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Interview / Archiv | Beitrag vom 24.12.2019

Regisseur Bonn Park"Theater sollte sein wie eine utopische Gesellschaft"

Bonn Park im Gespräch mit Stephan Karkowsky

Lilith Krause (als Weltraumärztin Vassilissa Vassilissawitsch Vassilissava), Fee Aviv Marschall (als Njanja) und Zelal Yesilyurt (als Mascha), v.l., während der Fotoprobe zu "Drei Milliarden Schwestern" in der Volksbühne Berlin (imago/Martin Müller)
Das Opernprojekt "Drei Milliarden Schwestern" ist Bonn Parks bisher größter Erfolg – Premiere war im Oktober 2018 an der Volksbühne Berlin. (imago/Martin Müller)

Bereits seit zehn Jahren macht Bonn Park erfolgreich Theater – und wird immer noch als Nachwuchs gehandelt. Der Regisseur nimmt es gelassen. Überhaupt solle es am Theater um die Verringerung von Eitelkeiten gehen. Egos sollten einer Idee nicht im Wege stehen.

Das Stück "Drei Milliarden Schwestern" war sein bisher größter Erfolg, ausgezeichnet u. a. mit dem Friedrich-Luft-Preis und als beste Nachwuchsinszenierung von "Theater Heute". Zehn Jahre macht der 1987 in Berlin geborene Regisseur Bonn Park nun schon erfolgreich Theater - und immer noch gilt er als "Nachwuchs"-Künstler. Er selbst nimmt das gelassen. "Das ist tatsächlich etwas, das ganz lustig ist am Theater, weil es ist schön, dass man sich immer noch fühlen kann wie 19."

Allerdings sei es natürlich immer auch schmerzvoll zu wissen, dass das auch bedeute, nicht ernst genommen zu werden. Und es erinnere ihn an das Greta-Thunberg-Phänomen, die ständig angegriffen werde von älteren Männern. "Ich habe das Gefühl, dass ich so etwas auch kenne."

Modernes Theater braucht Risikobereitschaft und Mut

Wie sollte Theater seiner Meinung nach heute aussehen? "Ein modernes Theater sollte sein – für mich – wie eine utopische Gesellschaft, es geht um ganz kitschige Begriffe wie Liebe und Respekt und Umgang", sagt Bonn Park. Es gehe auch um Risikobereitschaft, Mut und das Zulassen von Ideen. "Und – was sehr schwierig ist am Theater –, um die Verringerung von Eitelkeiten, dass keine Egos mehr im Weg stehen vor einer Idee oder einem Inhalt, und dann, glaube ich, ist alles möglich. Und auch vor allem: bereit zu sein, zu scheitern."

Bonn Park hält es für "ein großes Missverständnis, dass Theater ein akademischer Ort ist, wo es ständig um essayistische Themen geht und man hat immer das Gefühl, man sieht 'Spiegel Online'-Artikel, Kommentare von Redakteuren oder so." Für ihn sei Theater eine Kunstform. "Es ist ein sinnliches Medium – und das fehlt doch oft auf der deutschen Bühne oder in Deutschland an sich."

Derzeit arbeitet der Regisseur an drei Stücken bzw. Stückentwicklungen in Deutschland, Serbien und Korea – aus denen so etwas wie eine "Atlas-Trilogie" entstehe. Alle drei Stücke haben auch persönlich etwas mit ihm zu tun: In Deutschland ist er aufgewachsen, aus Korea kommen seine Eltern und slawische Sprachen hat er studiert.

Ein Horrorstück über Deutschland

In Bamberg also bringt Bonn Park laut eigener Aussage "ein Horrorstück" auf die Bühne mit dem Titel "Das Deutschland" – ausgehend von der sogenannten Flüchtlingskrise und der Debatte über die Leitkultur und seinen eigenen Erfahrungen als Sohn von Migranten. "Ich kenne das von mir, dass ich in meiner Teenagerzeit immer richtig gern weiß sein wollte, weil alle in meiner Schule weiß waren. Ich habe mir die Haare blond gefärbt und ich verstehe ganz gut, was das bedeutet, dazu gehören zu wollen und aber auch, was die anderen von dir erwarten, um dazu zu gehören."

Er ist allerdings ein Kritiker des aktuellen Polit-Theaters. Es gehe nicht darum, sich die ganze Zeit zuzunicken und sich als "die Guten" zu fühlen. "Wir gucken permanent auf den Proben, was tut bei uns weh, was hat das mit mir zu tun, Deutschland, Deutsch sein." Das versuchten sie zu analysieren und daraus entstünden Rituale in bester Horrormanier.

(cwu)

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