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Lesart / Archiv | Beitrag vom 10.04.2015

ReiseromanBloß kein "Poverty Porn"

Die Schriftstellerin Ulla Lenze im Gespräch mit Jörg Magenau

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Blick auf den Crawford Market im indischen Mumbai, der von außen einer mittelalterlichen Festung gleicht: Es ist der größte kommunale Markt in der Stadt. (picture-alliance/ dpa)
Blick auf den Crawford Market im indischen Mumbai, der von außen einer mittelalterlichen Festung gleicht: ER ist der größte kommunale Markt in der Stadt. (picture-alliance/ dpa)

Wie man Elend beschreibt, ohne zu unterhalten, und wie man als Reisende mit der eigenen Fremdheit umgeht - davon handelt Ulla Lenzes neuer Roman "Die endlose Stadt". Eine "Kehrtwende" in ihrem Verhältnis zu Indien, sagt Ulla Lenze.

Bereits Ulla Lenzes Debütroman "Bruder und Schwester" von 2003 spielt in Indien − einem Land, das die Autorin seit ihrem 16. Lebensjahr immer wieder bereist hat und das lange Zeit ihr "privates Fluchtland" war, wie sie sagt. Auch in ihrem neuen Roman "Die endlose Stadt" geht es wieder um das Thema Reisen und Fremdsein, am Beispiel der Spurensuche zweier Frauen in Istanbul und Mumbai.

"Mit Indien habe ich eine sehr, sehr lange Verbindung", sagt Ulla Lenze. Der Wendepunkt in ihrem Verhältnis zu Indien sei ein Aufenthaltsstipendium 2010 in Mumbai gewesen. "Vorher bin ich durch das Land doch eher nach eigenen Vorstellungen und auch nach eigenen Vorlieben gereist und hatte eher so ein mythologisches Indien immer im Kopf." Dieses Mal sei sie gezwungen gewesen, sich ganz auf die Stadt einzulassen. "Ich wurde quasi – so fühlte es sich an – zum Citizen. Also, ich wurde Teil dieser Stadt."

"Essayistische Momente" gegen zu viel Entertainment

In Mumbai habe sie Dinge gesehen, die man nicht verarbeiten könne. Zum Beispiel Szenen schrecklichen Elends, wenn etwa kleine Kinder barfuß und in Lumpen auf der Straße um Geld bettelten und niemand sich um sie kümmere, sondern man ihnen lediglich Geld zustecke oder etwas abkaufe. Wenn man so etwas beschreibe, müsse man unbedingt "Poverty Porn" vermeiden, betont Lenze. "Meine Lösung in dem Fall war, dass ich tatsächlich immer wieder so essayistische Momente eingebaut habe." Diese andere Ebene verhindere, dass aus Elendsschilderungen Entertainment werde: "Weil das darf nicht sein."

Ulla Lenze: Die endlose Stadt
Frankfurter Verlagsanstalt 2015, 320 Seiten, 19,90 Euro. 

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(Deutschlandfunk, Büchermarkt, 05.01.2004)

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