Von Furcht und Ehrfurcht

Die zwei Seiten des Heiligen

06:29 Minuten
Aufnahme des hohen Daches einer gotischen Kathedrale aus der Froschperspektive.
Ehrfurchtgebietend: Das Dach einer gotischen Kathedrale. © Unsplash / John Towner
Von Kirsten Dietrich · 02.10.2022
Audio herunterladen
Ohne Furcht und Ehrfurcht ist das Heilige nicht zu verstehen. Das schrieb der Religionswissenschaftler Rudolf Otto schon vor über 100 Jahren. Sein Buch „Das Heilige“ war damals ein Bestseller und ist bis heute einflussreich.
Das „Heilig, heilig“ ist zentraler Bestandteil des christlichen Gottesdienstes. Welche Wucht dahinter steckt, das erschließt sich manchmal erst in einer besonderen Situation. Für den Religionswissenschaftler und evangelischen Theologen Rudolf Otto ergab sich eine solche Situation bei einer Marokko-Reise 1911.

„Ein feierlicher Schreck fährt durch die Glieder“ 

In der Hafenstadt Mogador besucht Otto den Gottesdienst in einer kleinen Hinterhof-Synagoge, zunächst völlig orientierungslos in unbekannten Worten und Klängen:

Plötzlich löst sich die Stimmenverwirrung und – ein feierlicher Schreck fährt durch die Glieder – einheitlich, klar und unmissverständlich hebt es an: Kadosch Kadosch Kadosch Elohim Adonai Zebaoth – Heilig, heilig, heilig ist Gott der Herr Zebaoth.

Aus dem Buch "Das Heilige" von Rudolf Otto (1917)

Die Worte kennt Otto, sie stehen im biblischen Buch des Propheten Jesaja. Deshalb sind sie für Juden wie Christen bedeutsam. Aber erst an jenem Tag wird ihm ihre tiefe Kraft deutlich: „In welcher Sprache immer sie erklingen, diese erhabensten Worte, die je von Menschenlippen gekommen sind, immer greifen sie in die tiefsten Gründe der Seele, aufregend und rührend mit mächtigem Schauer das Geheimnis des Überweltlichen, das dort unten schläft.“

Ergriffen von der Schönheit der Natur

Diese heilige Ehrfurcht, die Otto mit dem Pathos der vorletzten Jahrhundertwende beschreibt, fühlen Menschen auch heute noch: „Gerade dieses 'Heilig, heilig, heilig' war für mich immer so ein bisschen furchterregend, was einen bis ins Mark trifft“, sagt etwa Ghislana Hemmann-Poppelbaum.
Porträt von Ghislana Hemmann-Poppelbaum.
Naturerfahrung über die Biologie hinaus: Die Theologin und Naturpädagogin Ghislana Hemmann-Poppelbaum entdeckt das Heilige in der Schöpfung.© privat
Hemmann-Poppelbaum liebt die Natur. Sie ist Naturpädagogin und auch Theologin und möchte anderen das in der Natur erschließen, was über Biologie und Ökologie hinausgeht. Das könne man durchaus als heilig beschreiben, sagt sie. Wenn sie draußen in der Natur sei und Erlebnisse von Staunen und Ergriffenheit habe. "Es kann mir auch so gehen, dass ich irgendwo stehe und einfach weine, nicht vor Traurigkeit, sondern vor Ergriffenheit", weil es sie so sehr betreffe, sie so große Bewunderung hege. Ich denke schon, das könnte unter so etwas wie den Begriff 'heilig' fallen. Da gehören Momente in der Natur wirklich dazu, wo ich da manchmal sitze und einfach eine Gänsehaut bekomme.“

