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Länderreport | Beitrag vom 28.06.2019

Renaturierung im RuhrgebietVon der Kloake zum Paradies

Von Vivien Leue

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Luftaufnahme von der Emscher und einem Fahrradfahrer, der am Ufer entlang radelt. (imago images / Xinhua)
Früher wurde das Abwasser der Region in die Emscher geleitet. Inzwischen gilt sie als beliebtes Naherholungsgebiet. (imago images / Xinhua)

Die Emscher galt einst als der "dreckigste Fluss Deutschlands". Heute leben sogar Eisvögel an den grünen Ufern. Nach 28 Jahren der Renaturierung könnte das Projekt zum weltweiten Vorzeigemodell für gelungenen Strukturwandel werden.

Dinslaken, im Ruhrgebiet. Die Sonne scheint. Die nordrhein-westfälische Umweltministerin Ursula Heinen-Esser steht umringt von mehreren Männern in schwarzen Anzügen vor einer gewaltigen Anlage aus stählernen Pumpen, riesigen Kesseln und langen Wasserbecken. "So, auf die Plätze, fertig, los." Gemeinsam drücken sie auf einen roten Knopf – und schalten die Anlage an, für die sie sich alle so schick gemacht haben: Die neu umgebaute Kläranlage Emscher-Mündung.

"Sie ist das größte Klärwerk unseres Bundeslandes. Das Einzugsgebiet ist mit rund 1,8 Millionen Einwohnern auch gewaltig", lobt die Umweltministerin den Komplex hinter ihr und erntet zustimmendes Nicken. Die Bürgermeister von Dortmund, Dinslaken und Oberhausen sind da, außerdem der Chef des zuständigen Wasserwirtschaftsunternehmens, der Emscher-Genossenschaft. Dass so viel Prominenz für eine Kläranlage zusammen kommt , hat mit der Emscher und der Geschichte dieses Flusses zu tun.

"Es ist das größte ökologische Projekt, nämlich der Umbau des alten Industrieflusses zur neuen Emscher und es ist sogar das größte Projekt weltweit dieser Art. Das, was hier passiert, ist beispielgebend für vieles, was vielleicht in dieser Welt noch passieren könnte und müsste." Die Emscher, dieser gut 80 Kilometer lange Fluss, der mitten durchs Ruhrgebiet fließt, war jahrzehntelang der Abwasserkanal der Region: Stinkende Kloake statt plätschernden Bachläufen, einbetonierte Flussläufe statt grüner Ufer.

Köttelbecke voller Kot und Chemikalien

Rund eine halbe Stunde südöstlich der Kläranlage steht der Sprecher der Emscher-Genossenschaft Ilias Abawi in Essen-Frohnhausen an einem Zufluss zur Emscher, dem Borbecker Mühlenbach. "Was wir hier sehen, ist ein renaturierter Gewässerlauf. Das heißt, das war hier mal früher eine Köttelbecke, wie man so im Ruhrgebiet sagt, weil eben ganz offen die Köttel oberirdisch schwammen, das Ganze auch nicht so gut gerochen hat."

Der Emscherexperte zeigt auf den leise plätschernden Bach und sein grünes Ufer. Kaum vorstellbar, dass hier noch vor wenigen Jahren eine Betonrinne Abwasser transportiert hat. Offen schwammen Kot, Chemikalien und andere Stoffe vorbei.

"Dieser Abschnitt ist vor circa zwei bis drei Jahren fertig gestellt worden. Deshalb sieht es noch recht überschaubar, ja fast schon nackt aus. Wenn wir jetzt in Fließrichtung blicken, dann ändert sich die Optik ein klein wenig. Da ist es jetzt nicht mehr alles recht gut überschaubar, sondern da gibt es einen kleinen Auenwald, da stehen die Bäume jetzt richtig hoch drin. Dieser Bauabschnitt wurde vor knapp acht bis neun Jahren fertig gestellt."

