Samstag, 11.07.2020
 

Lesart / Archiv | Beitrag vom 22.04.2011

Reich an Peinlichkeit

Nick Page: "Die letzten Tage Jesu"

Rezensiert von Rainer Kampling

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Jesus am Kreuz (Stock.XCHNG / Robert Aichinger)
Jesus am Kreuz (Stock.XCHNG / Robert Aichinger)

Wenn ein Bestsellerautor, Kreativberater und Informationsdesigner ein Buch über die letzten Tage Jesu schreibt, macht das erst einmal neugierig. Peinlich erscheint jedoch vor allem die witzig anmutende Kumpel-Jesus-Sprache.

Laut Auskunft des Klappentextes ist der Verfasser des Buches, Nick Page, Bestsellerautor, Kreativberater und Informationsdesigner. Vielleicht rührt aus diesen Berufen, die nun gewiss nicht zum Fachmann für das Neue Testament qualifizieren, eine unnötige Polemik gegen Bibelwissenschaftler und deren Ergebnisse. Allerdings wird schnell deutlich, dass sich Page hier ein Phantom erschafft, das seine Lesart des Neuen Testaments umso heller strahlen lässt. Und so beginnt er recht früh mit der Mär von den destruierenden Wissenschaftlern.

"Viele heutige Wissenschaftler tun den Verfassern der Evangelien unrecht: Sie sehen sie mehr als Erfinder denn als Historiker."

An diesem Satz stimmt so gut wie gar nichts. Heutige Wissenschaftler lesen die Evangelien als theologische narrative Texte, die die Geschehnisse des Lebens Jesu vom Glauben an den Gekreuzigten und Auferstandenen her deuten. Page dagegen lässt auf keiner Seite erkennen, dass er das theologische Interesse der Evangelisten auch nur im Ansatz zur Kenntnis nimmt.

Nick Page: Die letzten Tage Jesu, Protokoll einer Hinrichtung, Pattloch Verlag München (Pattloch Verlag)Nick Page: Die letzten Tage Jesu, Protokoll einer Hinrichtung, Pattloch Verlag München (Pattloch Verlag)Es geht ihm freilich wie vielen, die die vollkommene Tatsächlichkeit der neutestamentlichen Erzählungen vollmundig behaupten. Weder vermag er zu erklären, aus welchen Gründen man sein Buch überhaupt lesen solle, wenn doch alles Sagenswerte in den Evangelien steht, noch kommt er um Streichungen und Auslassungen im Text herum, um eine logische Stringenz zu behaupten. Notfalls wird Page dann selber zum Historiker, etwa wenn es um die im Neuen Testament berichteten kosmischen Zeichen beim Sterben Jesu geht:

"Dies ist wohl der erste Hinweis auf Dinge, die uns aus dem historischen Kontext heraus immer tiefer in dunklere und geheimnisvollere Sphären führen. Es ist eine kosmische Erscheinung: unerklärlich und rätselhaft. Von jetzt an tritt in den Evangelien das Mystische auf den Plan."

Die Willkürlichkeit seines Umgangs mit den Texten zeigt sich wenige Seiten später, wenn er für die Auferstehung genau das Gegenteil behauptet:

"Die Berichte zur Auferstehung werden heute gerne in einem spirituellen oder metaphorischen Sinn aufgefasst, aber in der Antike war dies nicht der Fall. Auch die Verfasser der Evangelien .... versichern, dass die Wiederauferstehung real stattgefunden habe, dass sie wirklich geschehen sein. Metaphorische oder andere Deutungen können hier nicht als Hintertürchen dienen."

All dies geschieht ohne Erklärung und ohne Berücksichtigung der Texte selbst. Der vermeintliche Retter der Historizität der Auferstehung banalisiert sie ins Unerträgliche. Andere Lesarten werden diskriminiert und notfalls lächerlich gemacht. Und vielleicht meint der Autor, sich dabei auf Jesus selbst berufen zu dürfen, denn er behauptet durchgehend, Jesus habe die Pharisäer und die Tempelaristokratie angegriffen und verspottet.