Das Heilige ist anziehend und erschreckend

Die Gänsehaut ist etwas Übernatürliches, schreibt Rudolf Otto ziemlich am Anfang seines Buches über das Heilige und versucht dann darzustellen, woraus sich dieses Heilige als faszinierendes und zugleich unfassbares Gefühl speist. Numinos nennt Otto dieses heilige Gefühl.
Das Numinose, das ist die zentrale These Ottos, bezieht seine Energie aus zwei völlig gleichberechtigten Kräften, zwei Mysterien: dem Anziehenden, lateinisch faszinans, und dem Abschreckenden, lateinisch tremendum.
Otto sei die Betonung beider Seiten des Numinosen – tremendum und faszinans – sehr wichtig, erklärt Vladislav Serikov, Religionswissenschaftler an der Universität Frankfurt am Main. „Man spricht vom Doppelgesicht des Heiligen. Religion kann auch grausam sein. Gott oder das Göttliche muss nicht notwendigerweise und unbedingt moralisch gut sein. Das Numinose an sich enthält diese beiden Momente: das Gute und das Böse.“
Historische Luftaufnahme in Schwarzweiß der Berliner Märtyrer-Gedenkkirche "Maria Regina Martyrum" in Plötzensee.
Gedenkstätte nationalsozialistischer Gräuel: die Kirche "Maria Regina Martyrum" in Berlin-Plötzensee.© picture alliance / Günter Bratke / Günter Bratke
Über die furchterregenden Aspekte des Heiligen denken auch gläubige Menschen heutzutage wohl nicht so oft nach – aber manche religiösen Orte lassen kaum eine andere Wahl.

Ein Ort mit grausamer Vergangenheit

„Heiligkeit ist ja vielleicht nicht grundsätzlich etwas Grausames", sagt die Kunsthistorikerin Bettina Hilleckes-Todorow. Sie hat schon oft Besucherinnen und Besucher durch die Gedenkkirche Berlin-Plötzensee geführt, gelegen neben dem berüchtigten Gefängnis- und Hinrichtungsort der Nationalsozialisten. "Das sind die Gräuel, die hier passiert sind. Das atmet dieser Ort, finde ich", sagt sie. Es sei eine Kirche, in der sich dieses Abstoßende und Grauenhafte im Numinosen spüren lässt.
„Wie ein Skelettbau, der hat ja selber etwas total Entfleischtes." Es sei schon schwer, hier einfach nur Schönheit sehen zu wollen. "Das gelingt hier nicht so richtig. Ich glaube, das gehört auch zur Heiligkeit in gewisser Weise. Ich weiß das noch, als ich das erste Mal hier drin war. Dieser Ort hatte immer etwas Besonderes.“
Porträt von Bettina Hilleckes-Todorow
Das Heilige hat auch eine grausame Seite, sagt Bettina Hilleckes-Todorow. Davon zeugten schon antike Opferriten.© Ariane Tepas
Die Kirche wurde in den 1960er-Jahren im Stil des Brutalismus gebaut. Das Innere ist dominiert von nacktem Beton und von zwölf riesigen grau-schwarzen Tafeln eines Totentanzes, auf denen der Wiener Künstler Alfred Hrdlicka dem Grauen der nationalsozialistischen Morde nachspürt.

Einstehen für die eigene Überzeugung

„Interessanterweise ist ja gerade Schlachtung und Tötung und Opfer etwas, was ganz nah am Heiligen ist“, sagt Hilleckes-Todorow. „In der Antike wurden Altäre hinterher noch geschmückt mit den Hörnern von den Opfertieren. Das geht eigentlich ganz eng zusammen. Doch, das hat was Heiliges, trotz der Brutalität. Aber vielleicht ist das das Heiligste, was man als Mensch hat, wirklich für seine Überzeugung voll da zu sein.“
Das Anziehende, Verlockende, zum Wundern Führende, dieser Aspekt des Numinosen ist viel leichter verdaulich als das, was zum Fürchten ist. Aber das eine gibt es nicht ohne das andere.

Abonnieren Sie unseren Denkfabrik-Newsletter!

Hör- und Leseempfehlungen zu unserem Jahresthema „Von der Hand in den Mund – Wenn Arbeit kaum zum Leben reicht“. Monatlich direkt in Ihr E-Mail-Postfach.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung!

Wir haben Ihnen eine E-Mail mit einem Bestätigungslink zugeschickt.

Falls Sie keine Bestätigungs-Mail für Ihre Registrierung in Ihrem Posteingang sehen, prüfen Sie bitte Ihren Spam-Ordner.

Willkommen zurück!

Sie sind bereits zu diesem Newsletter angemeldet.

Bitte überprüfen Sie Ihre E-Mail Adresse.
Bitte akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung.
Mehr zum Thema