Rehasport für Kinder

Fehlende Angebote erschweren die Genesung

06:24 Minuten
Rehasport für Kinder
Beim Rehasport für Kinder fehlen in Deutschland die Möglichkeiten. © Peter Kolakowski
Von Peter Kolakowski · 21.01.2024
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Ob Verspannungen, Rücken- und Gliederschmerzen oder Übergewicht: Bewegung ist bei der Rehabilitation oft das beste Medikament. Da Angebote für Kinder fehlen, hat der Deutsche Behindertensportverband jetzt das Projekt „Teilhabe VEREINfacht“ gestartet.
Der fünfjährige Noah gibt an der Kraftmaschine alles. Noah hat eine Gangunsicherheit und kommt daher regelmäßig in die ambulante Kinder-Reha, erzählt sein Großvater Christoph Degenhardt, der seinen Enkel heute begleitet:
„Wir machen hier Gymnastik allgemein, also zum Beispiel muss er von einem Teller auf den nächsten hüpfen. Wir machen hier verschiedene Übungen, die für ihn ganz wichtig sind, damit er im wahrsten Sinne des Wortes wieder auf die Beine kommt.“

Uniklinik Köln mit ambulanter Kinder-Reha

Die ambulante Kinder-Reha der Uniklinik Köln versteht sich als Ergänzung zur stationären. Der Vorteil: Die Kinder können weiter ihre Schule oder Kita besuchen und kommen nur stundenweise zum Trainieren hierher, erklärt der Kinder- und Jugendarzt Professor Eckardt Schönau. Er leitet die Abteilung Kinder- und Jugend-Reha:
„Einmal haben wir das ambulante Angebot für Kinder und Jugendliche mit Adipositas, die interdisziplinär begleitet werden - und zum anderen Kinder mit motorischen Problemen.“

Einzel- und Gruppentraining für Kinder

Die Abteilung Kinder-Reha der Uniklinik bietet sowohl Einzel- als auch Gruppentraining an. Bewegung in der Gruppe eignet sich auch für adipöse Kinder. Es wird Kraft aufgebaut, aber vor allem Kalorienmonster gejagt, zum Beispiel durch Ausdauertraining wie Lauf- oder Kletterspiele.
Kinderärzte wie Schönau warnen bereits seit Langem, dass Kinder sich generell immer weniger bewegen. Stattdessen lieber tippen, wischen oder posten.
Schönau: „Durch die Medien, die zur Verfügung stehen, durch Handy, iPads, Fernsehen auch kommt das dazu, dass Kinder am Tag weniger Bewegung im Freien haben wie Gefängnisinsassen sozusagen Hofausgang haben.“

Gruppentraining stärkt Selbstwert der Kinder

Vergleicht Professor Schönau. Das soziale Miteinander in der Gruppe fördert außerdem den Selbstwert der Kinder und macht sie auch seelisch stärker.
Die ambulante Kinder-Reha der Uniklinik Köln war 2008 die erste in Deutschland. Und ist immer noch fast die einzige. Eltern müssen ambulante Rehamaßnahmen für ihre Sprösslinge bis heute suchen wie die Stecknadel im Heuhaufen – obwohl sie seit 2017 kostenlos Anspruch darauf haben.
Ärzte, Kranken- oder Rentenkassen schoben in der Vergangenheit die Verantwortung gern dem Schulsport oder den Sportvereinen zu, obwohl deren Kurse den speziellen Bedürfnissen genesender oder chronisch kranker Kinder nicht gerecht werden.

Viele Eltern wissen kaum von den Reha-Leistungen

Ein weiteres Problem ist die Bekanntheit: Viele Eltern, aber auch Ärzte und Ärztinnen wissen kaum von den Rehaleistungen, kritisiert Friederike Neugebauer, die Geschäftsführerin des Bündnisses „Kinder- und Jugendreha“.
Versicherungen und Behörden müssten daher mit entsprechenden Kampagnen wie zum Beispiel „Kinder- und Jugendreha rettet Lebensläufe“ die Öffentlichkeit, Ärzte, Vereine und Übungsleiter sensibilisieren.
Beim Rehatraining in Leverkusen wird das Angebot gerade für die jungen Kunden erweitert.
Die Angebote sind nicht an Sportarten gebunden, erklärt Sportwissenschaftler und Therapeut Markus Schulze-Schrage:

Es ist keine spezielle Sportart wie Fußball oder Handball, wo sich die Kinder in irgendeiner Form beweisen oder Leistung bringen müssen, sondern jeder macht nur das, was er letztlich kann. Es geht hauptsächlich um die Bewegung, um die Koordination, um das Gleichgewicht - und um das Selbstbewusstsein letztendlich auch zu stärken.

Therapeut Markus Schulze-Schrage

DBS will 200 Kinder-Rehasportangebote fördern

Um die große Versorgungslücke zu füllen, hat der Deutsche Behindertensportverband (DBS) Ende letzten Jahres das Projekt „Teilhabe vereinfacht“ gestartet. Die Fördermaßnahme richtet sich besonders an Sportvereine.
Rund 200 Kinder-Rehasportangebote in ganz Deutschland will der DBS ab dem Frühjahr finanziell unterstützen.  Denn statt teurer Medikamente, Krankenhausaufenthalte mit OPs oder auch Kuren ist regelmäßige Bewegung die bessere Wahl, betont der Rehabilitationsexperte Professor Mathias Köhler vom Rehazentrum in Damp:
„Dass wir in der Rehabilitation für unsere Patienten sehr viel bewirken können - und ich glaube, dass es wichtig ist für die Zukunft, weil natürlich die Kosten aus dem Ruder laufen und das Personal immer weniger wird.“
Auch bei den Übungsleitern im Rehasport. Zwar empfinden Trainer und Übungsleiter die Arbeit gerade mit jungen Patienten als besonders erfüllend, hebt der Fachbereich Reha in der Medizin an der Uni Halle in einer Studie hervor.
Und auch sind durch das neue Teilhabegesetz Renten- und Krankenkassen jetzt noch stärker in die Pflicht genommen, nicht nur Erwachsenen Rehasport anzubieten.
Allerdings hat es der Deutsche Behindertensportverband als größter Verband für die Zertifizierung von Angeboten und die Ausbildung von Reha-Fachübungsleitern bis heute versäumt, spezielle Ausbildungen für pädiatrischen Rehasport zu entwickeln.

Experten fordern mehr Prävention bei Kindern

Und so begrüßenswert das Förderprogramm des DBS auch sein mag: Experten aus dem Sport, Gesundheits- und Sozialbereich fordern, künftig nicht nur den Rehasport bei Heranwachsenden auszubauen, sondern auch und gerade die Prävention, also durch kindgerechte Sportkurse Krankheiten zu vermeiden.
Das fordert auch Ulrike Kramer, Vorsitzende im Fachverband soziale Arbeit im Gesundheitswesen. Sie glaubt:
„Dass man zum Teil mit Prävention und Gesundheitsförderung viel, viel mehr erreichen würde als immer nur auf das Ergebnis von Behandlungen, die dann erforderlich sind, weil man zu wenig investiert hat, zu schauen.“          

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