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Vollbild | Beitrag vom 31.08.2019

Regisseur Asif Kapadia "Maradonas Leben ist wie ein Film"

Moderation: Patrick Wellinski

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Diego Maradona läuft durch das Stadium,  gefolgt von Journalisten. (Alfredo Capozzi/DCM)
Sieben Jahre blieb Diego Maradonna in der süditalienischen Hafenstadt, dort wurde er als Fußballgott gefeiert. (Alfredo Capozzi/DCM)

Diego Maradona galt als bester Fußballspieler seiner Zeit. Ein Dokumentarfilm von Oscar-Gewinner Asif Kapadia erzählt nun die dramatischen Jahre des Argentiniers in Neapel. Der Regisseur erklärt, welche Herausforderungen er dafür zu meistern hatte.

Es war ein ziemlicher Trubel, als Diego Maradona 1984 beim italienischen Fußballerstligisten SSC Neapel anheuerte. Sieben Jahre blieb der Spieler in der süditalienischen Hafenstadt, wurde dort als Fußballgott gefeiert und dort begann auch sein Abstieg in die Drogen.

Der Dokumentarfilm "Diego Maradona", der am Donnerstag ins Kino kommt, beleuchtet diese Zeit Maradonas. Der britische Regisseur Asif Kapadia – der für seinen vorherigen Film über Amy Winehouse einen Oscar bekam – hat den Film zusammengestellt, aus Bildmaterial aus der Zeit und einem aktuellen Interview mit Maradona, das er für den Film geführt hat. "Diego Maradona" lief vor zwei Wochen auch beim Filmfestival in Locarno. Dort hat Patrick Wellinski Asif Kapadia getroffen und ihn gefragt, warum er sich auf die Zeit von Maradona in Neapel konzentriert hat.

Asif Kapadia: Wir haben in der Tat viel mehr recherchiert – von seinen jungen Jahren in Argentinien, über Barcelona und Neapel bis heute. Aber als wir uns dann den Film angesehen haben, mit einer Länge von vier, fünf Stunden, haben wir festgestellt, dass sich die eigentliche Geschichte in der Mitte abspielt. Und die Mitte war Neapel. Dort hat er die längste Zeit an einem Ort verbracht, nachdem er Argentinien verlassen hatte, sieben Jahre in einer Stadt - in dieser bestimmten Stadt, die im Film selber zu einem Protagonisten wird. Dort ist er zum besten Spieler der Welt geworden. Er hat die Weltmeisterschaft gewonnen, er hat mit Neapel alle möglichen Championships gewonnen, aber es ist auch der Ort, an dem all seine Probleme begonnen haben. Alles, was wir jetzt von ihm sehen, oder in den letzten 20 Jahren mitbekommen haben, ist also eine Folge von dem, was in Neapel passiert ist.

Der Oscar für "Amy" hat geholfen

Patrick Wellinski: Wie hat die Tatsache, dass Maradona noch am Leben ist, ihre Herangehensweise an den Film und den Film selber beeinflusst und verändert?

Kapadia: Ich denke, der Hauptunterschied besteht darin, dass wir nach Dubai gefahren sind, ihn dort getroffen und mit ihm gesprochen haben. Das war neu. Der eigentliche Prozess war ähnlich, mit viel Archivarbeit in London. Aber die Geschichte war viel umfangreicher. Wir haben in London gearbeitet, Diego Maradona war in Dubai, ein Großteil der Geschichte hatte sich in Neapel in Italien abgespielt und die meisten anderen Beteiligten lebten in Buenos Aires. Das war schon eine epische Dimension für so einen Dokumentarfilm. Außerdem wurde das meiste wurde auf Spanisch und Italienisch gefilmt, und ich spreche keine der beiden Sprachen. Das waren die eigentlichen Herausforderungen.

Regisseur Asif Kapadia beim Cannes Filmfestival. (picture alliance/dpa/TASS/Oleg Nikishin)Erhielt für "Amy" den Oscar: Regisseur Asif Kapadia. (picture alliance/dpa/TASS/Oleg Nikishin)

Wellinski: Wie schwierig war es, das Vertrauen von Diego Armando Maradona zu gewinnen? Er und die Presse sind ja nicht gerade die besten Freunde.

Kapadia: Gute Frage. Ich weiß nicht, ob ich tatsächlich sein Vertrauen gewonnen habe. Aber wir haben es geschafft, dass wir seine Bildrechte und Zugang zum Filmmaterial bekommen. Er mochte meinen Film "Senna" sehr. Das hat geholfen. Und dass "Amy" den Oscar gewonnen hat, während wir über diesen Film hier verhandelt haben, hat ebenfalls geholfen. So konnte er auf seiner Facebook-Seite ein Bild von mir mit dem Oscar posten und darunter schreiben "in seinem nächsten Film geht es um mich". Das alles war gut für uns. Dann war es meine Aufgabe, eine Beziehung zu ihm aufzubauen und mit anderen Menschen zu sprechen.

