

Reyhan Şahin aka Dr. Bitch Ray: "Yalla, Feminismus!"
Klett-Cotta, Stuttgart 2019
316 Seiten, 20 Euro

Mehr zum Thema

Über die Neuinterpretation einer Farbe - Feminismus in Rosa
(Deutschlandfunk Kultur, Echtzeit, 13.01.2018)

Männlichkeit im Rap - Zwischen Gangsta und Queer
(Deutschlandfunk Kultur, Kompressor, 11.12.2017)

"Platz da, jetzt sind wir da!"
(Deutschlandfunk Kultur, Thema, 01.07.2008)

Tonart

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur