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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 30.04.2019

Renaissance des KabeljausKlimawandel und Kontrollen nutzen arktischer Fischerei

Von Dirk Asendorpf

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Zwei Fischer holen die Netze mit den gefangenen Fischen ein.  (imago)
Kabeljaufischer holen vor den norwegischen Lofoten die Netze mit dem Fang ein. (imago)

Vor 30 Jahren war der Kabeljau vor Norwegens Küste so sehr überfischt, dass er fast ausgestorben wäre. Heute schwimmen so viele Fische in den arktischen Gewässern wie nie zuvor. Eine Folge der Erwärmung des Meeres und der scharfen Kontrollen.

Frühmorgens um sechs, stockdunkle Nacht, mittlerer Wellengang. Der Fischtrawler Tønsnes pflügt durch die arktische Barentssee. Auf dem Deck türmen sich Netze mit leuchtend gelben Bojen. Daneben steht Dag Martin Tverbogvik, ein Fischereikontrolleur im Dienst der norwegischen Küstenwache. Mit ihren 13 Schiffen führt sie jedes Jahr fast 1500 Inspektionen durch, 250 Kapitäne wurden letztes Jahr für Verstöße gegen die Fischerei-Vorschriften verwarnt, 50 sogar angeklagt.

Als erstes richtet Tverbogvik seine Taschenlampe auf eines der noch nassen Netze. Denn für dessen Maschenweite gibt es eine gesetzlich festgelegte Mindestgröße, erklärt er:

"Es geht darum, dass die fangreifen Fische drin bleiben und die zu kleinen wieder herausrutschen können. Das ist eine unserer Aufgaben bei der Kontrolle. Dann steigen wir hinunter und gucken, wie viel Fisch sie im Kühlhaus haben."

Die harte Arbeit an Bord wird gut bezahlt

Auf einem Fließband rutscht der Fang ins Unterdeck, ein Kabeljau nach dem anderen. Ein automatisches Fallbeil schneidet ihnen dort den Kopf ab, dann werden die Innereien ausgenommen. Die Crew besteht aus 16 Männern. Sie arbeiten in zwei Schichten rund um die Uhr: sechs Stunden Arbeit, dann sechs Stunden Pause. Evan Hansen ist einer von ihnen. Gerade zwängt er sich in einen gelben Ganzkörperanzug.

Rund 10.000 Euro im Monat verdient der ungelernte, 23 Jahre junge Norweger mit der harten Arbeit im stinkenden und schwankenden Unterdeck des Fischtrawlers. Selbst auf den Ölplattformen in der Nordsee wird nicht mehr gezahlt. Sechs Wochen bleibt Hansen an Bord, dann hat er sechs Wochen Landgang – arbeitet davon aber auch noch zwei auf einem dänischen Kutter.

Auch Kapitän Kurt Bendiksen ist ausgesprochen zufrieden mit dem aktuellen Zustand der norwegischen Küstenfischerei:

"Vor acht oder zehn Jahren war es echt schwierig, norwegische Arbeitskräfte zu finden. Jetzt haben wir damit kein Problem mehr. Die Preise sind besser und die Fangquote ist höher. Heute ist es viel attraktiver, auf einem Fischtrawler zu arbeiten."

Fischbestände haben sich erholt

Bis zu 50 Tonnen Kabeljau landen täglich in den Netzen der Tønsnes. Insgesamt dürfen in diesem Jahr 700.000 Tonnen in der Barentssee gefangen werden, so viel wie nie zuvor. Der Biologe Tore Haug hat das beobachtet. Er ist Mitglied der norwegisch-russischen Kommission, die seit dem Ende des Kalten Krieges jedes Jahr eine exakte Fangquote festlegt.

"Wenn man sich die Populationsentwicklung des Kabeljaus ansieht, dann war die Kurve in den frühen 1950er-Jahren sehr hoch. Dann sank sie kontinuierlich bis in den späten 1980er-Jahren ein absolutes Minimum erreicht war. Seitdem steigt sie wieder. Gutes Management ist einer der Gründe dafür. Vor allem die Zusammenarbeit zwischen Norwegen und Russland ist ausgezeichnet – überall da, wo wir gemeinsame Fischbestände wie den Kabeljau verwalten. Zusätzlich hatten wir eine Periode mit relativ warmem Wasser. Und es sieht so aus als wenn das dem Kabeljaubestand ebenfalls ziemlich gut getan hätte."

Kabeljau profitiert zurzeit vom Klimawandel

Neben dem guten Management hat also auch der Klimawandel zum Boom der arktischen Fischerei beigetragen. Weil sich das Meer erwärmt, ziehen die großen Kabeljauschwärme immer weiter nach Norden, inzwischen sind die Trawler sogar vor der Küste von Spitzbergen unterwegs – 1000 Kilometer nördlich des Nordkaps.

Schreitet der Klimawandel weiter voran, könnte es mit dem arktischen Fischreichtum allerdings bald schon wieder vorbei sein. Denn noch weiter nördlich kann der Kabeljau nicht mehr ziehen – und das liegt nicht am polaren Packeis.

"Die Barentssee ist ein Schelfmeer, bis zu 400 Meter tief. Das ist perfekt für den Kabeljau. Aber schon ein paar Meilen nördlich von Spitzbergen beginnt das Polarmeer, und das ist 3000 bis 4000 Meter tief. Unmöglich, dass der Kabeljau damit zurechtkommt. Womöglich findet er dort Futter, aber zum Laichen braucht er flacheres Wasser. Der reiche Kabeljaubestand, den wir heute in der Barentssee haben, ist an deren Strömungen und Meerestiefe angepasst."

Dort vermehrt sich der Kabeljau derzeit so gut wie selten zuvor. Und trotzdem wäre der arktische Ozean leergefischt, wenn Dag Martin Tverborgvik und seine Kollegen die Trawler nicht regelmäßig kontrollieren würden. Denn schon eine kleine Überziehung der Fangquote verspricht hohen Extraprofit.

Fangmengen werden per Satellit übermittelt

Auf der Brücke der Tønsnes prüft der Inspektor deswegen, ob Kapitän Bendiksen korrekte Meldungen abgegeben hat. Dafür vergleicht er die Zahlen auf den ausgedruckten Formularen mit den Mengen, die er unter Deck im Kühlraum gesehen hat. Wenn die Kühlcontainer später an Land kommen, werden sie erneut kontrolliert. Überraschungen gibt es dabei nur noch selten. Denn alle Trawler aus Norwegen und den EU-Ländern übermitteln ihre Fangmengen bereits vorab über eine Satellitenverbindung ins Internet.

"Auch die russischen Kapitäne haben das System schon an Bord, es funktioniert aber noch nicht richtig. Deshalb arbeiten sie weiterhin mit einem Papier-Logbuch. Aber der Plan ist, dass sie ihre Meldungen bald auch elektronisch machen", erzählt der Kontrolleur.

Rund eine Stunde hat die Kontrolle auf dem Trawler gedauert, seine Fangfahrt durch die Barentssee musste er dafür nicht unterbrechen. Dag Martin Tverborgvik hat keine Beanstandungen. Er schwingt sich über die Reling auf eine schwankende Strickleiter, klettert sie außenbords hinab und springt auf das Schnellboot, das ihn zurück auf das Schiff der Küstenwache bringt.

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