Page teilt die Antipathie, die er Jesus unterstellt und verfällt, auch dies wenig verwunderlich, in die klassischen Stereotypen des Antijudaismus, von denen man mit Recht erwarten darf, dass sie niemand mehr reproduziert, der auch nur noch im Ansatz ernst genommen werden will.

"Wie die Pharisäer rief auch Jesus die Menschen zur Frömmigkeit auf. Sein Aufruf war jedoch ganz anderer Natur: Den Pharisäern und der Tempelobrigkeit ging es in erster Linie um einen äußersten Gehorsam, Jesus hingegen um eine innere Frömmigkeit. ... Die übliche Position der Schriftgelehrten lässt sich in den Worten Simons des Gerechten zusammenfassen: 'Die Welt ruht auf drei Dingen: dem Gesetz, der Opferung und dem Ausdruck der Liebe.' Liebe ist hier als Akt der Nächstenliebe und Großzügigkeit zu verstehen, nicht im Sinne der von Jesus geforderten tieferen Hingabe."

Leider lässt Page die Leser im Unklaren darüber, was er denn mit tieferer Hingabe meint. Aber die Unklarheit ist ein durchgehender Zug dieses Buches, über die mittels einer wahrscheinlich witzig gemeinten Sprache hinweggetäuscht werden soll. Es mag am Alter liegen, aber mir will diese Kumpel-Jesus-Sprache nur peinlich erscheinen.

Aber, immerhin, man erfährt auch etwas über Jesus. Zum Beispiel, dass er sich nicht richtig wusch. Dann kann man von Page lernen, dass die akrobatischen und clownesken Fähigkeiten Jesu von Nazareth bisher weit unterschätzt wurden. Nach Auskunft des Autors vermochte Jesus ein Eselfüllen zu reiten und, damit man es sich auch recht vorstellen kann, schreibt er:

"Jesus reitet also auf einem Esel, der ein paar Nummern zu klein für ihn ist - wie ein Erwachsener, der auf einem Kinderfahrrad sitzt."

Warum das nun irgendjemanden beeindruckt haben sollte, bleibt das Geheimnis des Verfassers. Ärgerlich wird es aber dann, wenn Page, um irgendeine seiner historischen Konstruktionen zu erläutern, Jesus Doppelzüngigkeit unterstellt. Bis zum Überdruss wird in dem Buch darauf verwiesen, dass Jesus sich fast ausschließlich mit Randgruppen der Gesellschaft abgab, darunter auch Prostituierten. Dieser Jesus soll nach Pages Meinung gesagt haben:

"... innerlich jedoch sind diese Frauen voller Skorpione und Verderbtheit."

Wahrhaftig ein merkwürdiger Freund der Randgruppen. Allerdings passt dazu, dass Jesus das Abschiedsmahl mit seinen Jüngern in der Jerusalemer Oberstadt, wo die angeblich so verabscheuten Aristokraten lebten, feierte und nicht etwa in den Elendsquartieren der Unterstadt.

Unbestreitbar schwierig ist es festzulegen, wann dieses Mahl stattgefunden hat, was wiederum für den Tag der Kreuzigung wichtig ist, schwierig, weil die Evangelisten, Markus, Matthäus und Lukas, von dem Bericht des Johannesevangeliums deutlich abweichen. Aber es verblüfft schon, wenn ein Autor, der sich nicht genug daran tun kann, ständig die Historizität der Evangelien zu behaupten, sich plötzlich mit einem solchen Satz aus der Affäre zieht:

"Nach Johannes handelte es sich nicht um das Passahmahl, und seine Darstellung der Abläufe deckt sich weitaus besser mit den bekannten Tatsachen. Interessiert man sich nur für die historischen Fakten, muss man sich an Johannes halten: Das letzte Abendmahl fand in der Nacht vor Passah statt, und es war kein Passahmahl."

Das an Peinlichkeiten nicht arme Buch hat hier einen hermeneutischen Tiefpunkt erreicht. Zu loben sind an dem Buch die Zeichnungen und einige Fotos. Wer aber etwas über die letzten Tage Jesu lesen will, lese die neutestamentlichen Berichte.

Nick Page: Die letzten Tage Jesu.
Protokoll einer Hinrichtung.
Pattloch Verlag, München 2011.
400 Seiten, 19,99 Euro

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