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Lesart / Archiv | Beitrag vom 04.10.2014

ReiseberichtKlaus Müllers unwirkliche Abenteuergeschichte

Klaus Müller: "Gehen, um zu bleiben"

Von Bastian Brandau

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Der Leuchtturm von Hiddensee auf der Insel Hiddensee. (picture alliance / dpa / Stefan Sauer)
Der Leuchtturm von Hiddensee auf der Insel Hiddensee. (picture alliance / dpa / Stefan Sauer)

1988 reist der DDR-Bürger Klaus Müller mit einem Segelboot aus, um auf den Spuren des Schriftstellers Johann Gottfried Seume nach Italien zu reisen. Sein nun veröffentlichter Reisebericht verliert sich streckenweise in schwülstig-detailversessenen Beschreibungen.

Im Jahr 1802 ging der Schriftsteller Johann Gottfried Seume von Sachsen nach Sizilien, er beschrieb die Reise in seinem "Spaziergang nach Syrakus". Klassische DDR-Schullektüre, dabei ist der Weg aus Sachsen nach Italien in den 1980er Jahren undenkbar für einen DDR-Bürger. "Gehen, um zu bleiben"? Das ist nicht vorgesehen. Erst recht nicht für einen wie Klaus Müller – der den Dienst beim Militär verweigert hatte. Und der es sich gönnt, nur im Sommer als Kellner zu arbeiten, damit ganz zufrieden ist. Aber er hat einen Traum: Klaus Müller will – Seumes Route folgend – nach Italien reisen.

"Ich musste mal raus, um bleiben zu können in diesem wunderbaren, von moskowitischer Misswirtschaft verunstaltetem Land."

Sein ungewöhnlicher Plan lautet: Ausreisen, Italien sehen, zurückkehren. Müller plant alleine und will keine Sicherungsanlagen zerstören, – so hofft er auf Wiederaufnahme und ein mildes Urteil. So sehen es die DDR-Gesetze vor – und an die glaubt er.

1981, Müller ist 40, beginnt er mit den Vorbereitungen. Er sucht Arbeit an der Ostseeküste, er tritt einem Segelverein bei, kauft sich eine Jolle. Von Hiddensee will er Richtung Westen zur dänischen Insel Mön segeln. Nachts. Geld und Gepäck schickt ein japanischer Dolmetscher für ihn in den Westen.

Stetige Sorge vor Überwachung und Stasi

Die Geheimhaltung, die Vorsichtsmaßnahmen und die versteckten Reisevorbereitungen zeigen das Alltagsleben im real untergehenden Sozialismus. Darin liegt die Stärke dieses Berichts – geschrieben von einem, der an den Sozialismus glauben will, aber nicht an die DDR-Führung. Alltag auch die stetige Sorge vor Überwachung und Stasi, etwa wenn Müller Hilfe beim Einfärben seiner weißen Segel braucht – und diese vorsichtshalber im fernen Dresden sucht.

"Ich dachte: (...) 'So weit von der Küste entfernt denkt kein Mensch an die Vorbereitungen eines nächtlichen Grenzdurchbruchs über See.' Der Drogistin log ich vor, als Bandleader eine helle Polyesterplane dunkel einfärben zu wollen, um die goldenen Sterne, die später aufgenäht werden sollten, besser als Überdachung zur Geltung zu bringen."

Devisen und Boot sind jetzt bereit, Müller legt sich auf die Lauer und wartet. Die Sommer 1986 und 1987 verstreichen, ohne dass die Winde günstig stehen. Erst im dritten Jahr hört er morgens im Deutschlandfunk-Seewetterbericht die ersehnten Worte.

"'Ein flaches Tief zieht über Mecklenburg langsam nach Osten (...)', hieß es da. (...) Mir war klar, in dieser Nacht musste ich raus."

Müllers Plan geht auf: Der Nordostwind bläst ihn nach Dänemark, schon am nächsten Mittag legt er an. Am Abend nimmt er die Fähre nach Lübeck-Travemünde, kommt dann bei einer Bekannten in Hamburg unter. In der hanseatischen Oberschicht lernt er den Kapitalismus kennen. Bei der Arbeit als Kellner oder im Supermarkt.