Diego und Maradona sind zwei Personen

Wellinski: Ist er nicht der glaubwürdigste Zeuge, der über sein Leben sprechen kann?

Kapadia: Im Film gibt es Diego, und es gibt Maradona. Das sind zwei verschiedene Personen. Manchmal hat es sich für mich fast so angefühlt, als würde ich einen Film machen, der 1984 spielt, als Diego in Neapel ankam, aber der Mensch, den ich treffe, ist Maradona, der 2017 in Dubai lebt. Obwohl er also am Leben war, und ich mit ihm sprechen konnte, war es manchmal schon so, dass die Art und Weise, in der er über die Geschichte redet oder sich erinnert, nicht unbedingt relevant für sie ist, auch im Zusammenhang mit dem Archivmaterial und dem, was alle anderen erzählen. Das war eine interessante Herausforderung. So ist das, wenn die Protagonisten noch leben. Sie haben ihre eigene Version der Wahrheit, und ich konstruiere meine Version, und das ist nicht unbedingt die gleiche. Aber das ist wohl die Aufgabe des Filmemachers.

Wellinski: Was mir an Ihrem Film aufgefallen ist, ist, dass es nicht nur ein Film über Fußball und Maradona ist, sondern auch ein Film darüber, wie Italien mit seinen Helden umgeht, oder in diesem besonderen Fall wie Neapel das tut. Wie wichtig war es Ihnen, Neapel zu einer der Hauptfiguren des Films werden zu lassen?

Kapadia: Das ist schon eine wichtige Sache. In all meinen Filmen haben mich immer die Persönlichkeiten meiner Protagonisten interessiert. Aber ich interessiere mich auch sehr für die Orte, an denen die Geschichten spielen und den gesellschaftlichen Kontext der Geschichte. Maradona war Fußballer, aber es geht nicht wirklich um Fußball. Es geht viel um Länder, die sich gegenseitig ausspielen, oder Regionen eines Landes, die in Konkurrenz treten, um gesellschaftliche und wirtschaftliche Themen, die da eine Rolle spielen.

Neapel galt immer als eine arme Region Italiens, man hat auf die Stadt herabgeschaut. Und es gab die Vorstellung, dass Maradona, weil er auch arm war und aus einer ärmlichen Gegend kam, in einer armen Stadt landet, die ihn braucht, und dass er auch jemanden braucht, der ihn liebt, und gemeinsam werden sie stark und schaffen es, den Norden zu schlagen. Das ist ein großer Teil der Geschichte. Aber das, was Neapel in den 80ern ausmachte, enthielt ebenfalls alle Zutaten, die für seinen Niedergang nötig waren. Der Ort ist mir sehr wichtig, bei "Senna" war es Brasilien. Bei "Amy" Nord-London und Camden. In diesem Fall geht es um Diego Maradona, aber auch darum, wie er auf den Protagonisten Neapel trifft.

Maradona will gebraucht werden

Wellinski: Interessant an der Beziehung zwischen Maradona und Neapel ist für mich, dass Neapel ihm immer einen Schritt voraus schien, es gab schon eine tiefe Verbindung zwischen beiden, aber ich glaube, Maradona unterschätzte Neapel. Nicht nur der Fußballverein, die ganze Bevölkerung Neapels schien ihn gewissermaßen nicht gehen lassen zu wollen.

Kapadia: Ja, das ist sehr interessant. Maradona braucht Liebe. Er will gebraucht werden und er schafft es, dass man ihn braucht, dass er sich wichtig fühlt, und dass man ihn liebt. Die Leute wollen ihn anfassen, festhalten, sie machen ihn zu einem Gott. Aber man kann jemanden mit zu viel Liebe auch ersticken. Das passiert ihm. Er bekommt zu viel von allem. Auch damit er in Neapel bleibt. Und das macht ihn krank und wird zu einem Problem. Am Ende gibt es diese Wendung in der Geschichte – fast wie in der griechischen Tragödie, wo jeder, der ganz nach oben kommt, wieder fällt. Es ist diese klassische Geschichte, in der er ganz unten anfängt und es bis ganz nach oben schafft, wo alles großartig ist, aber das kann niemals für immer so bleiben. Es ist wie ein Film. Er sagt das in der Dokumentation selber über sich: Sein Leben ist wie ein Film. Er ist tatsächlich eine Art Film-Figur.

Wellinski: Italien war ein gefährlicher Ort für ihn. Glauben Sie, dass er es unterschätzt hat?