Im gesamten Ruhrgebiet umfassen die Emscher und ihre zahlreichen Nebenflüsse eine Strecke von 326 Kilometern. Etwa die Hälfte davon ist mittlerweile renaturiert, also wieder in ihren natürlichen Zustand versetzt worden.

Eisvögel an der Emscher 

"1991 als der Emscherumbau beschlossen wurde und wir gesagt haben: Wir renaturieren die Emscher, diese Kloake, die in den 1980er Jahren mal der dreckigste Fluss Deutschlands war, da haben uns nicht wenige den Vogel gezeigt. Mittlerweile leben Eisvögel hier an der Emscher, die ein absolutes Qualitätsmerkmal sind."

Etwas mehr als fünf Milliarden Euro soll der jahrzehntelange Umbau insgesamt kosten. Bisher ist die Emscher Genossenschaft hier im Plan, und ein Großteil der Arbeiten ist schon geschafft. Um den Fluss wiederzubeleben, baute die Genossenschaft in einem ersten Schritt hunderte Kilometer an Abwasserkanälen.

"In den vergangenen über 100 Jahren konnte man keine unterirdischen Abwasserkanäle bauen hier im Emschergebiet, weil es auf Grund der Bergsenkungen in Folge des Kohleabbaus zu Beschädigungen dieser Kanäle gekommen wäre."

Deshalb wurden die Abwässer jahrzehntelang ungeklärt in die Emscher und ihre Nebenläufe geleitet. Damit das Wasser außerdem gut abfließt und die ganze Kloake nicht über die Ufer tritt, legte man den Fluss in ein tiefes Betonbett - wobei es eigentlich da schon gar kein Fluss mehr war. "Die Ruhr gab der Region ihren Namen, aber die Emscher ließ ihr Leben."

Nun wird die Emscher nach und nach wiederbelebt. An den Stellen, an denen der Fluss nicht mehr durch Abwässer belastet ist, ist das Betonkorsett entfernt worden. Der Fluss schlängelt sich wieder durch ein natürliches Bett. "Dann ist Mutter Natur dran und sorgt alleine für Ordnung", erklärt der Flussexperte.

"Erst einmal wächst alles Mögliche, sogenannte Pionierpflanzen, sehr viel Schilf und eben Bäume wie jetzt hier am Borbecker Mühlenbach. Aber mit der Zeit setzt sich das stärkere Gewächs durch, das heißt, hier vollzieht sich eine kleine Evolution, bis dann eben nach sieben bis zehn Jahren der Endzustand hergestellt ist."

Vom Hinterhof zum Vorgarten

Dieser neue, natürliche Zustand der Emscher und ihrer Nebenflüsse, diese ökologische Veränderung, bringt auch ökonomische und soziale Veränderungen mit sich. "Aus dem Hinterhof des Reviers wird sein neuer Vorgarten und die einst benachteiligten Quartiere sind jetzt die privilegierten Stadtteile."

Abawi erzählt, dass manchmal auch Investoren bei der Emscher Genossenschaft anriefen und nachfragten, wann denn neue Abschnitte renaturiert würden. "Weil die Nachfrage nach den Grundstücken heute bereits sehr stark steigt. Natürlich wird der Wert anschließend steigen. Im Augenblick fließt die Kloake an ganz vielen Stellen noch an den Balkonen vorbei. In einigen Jahren sind das saubere, geruchsfreie, idyllische Gewässerlandschaften und die Quartiere profitieren ganz maßgeblich davon."

Im Dortmunder Stadtteil Hörde lassen sich diese Veränderungen heute schon beobachten. Der Dortmunder Willi Garth steht an einem weiteren plätschernden Bach und blickt auf ein paar Enten im Wasser. Der 81-Jährige ist hier aufgewachsen und hat den Umbau der einstigen Kloake hautnah miterlebt.

