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Kompressor | Beitrag vom 08.01.2015

Reihe: Journalisten im deutschen ExilIch vermisse meine Karriere

Von Sharmila Hashimi und Rebecca Roth

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Die afghanische Journalistin Sharmila Hashimi (links) und Deutschlandradio Kultur-Korrespondetin Rebecca Roth
Die afghanische Journalistin Sharmila Hashimi (links) und Deutschlandradio Kultur-Korrespondentin Rebecca Roth

Afghanische Journalistinnen leben gefährlich: Viele sehen sich gezwungen, das Land zu verlassen, andere entscheiden sich zu bleiben. Für beide ist es ein Kampf. Wie dieser Kampf aussieht, davon erzählt die afghanische Journalistin Sharmila Hashimi.

"Ich heiße Sharmila Hashimi. Ich bin 27 Jahre alt. Bis vor einem halben Jahr war ich Korrespondentin in West Afghanistan. Jetzt bin ich nur noch eine Migrantin, die mit ihrem siebenjährigen Sohn in der deutschen Hauptstadt Berlin lebt. Mein Mann ist auch Journalist, er arbeitet in Afghanistan, wir sind seit acht Jahren verheiratet.

Im August 2013 entstand eine Situation, die mich zwang, eine harte Entscheidung zu treffen: Für die Zukunft meines einzigen Kindes Bilal, entschied ich mich dafür Afghanistan zu verlassen und nach Deutschland zu gehen. Manchmal laufe ich mit Tränen in den Augen durch die Straßen voller Menschen in Berlin. Ich vermisse meine Karriere."

Ihre Laufbahn als Journalistin begann Sharmila Hashimi im Jahr 2005. Damals war sie eine von nur wenigen Journalistinnen im Land. An der Universität Herat studierte sie erst Journalismus, dann Jura. Und gleichzeitig arbeitete sie bei "Kelid Radio", wo sie auch ihren Mann 'Imam Mohammad Warymoch kennenlernte.

"Weil die Situation für Journalisten so schwer und extrem riskant war, beschlossen wir mit internationaler Hilfe das Afghanisthan Journalists Center in Herat zu gründen, um afghanische Journalisten besser zu schützen. Bei meiner Arbeit hatte ich immer wieder Probleme, wegen der alten Traditionen und sozialen Normen in unserer Gesellschaft. Aus diesem Grund habe ich mich meistens darauf konzentriert mit Frauen zu arbeiten und Journalistinnen zu unterstützen. Aber das war nicht leicht. Mein Mann und ich wurden ständig bedroht."

Und diese Drohungen muss man in Afghanistan ernst nehmen. Laut Reporter ohne Grenzen gab es allein im letzten Jahr mehr als 20 Angriffe auf Journalisten, Frauen waren und sind in Afghanistan besonders gefährdet. Im April letzten Jahres, kurz vor den Wahlen, starb die deutsche Fotoreporterin Anja Niedringhaus:

ARD Mediathek, Aktuelle Stunde vom 04.04.2014, WDR: "Sie saß in diesem Auto, wollte einen Konvoi mit Wahlunterlagen begleiten, plötzlich kam ein afghanischer Polizist auf sie zu, rief Alahu Akbar – Gott ist groß – und drückte ab. Niedringhaus war sofort tot, ihre kanadische Kollegin wurde schwer verletzt."

30 afghanische Medienunternehmen werden von Frauen geleitet

Ein Fall über den weniger groß berichtet wurde: Letztes Jahr starb auch die Journalistin Palwasha Tokhi im Norden von Afghanistan. Sie wurde erstochen.

"Afghanische Journalisten leben sehr riskant. Die meisten arbeiten daher nur innerhalb der Redaktionen, als Producerinnen, Nachrichtensprecherinnen oder als Moderatorinnen für Fernsehsendungen. Aber es gibt auch Journalistinnen, die das Risiko in Kauf nehmen und in Krisen- und Kriegsgebieten arbeiten, genauso wie ihre männlichen Kollegen."

Zum Beispiel: Shakila Ibrahimkhel 32 Jahre, Witwe, Mutter dreier Kinder. Sie arbeitet seit neun Jahren für die Moby Gruppe, das größte Medienunternehmen in Afghanistan.

Shakila Ibrahimkhel: "Obwohl wir keine Versicherungen habe und unsere Sicherheit nicht gewährt ist und die Arbeitsatmosphäre schlecht ist, weil die Leute Frauen einfach nicht als Journalistinnen akzeptieren, möchten wir trotzdem weiterarbeiten. Und wir wollen zeigen, dass wir das können."

Sharmila Hashimi: "In den Massenmedien präsent zu sein, ist einer der wenigen beruflichen Erfolge, die afghanische Frauen in den letzten 13 Jahren erreicht haben. Unter der Talibanherrschaft durften Frauen Männern, die nicht mit ihnen verwandt sind, nicht einmal die Tür öffnen. Wenn sie mit dem Mann hinter der Tür redeten, mussten sie sogar laut Scharia-Gesetz mit einem Finger im Mund sprechen, um so ihre Stimme zu verändern, damit sie keine Sünde begehen."

Jetzt, 13 Jahre nach der Talibanherrschaft, sind eine ganze Reihe von Frauen in den Medien tätig, insbesondere im Fernsehen.

Genaue Zahlen darüber wie viele Journalistinnen insgesamt in Afghanistan arbeiten, gibt es nicht. Aber nach Angaben von Reporter ohne Grenzen gibt es 30 private Medienunternehmen, die von Frauen geleitet werden. Sharmila Hashimi gehörte auch dazu. Bevor sie nach Deutschland kam.

"In Deutschland habe ich einige Journalistinnen kennengelernt. Und ich bin in Kontakt mit Reporter ohne Grenzen. Vor Kurzem habe ich mit einem Praktikum bei der Deutschen Welle angefangen. Ich sitze also nicht untätig in Deutschland herum, sondern ich lerne Deutsch, um eines Tages eine bekannte internationale Journalistin zu werden."

Alle Beiträge der Reihe finden Sie hier.

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