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Lesart | Beitrag vom 13.11.2020

Remo Largo ist totDas Kind einfach mal Kind sein lassen

Kim Kindermann im Gespräch mit Andrea Gerk

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Portrait von Remo Largo, aufgenommen am 27. Januar 2011 in Uetliburg, Kanton St. Gallen, Schweiz. (picture alliance / KEYSTONE / Gaetan Bally)
Mit seiner Arbeit betonte Remo Largo immer, dass es ganz wichtig sei, die Vielfalt kindlicher Entwicklung anzuerkennen. (picture alliance / KEYSTONE / Gaetan Bally)

Der Schweizer Autor, Kinderarzt und Entwicklungspsychologe Remo Largo ist gestorben. Er war einer der ersten, die Liebe statt Autorität in den Vordergrund der Kindererziehung rückten.

Millionen Eltern hat der Schweizer Kinderarzt und Entwicklungspsychologe Remo Largo dabei geholfen, sich zurechtzufinden. Vor allem sein Bücher "Babyjahre" und "Kinderjahre" wurden, seit sie in den Neunzigern veröffentlicht wurden, immer wieder neu aufgelegt und sogar bis ins Chinesische übersetzt. Jetzt ist Remo Largo im Alter von 76 Jahren, gestorben.

"Ich denke, dass wir eine fatale Neigung haben, die Kinder unter Druck zu setzen und letztlich auch zu verbiegen, weil wir eben unsere eigenen Erwartungen über die Verwirklichung der Kinder setzen." Das hat Largo gesagt, als er das letzte Mal im Deutschlandfunk Kultur zu Gast war. Unsere Autorin Kim Kindermann erinnert sich an ihn.

Berührend und wegweisend

Wenn man einen Satz wählen müsste, für den Remo Largo steht, wäre es wohl das Sprichwort "Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht", sagt Kim Kindermann. Der Schweizer, sei auch in der persönlichen Begegnung so wunderbar verständnisvoll herübergekommen, wie in seinen Büchern und Interviews.

Das war sein Zauber, den er auch beispielsweise in seinem "TED"-Talk gezeigt habe. Dieser sei so berührend und unglaublich wegweisend, wie eben auch "Babyjahre". Beide lebten von seiner wohlwollenden Art und der Ansicht, dass jedes Kind einmalig sei. 

Seine Erkenntnisse basierten auf eigener Forschung

Von ihm stamme die These, das Kind versucht mit seinen Eigenschaften in dieser Welt zu bestehen. Sein Buch sei ein sanfter Wegweiser, um Eltern darin zu unterstützen, die Eigenheiten und die Bedürfnisse ihres Kindes besser wahrzunehmen und zu verstehen. Er betonte, dass es ganz wichtig sei, die Vielfalt kindlicher Entwicklung anzuerkennen. Bei Largo gebe es kein richtig, kein "so muss das jetzt aber sein". Bei ihm war Entwicklung fluide.

Mit dieser Einstellung habe er zu den Pionieren gehört. Remo Largo kam aus der Forschung und hatte 900 Kinder von der Geburt bis ins Erwachsenenalter begleitet. Dabei habe er die Grundbedürfnisse des Kindes erkannt, zu denen neben Nahrung auch Liebe, Geborgenheit, soziale Anerkennung und ihr  Drang nach Selbstentfaltung, nach Leistung und nach Existenzsicherung gehören.

Dieses Wissen habe er dann mit der sozialen Entwicklung, also der Sprache, der motorisch, der körperlichen Entwicklung in Zusammenhang gesetzt. Dabei erkannte er: Wenn jeder Mensch seinen Bedürfnissen nach entwickelt wird, dann kann er seinen Platz in der Welt finden und glücklich und zufrieden werden. Gleichzeitig habe Largo sich ausdrücklich gegen jede Art von Förderwahn ausgesprochen, er war eher dafür, dass Eltern ein Netz spanen und ihre Kinder liebevoll, geduldig und achtsam begleiten. Auf keinen Fall sollen sie Druck auszuüben. 

"Man hat ihm einfach abgenommen, was er sagt"

Ähnlich wie der Däne Jesper Juul, und die Schwedin Anna Wahlgren wurde Remo Largo in den 1940ern geboren. Sie waren die Generation in der sich Risse in den Glauben an Autorität und Gehorsam ergaben. Dann kam 1968, als Love so groß wurde und das galt nicht nur für das Verhältnis von Mann und Frau, sondern eben auch für Kind und Eltern. Die wollten es anders machen, Gefühle sollten gesehen und ernstgenommen werden.  

Diese gesellschaftliche Veränderungen sei dann auch in die Forschung geflossen. Und so waren diese drei durchdrungen vom Glauben an die unbedingte Liebe zwischen Eltern und Kindern.

Largo sei dabei eben einer der ersten gewesen, die das öffentlichkeitstark im deutschsprachigen Sprachraum verbreitet haben. Und weil er so glaubwürdig war, hatte er so eine große Reichweite. Oder wie Kim Kindermann sagt "Man hat ihm einfach abgenommen, was er sagt."

Hören Sie hier auch ein Gespräch mit der Autorin Monika Czernin zum Tod von Remo Largo.

(hte)

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