"Erstmal war das Ganze eingezäunt, dann einfach riechend und nicht zu übersehen, was da alles rumschwamm." Nie hätte er sich vorstellen können, dass aus dem stinkenden Abwasserkanal wieder ein natürlicher Fluss werden könnte. Hier in Dortmund-Hörde ist außerdem auf dem Gelände eines stillgelegten Stahlwerkes ein See entstanden – direkt neben der Emscher. Das ganze Stadtviertel hat sich dadurch gewandelt. Aus einem ehemaligen Industriestandort ist ein Erholungsgebiet geworden.

"Man pilgert hin, steht am Ufer, sitzt am Ufer, also es ist schon ein Paradies geworden." In diesem Paradies sind neue Wohnlagen entstanden. Schicke Einfamilienhäuser, moderne Appartementgebäude. Dortmunds Oberbürgermeister Ullrich Sierau ist stolz auf dieses neue Stadtviertel.

"Es ist eine Lagewertverbesserung, die durch den Umbau der Emscher passiert. Wo früher Meide-Räume waren entstehen jetzt Möglichkeits-Räume. Und das sind tolle Wohnlagen, sie sind praktisch Anlieger an einem Naherholungsgebiet. Sie haben Fußwege, sie haben Radwege, sie können da wandern, mit dem Fahrrad fahren, sie können das ganze Wochenende in der Emscherregion verbringen, können auch Industriekultur besichtigen."

Ein Generationenprojekt

Aber profitieren auch die Menschen von den Veränderungen, die früher an der Kloake wohnten? Können sie sich diese Wohnlagen noch leisten? Anwohner Willi Garth meint: Ja. "Wer ein neues Grundstück kaufen will, muss natürlich kräftig hinlangen. Aber verdrängt in dem Sinnen würde ich sagen, ist keiner."

Ganz im Gegenteil, sagt Dortmunds Oberbürgermeister Ullrich Sierau. Die neuen "Möglichkeits-Räume" beinhalteten eben auch neue Arbeitsplätze – in einer zuvor strukturschwachen Region. "Wir haben auch neue Arbeitsgebiete geschaffen und dadurch auch neue Perspektiven für Menschen am Arbeitsmarkt geschaffen." So sei die Arbeitslosigkeit in den letzten Jahren zurückgegangen. "Es findet auch sehr viel Anklang in der Bevölkerung, die das mitträgt."

Tatsächlich sind viele Anwohner vor allem stolz auf die Veränderungen in ihrer Nachbarschaft. Und noch gibt es in den meisten betroffenen Städten im Ruhrgebiet genügend bezahlbaren Wohnraum, so dass es zu keinen größeren Verdrängungseffekten rund um die Emscher kam. Ähnlich wie der Strukturwandel im gesamten Ruhrgebiet ist auch der Emscher-Umbau ein Generationenprojekt. Die Veränderungen kommen langsam, nicht plötzlich. Die Bevölkerung fühlt sich mitgenommen.

Dass ein solches Mammutprojekt seit drei Jahrzehnten erfolgreich und ohne größere Probleme läuft, hat sich auch international herumgesprochen. Am Borbecker Mühlenbach in Essen erzählt der Sprecher der Emscher Genossenschaft, Ilias Abawi, dass mittlerweile Interessenten aus der ganzen Welt kommen.

Delegationen aus Korea, China und Japan

"Wir haben sehr viele Besucher-Delegationen aus Asien, Südostasien, Korea, China und Japan vor allem, wo teilweise aktuell noch Bergbau betrieben wird, wo es ähnliche Kloaken gibt. Das, was wir hier im Ruhrgebiet durchgemacht haben mit dem Strukturwandel und der Emscher-Renaturierung, das sind Herausforderungen, vor denen die Kollegen dort erst noch stehen."

An der Emscher wird der Umbau in knapp drei Jahren abgeschlossen sein, nach dann etwas mehr als dreißig Jahren Bauzeit.

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