Detailversessene und banale Berichte

"Niemand kaufte etwas, keine Kundenschlange bildete sich. Verschiedene Leute schauten nur und gingen weiter, 'Das wird doch gewiss alles schlecht und muss weggeworfen werden', dachte ich. Noch die knapp bestückten Lebensmittelgeschäfte der DDR im Gedächtnis, empfand ich vor dieser Überfülle einen regelrechten Ekel. Hier wollte ich schnell wieder raus."

Buchcover: "Gehen, um zu bleiben" von Klaus Müller (Mitteldeutscher Verlag)Buchcover: "Gehen, um zu bleiben" von Klaus Müller (Mitteldeutscher Verlag)Mehrere Wochen bereist Müller die Bundesrepublik. So interessant der Bericht von der Fluchtvorbereitung war, so schwülstig lesen sich diese Abschnitte. Nürnberg zum Beispiel.

"Es fällt mir schwer, diese herrliche deutsche Stadt nur zu erwähnen und über ihre Pracht meine Feder nicht ausführlicher sprechen zu lassen."

Beim Lesen dagegen fällt es schwer, diesen detailversessenen und banalen Berichten bis nach Sizilien zu folgen. Der schwächste Teil des Buches. Müller, selbst ernannter Romantiker auf Johann Gottfried Seumes Spuren, ist begeistert von Städten und Landschaften, macht gute und schlechte Erfahrungen – und nennt stets Namen und Preis seiner Unterkunft. Das ist ermüdend – und manchmal schlicht falsch, wenn er etwa die italienischen Städte Treviso und Tarvisio verwechselt. Dieses Buch hätte dringend ein strenges Lektorat gebraucht. Dennoch lohnt es sich, es nicht wegzulegen, sondern vier Monate weiterzublättern: zur Heimreise. Denn dann geschieht, worauf Müller sich gedanklich vorbereitet hatte:

"Wenn meine Reise durch Italien weiterhin so herrlich bleibt wie der Besuch in Triest, dann haben sich Risiko und Aufwand gelohnt und ich komme als glücklicher und ausgeglichener Mensch (...) zurück. Auch die Unzulänglichkeiten unserer Staatsführung will ich dann freudig ertragen."

Und die bekommt Müller zu spüren. 21 Tage verbringt er im Zentralen Aufnahmeheim Röntgental, lebt zwischen Westlern, Spätheimkehrern und Zuspätkommern. Doch die Beamten sind überraschend freundlich.

Verklärt Klaus Müller das Erlebte?

"Ich wagte kaum zu glauben, dass mein ursprünglicher, rein theoretischer Plan von ihrer Furcht vor der Blamage in der Praxis so perfekt gelungen sein sollte. (...) Sollten sie etwa Achtung vor dieser Leistung empfinden, oder war ihr System schon so weit am Ende?"

Es hat funktioniert. Klaus Müller ist gegangen, um zu bleiben. Und mutig geworden kündigt er in der letzten Vernehmung dem Lagerleiter gleich eine weitere Reise an. Nach Großbritannien.

"Verunsichert fragte er zurück: 'Wann wollen sie dass denn machen?' – '1991 dachte ich, wenn ich 50 werde!' – 'Aaach - bis dahin...', war seine Antwort."

Ahnte der DDR-Beamte das nahende Ende der DDR? Oder verklärt Klaus Müller das Erlebte? Die Jahrzehnte haben den unwahrscheinlichen Reisebericht in eine unwirkliche Abenteuergeschichte verwandelt.

Klaus Müller
Gehen, um zu bleiben
Aus der DDR nach Italien – und zurück
Mitteldeutscher Verlag
263 Seiten, 14,95 Euro (als Ebook 13,99 Euro)
ISBN: 9783954623174

Mehr zum Thema:

DDR-Refugium Hiddensee - Der Fluch der schönen Erinnerung
(Deutschlandradio Kultur, Politisches Feuilleton, 19.09.2014)

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