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Die Reportage / Archiv | Beitrag vom 21.12.2014

Reihe: Gekommen, um zu bleibenSyrischer Arzt hilft Traumapatienten

Von Susanne Arlt

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Drei Kinder einer syrischen Flüchtlingsfamilie, eines verdeckt sein Gesicht mit einer Tüte Bonbons. (dpa picture alliance / Mika Schmidt)
Diese syrischen Kinder haben ihren Vater im Bürgerkrieg verloren. (dpa picture alliance / Mika Schmidt)

Kinder und ihre Eltern sind traumatisiert aufgrund ihrer Erlebnisse im Bürgerkrieg oder auf der Flucht. Ein syrischer Psychiater hilft diesen Menschen nach ihrer Ankunft in Deutschland, ihre Traumata zu verarbeiten.

Jiahd Alabdullah begrüßt seinen Patienten mit Handschlag, lächelt ihn freundlich an. Achmed ist vor wenigen Monaten aus Syrien geflohen. Ein Revolutionär ist er nicht. Trotzdem hat die syrische Polizei ihn und seinen Bruder ins Gefängnis geworfen. Einfach so. Achmed kam nach zwei Monaten frei, sein Bruder ist seitdem verschwunden. Jihad Alabdullah lotst seinen Patienten durch den Warteraum in ein schmales Behandlungszimmer. Das Licht dort ist gedämpft, der Raum gemütlich eingerichtet.

Der syrische Psychiater Jihad Alabdullah will von Achmed wissen, wie es ihm geht. Hakt bei mancher Antwort sanft nach, wird aber nie aufdringlich. Was ist mit seinen Albträumen und der Schlaflosigkeit? Was macht er den Tag über? Achmed lächelt zum ersten Mal richtig. Er gehe jetzt zur Volkshochschule und lerne Deutsch, erzählt er. Der 37-jährige Arzt nickt zufrieden. Er trägt eine Brille, hat einen Stoppelbart und kurze schwarze Haare. Ein sympathischer Mann.

Jihad Alabdullah: "Für uns ist wichtig, dass die Patienten dann in Gesellschaft kommen. Dass sie nicht so bleiben, dass sie leiden nur leiden und hier kommen, um über die Erkrankung reden, über ihre Traumata reden und dann nach Hause gehen. Dass gehört dazu, dass sie sich ablenken."

An der Berliner Charite gibt es seit zwei Jahren eine Ambulanz für arabische Patienten. Dort melden sich vor allem syrische Flüchtlinge, sagt Jihad Abdullah, der das Projekt mit angeschoben hat. Nach drei Sitzungen gehe es ihm jetzt schon viel besser, sagt Achmed zu seinem Landsmann, lächelt schüchtern und fasst sich an die Brust.

Achmed: "Für mich war es sehr wichtig, hierhin zu kommen. Weil hier der einzige Platz ist, wo ich über meine geheimsten Gedanken sprechen konnte. All das, was ich in diesem Krieg und dann im Gefängnis gesehen und erlebt habe, darüber konnte ich doch nicht mit meiner Frau sprechen."

Den eigenen Kummern lindern

Das Büro von Jihad Alabdullah liegt ein Stockwerk höher. Ein nüchtern eingerichteter Raum. Das einzige Persönliche, das man erkennen kann, ist das Foto seiner beiden kleinen Kinder und eine Landkarte, die an einer Schrankwand hängt. Der Syrer fährt mit seinem Zeigefinger langsam über das Papier.

"Das ist nicht ganz Syrien, das ist Libanon, und das ist Homs. Und meine Stadt, wo ist meine Stadt... hier."

Al Quaryatayn heißt die Kleinstadt, aus der Jihad Alabdullah stammt. Bis zu Beginn des Bürgerkriegs lebten dort etwa 15.000 Muslime und Christen friedlich zusammen. Drei seiner Brüder sind geblieben. Ein vierter ist mit seiner Familie und den Eltern nach Ägypten geflohen. Auch wenn Jihad Alabdullah seit acht Jahren in Berlin lebt, der Krieg in Syrien spielt auch in seinem Leben eine fast tagtägliche Rolle. Vor allem sorgt er sich um seine drei Brüder in Al Quaryatayn.

Jihad Alabdullah: "Wir haben Hoffnung und gleichzeitig haben wir gesehen, wie die Leute auf der Straße sterben. Mit komischen Gefühlen von Wut, mit Hoffnung aber gleichzeitig Angst, Angst, diffuse Angst, dass etwas Schlimmes passieren kann."

Wenn er mit seiner Arbeit Flüchtlingen wie Achmed helfen kann, dann lindert dies ein bisschen seinen eigenen Kummer.

Jihad Alabdullah: "Was in Syrien passiert, betrifft mir direkt. Ich glaube, ich muss etwas machen. Das gehört zu meine Arbeit aber das gehört zu meine Menschlichkeit auch. Ich glaube jeder Syrer, der etwas für sein Land machen wollte, muss dann in seinem Gebiet etwas machen."

Musik aus der Kindheit gibt Kraft

Doch manchmal gerät auch Jihad Alabdullah an seine psychischen Grenzen. Wenn ihm Männer erzählen, wie sie im Gefängnis brutal gefoltert wurden. Wie sie missbraucht, verprügelt, von Hunden gebissen wurden. Oder Frauen, vor deren Augen eine Bombe die eigenen Kinder zerriss.

"Ja, Krieg macht die Seele kaputt.Ganz einfach so gesagt."

Das klingt nüchtern. Aber auch er selber trifft sich regelmäßig mit einer Expertin für Traumatherapie. Von ihr holt er sich Ratschläge und Empfehlungen, damit er nicht selber durch seine Arbeit krank wird.

"Auch ich versuche manchmal meine Gedanken, meine Gefühle zu übersetzen und zu schreiben. Und zusätzlich, wenn ich nachhause gehe, mit Wut manchmal oder mit Leid, ich erzähle zuhause etwas davon, damit es mir besser geht."

Oft aber fühlt er sich machtlos. Dann geht er innerlich auf Distanz, schaut sich keine Bilder mehr über den Krieg im Internet oder im Fernsehen an. Dann hört Jihad Alabdullah die Musik, die er aus seiner Kindheit kennt. Sie gebe ihm Kraft. Aber noch viel mehr positive Energie geben ihm seine Patienten. Wenn er sieht, dass sie mit seiner Hilfe wieder einen Weg zurück ins Leben finden.

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