Residenztheater München

    "Hamlet" überzeugt nur teilweise

    07:58 Minuten
    Johannes Nussbaum als Hamlet steht auf der Bühne und hält einen Totenkopf.
    Johannes Nussbaum spielt den Hamlet in der Inszenierung von Robert Borgmann. © Rezidenztheater München / Birgit Hupfeld
    Von Michael Laages · 13.05.2021
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    191 Tage war das Münchner Residenztheater zu. Nun hat es für 200 Gäste wieder seine Türen geöffnet und startet mit einer Inszenierung von Shakespeares „Hamlet“. Kritiker Michael Laages lobt den ersten Teil und ist vom zweiten umso mehr enttäuscht.
    Dieses Gefühl war zu spüren, knapp vier Stunden lang: "Wir sind wieder da!" So rief das Theater nach 191 Schließtagen. Andreas Beck, Intendant vom Bayerischen Staatsschauspiel, fand vor der allerersten "richtigen" Vorstellung danach die passenden Worte dafür: "Ohne Sie, das Publikum, ist Theater kein Theater!" Und für das Ensemble sei dieser Abend wie Heiligabend und Kindergeburtstag in Einem. Auch darum war dies natürlich ein besonderer "Hamlet".
    Das Drumherum ist wie bei der Kurzzeitöffnung im vorigen September organisiert: Jede zweite Reihe fehlt, und in den verbleibenden sitzen wir einzeln oder zu zweit mit eineinhalb Meter Abstand zueinander. Neu ist der obligatorische negative Virustest vom Vorstellungstag. 200 Zuschauerinnen und Zuschauer finden unter diesen Bedingungen Platz im Residenztheater. Zwei Teile von je 90 Minuten hat die Inszenierung, mit 30 Minuten Lüftungspause dazwischen.

    Weiß vor weiß

    Regisseur Robert Borgmann mutet Stück, Ensemble und Publikum einiges zu. Er improvisiert recht frei mit Shakespeare und um ihn herum, in der Übertragung übrigens von Heiner Müller und Matthias Langhoff, die das ohnehin auch schon tun. Als ungreifbarer Schemen, als weißes Licht auf weißen Vorhängen, erscheint der Geist von Hamlets totem Vater zu Beginn. Borgmann ist wie so oft sein eigener Bühnenbildner und hat den Raum mit ganz viel weiß umhängt, zentral kreist ein weiterer weißer Vorhang. Eine Art Denk-und-Grübel-Skulptur steht zu Beginn vor den Vorhängen, weiß vor weiß.
    Noch einmal erscheint der Geist, diesmal als nackter alter Mann, der die letztenLebensutensilien (eigentlich gar nichts!) im Pappkarton mit sich trägt und dem Sohn ganz direkt den Racheplan mit auf den Weg gibt. Der eigene Bruder, Hamlets Onkel also, hat den Vater getötet und nun selber dessen Witwe, Hamlets Mutter, geheiratet.

    Kleine Jux-Orgie

    Viele Texte sind gestrichen, einige der berühmten Monologe sogar, aber im ersten Teil lässt Borgmann noch sehr dicht erzählen. Auch dass etwa Hamlets Freund Horatio eine Frau ist (und auch noch aussieht und raucht wie Hannah Ahrendt!), vermittelt sich als freie Fantasie zur Hamlet-Analyse. Stark gelingt auch der Schritt hinein in Hamlets absichtsvollen Wahn: einen aufgeblasenen Riesenelefanten lässt das Ensemble in den Saal und sogar hinauf in den Rang schweben – eine kleine Jux-Orgie, die aber rabiat endet, wenn dem Elefanten die Luft rausgelassen wird.
    Bis zum Auftritt der Schauspieltruppe reicht Borgmanns Energie. Hamlet fährt zwei Krankenbetten aus der Intensivstation herein. Die fast schon Toten darin lassen den Onkel-Herrscher mit ganz viel Videogeschnipsel den Mord am eigenen Bruder nachempfinden. Johannes Nussbaum ist bis hier der aufregend junge Titelheld, Linda Blümchen als Ophelia, Christoph Franken und Sibylle Canonica als Herrscherpaar, Markus Meyer als Polonius und speziell die beiden Alten, Michael Gempart und Arnulf Schuhmacher, treiben diese Hamlet-Fantasie energisch voran.

    Der zweite Teil ist ein blankes Desaster

    Dann ist Pause und leider fast schon Schluss. Denn im zweiten Teil verliert die Inszenierung alle Dichte und fast alle Energie. Borgmann lässt blödeln und witzeln, streicht ohne nachvollziehbares Motiv, lässt Soundgebirge auftürmen und Videos flimmern, die den immer mehr verfinsterten Alptraum nicht mehr stärken, sondern eher stören. Auch die Dramaturgie der Fabel hängt jetzt mächtig durch, Borgmann hat völlig den Faden verloren, der zu Beginn doch so kraftvoll wirkte. Dieser zweite Teil ist ein blankes Desaster und von der Hochstimmung des Neubeginns bleibt nicht viel übrig. Und das ist an diesem besonderen Abend besonders schade.

    "Hamlet" von William Shakespeare in der Inszenierung von Robert Borgmann
    Hamlet: Johannes Nussbaum
    Ophelia: Linda Blümchen
    Residenztheater München, Premiere am 13. Mai 2021

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