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Lesart / Archiv | Beitrag vom 19.12.2017

Reuel Golden: "Andy Warhol"Frühwerke des genialen Popartisten

Von Eva Hepper

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Reuel Golden (Hg.): Andy Warhol, Seven Illustrated Books 1952–1959 (Taschen Verlag)
"Omelett Greta Garbo" - Andy Warhol hat auch eine Kochfibel erstellt. (Taschen Verlag)

Für Freunde oder Werbezwecke brachte Andy Warhol in den 1950er-Jahren sieben Künstlerbücher in Kleinstauflage heraus. Nun lassen sich die handgemachten Publikationen in einer Neuauflage wieder bestaunen.

Zunächst gilt es, einen speziellen Genueser Kuchenteig-Boden herzustellen. Den muss man mit pinkfarbener Eiscreme bestreichen, und auf diese wiederum Meringues auflegen; ein Schaumgebäck aus gezuckertem Eischnee. Dann kommt noch Alkohol ins Spiel, und schließlich wird das Ganze flambiert. Einfach zuzubereiten ist das "Omelett Greta Garbo" nicht. Und auch beim Servieren sind Besonderheiten zu beachten: Dieses Gericht soll einer allein speisenden Person aufgetischt werden, und nur bei Kerzenlicht.

Und wie schön es aussieht! Die das Rezept illustrierende Zeichnung zeigt ein formvollendetes Dessertglas, aus dem ein pinkfarbener Obelisk aufragt, an dessen oberem Ende ein Flämmchen lodert.

Es muss ein großer Spaß gewesen sein, als der junge Andy Warhol gemeinsam mit Suzie Frankfurt das witzige Kochbuch "Wild Rasperries" entwarf. 1959 hatten sich der aufstrebende Künstler und die Designerin in New York kennengelernt. Ihre illustrierte Kochfibel wurde leider kein Verkaufsschlager. Heute jedoch ist sie legendär und ein absolutes Sammlerstück.

Hinreißend und originell

Das gilt auch für die anderen sechs Künstlerbücher, die Andy Warhol in Kooperation mit verschiedenen Kollegen in den 1950er-Jahren herausbrachte; in Kleinstauflage für Freunde und zu Werbezwecken in eigener Sache. Jetzt lassen sich diese handgemachten Publikationen als originalgetreue Nachdrucke wieder bestaunen. Wie Kleinode werden sie vom Taschen-Verlag angemessen präsentiert: in einer aufwändig gestalteten, mehrfach aufklappbaren Buchschatulle.

Tatsächlich sind "A Is for Alphabet", "25 Cats Named Sam" oder "À la recherche du shoe perdu", um nur drei Titel zu nennen, hinreißend originelle Werke. Verschieden in Thematik, Stil, Gestaltung, Bildsprache, Farbgebung, Papier und Format, zeugen diese frühen Werke bereits von Warhols sprühender Kreativität. 1949 war der damals 21-Jährige, frisch diplomierte Grafiker von Pittsburgh nach New York gezogen. Ohne große finanzielle Mittel ausgestattet, warf er sich ins Berufsleben und begann an der Schnittstelle zwischen Werbung und Kunst zu arbeiten.

Ein köstlicher Spaß

"À la recherche du shoe perdu" (in Kooperation mit dem Dichter Ralph Pomeroy) zum Beispiel entstand, nachdem Warhol 1955 den Auftrag für eine Schuhwerbung bekommen hatte. Jede Seite zeigt die Illustration eines famosen Exemplars in Kombination mit urkomischen Mehrzeilern; etwa "to shoe or not to shoe", oder "Uncle Sam wants shoe", in Anlehnungen an den amerikanischen Ruf zu den Waffen.

Was für ein Vergnügen! Es ist die reine Freude, in diesen Künstlerbüchern zu blättern. Und es ist aufschlussreich, denn dieses frühe Kapitel im Werk des genialen Popartisten, ist bislang nur wenig beleuchtet worden. Nina Schleif weiß es in ihrem die Publikationen begleitenden Band exzellent einzuordnen. Die Kunsthistorikerin zeigt, wie sich die charakteristische Handschrift Andy Warhols entwickelte, wie die Kollaborationen entstanden und führt kenntnisreich in jedes einzelne Buchkunstwerk ein. Ein köstlicher Spaß, so wie das "Omelett Greta Garbo".

Reuel Golden (Hg.): "Andy Warhol, Seven Illustrated Books 1952-1959"
Text von Nina Schleif, dreisprachige Ausgabe
Taschen, Köln 2017, 150 Euro

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