Kapadia: Ich weiß nicht, ob er es unterschätzt hat. Ich bin mir nur nicht sicher, ob er wusste, wo er hinging. Es konnte aber auch niemand wissen, wie erfolgreich er sein würde. Zuvor hatte noch kein süditalienisches Team den Meistertitel gewonnen, Diego Maradona hat das mit Neapel zweimal geschafft, und nach ihm hat das nie wieder geklappt. In Italien gewinnt immer der Norden – gesellschaftlich, politisch und sportlich. Sie gewinnen immer, egal, was passiert. Wenn jemand aus dem Süden gut ist, kaufen sie ihn und übernehmen ihn.

Diego Maradona im Jahr 1990 nach einem Spiel zwischen Neapel und AC Milano. (Getty Images/Simon Bruty)Diego Maradona im Jahr 1990 nach einem Spiel zwischen Neapel und AC Milano. (Getty Images/Simon Bruty)

Er hat also Dinge vollbracht, die niemand für möglich gehalten hätte. Er befand sich da in seiner absoluten Hochphase. Er verbesserte das Team, er brachte auch das argentinische Nationalteam nach vorne. Darum haben sie die Weltmeisterschaft gewonnen. Er hat gewöhnliche Spieler genommen und dafür gesorgt, dass sie sich gut fühlen, auch durch seine Beziehung zu den Fans. Die Fans tragen dazu bei, dass die Spieler sich sicherer fühlen und es schaffen, Juventus Turin, AC Mailand, Inter Mailand und Rom zu schlagen – und Verona, die damals sehr gut waren. Darüber müssen wir auch sprechen. Als jemand, der vor allem dafür bekannt war, dass er so einen starken Charakter und so ein großes Ego hatte, war Maradona auch ein sehr guter Teamspieler. Er brachte alle dazu, sich zu verbessern und an sich zu glauben. Er war fast wie eine Art Gewerkschaftsführer, manchmal beinahe wie ein Politiker. Darum hatten sie Erfolg und darum glaube ich, dass er wirklich brillant ist.

Filmaufnahmen aus Müllcontainern

Wellinski: Wie haben Sie das ausländische Filmmaterial gefunden? Wie schwierig war es, Filmmaterial von den Fußballspielen zu finden, die sie brauchten? Es gibt ja so viele Fußballspiele.

Kapadia: Wir machen ja schon einige Zeit Filme auf diese Art und Weise. Wir haben das auch bei "Senna" und "Amy" so gemacht. Der Prozess ist also schon ziemlich eingespielt, aber man braucht immer noch wirklich gute Leute, Archiv-Produzenten, deren Job es ist, zu den Archiven zu gehen, dort Beziehungen und Vertrauen aufzubauen, und das Material zu finden, das ich und der Editor sich dann ansehen können, um zu entscheiden, was in den Film kommt.

Eine Menge Material kam von zwei argentinischen Kameraleuten, die Maradona gefilmt hatten, also privates Material. Einiges kam von Fans, die Maradona gefilmt hatten und dann Freunde von ihm geworden sind. Einiges kommt von Fernsehsendern. Viel Material ist auch einfach weggeworfen worden. Viele Fernsehsender machen sich nicht die Mühe, das ganze Filmmaterial aus den 80er-Jahren zu digitalisieren und schmeißen die Tapes einfach weg.

In Buenos Aires haben wir Menschen getroffen, die aus Müllcontainern der Film- und Fernsehfirmen Material geholt hatten und zu Sammlern geworden waren. Ein Teil des Materials stammt auch von der Fifa, von den Weltmeisterschaften, da braucht man deren Genehmigung. Es ist eine interessante Herausforderung, all diese Quellen zusammenzubringen, und es so aussehen zu lassen, als ob alles Teil eines Filmes ist. Das ist unsere Aufgabe. Wie ein Mosaik.

Am Ende des Films sitzt Diego Maradona bei einer Weihnachtsfeier, alleine und still und man sieht in seinem Gesicht, wie er nachdenkt. Dieses Tape hatte wirklich noch keiner gesehen. Das war eine VHS-Kassette von jemandem in der Nähe von Neapel und wir mussten erst mal einen VHS-Rekorder suchen. Eine meiner Rechercheurinnen hat das Tape gesehen und gesagt: "Das ist großartig, das muss in den Film". Und sie hatte recht.

Das Leuchten verschwindet aus seinen Augen

Wellinski: Ist der Prozess, so zu arbeiten, für Sie als Filmemacher eher befreiend oder sind das Hindernisse, gegen die man ankämpfen muss, und sie hatten einfach das Glück, einen Videorekorder zu finden? Ist das ein Problem oder eher befreiend?

Kapadia: Ich mag diese Art zu arbeiten. Sie ist sehr organisch. Ich suche das Material, führe Interviews und schneide das zusammen. Und wenn ich was Neues finde, kann ich die Geschichte immer wieder neu schreiben. Es dauert in der Tat lange, aber am Ende zahlt es sich noch mehr aus. Und es fühlt sich ehrlicher an, am Ende die Antworten zu zeigen, die man im Verlauf gefunden hat. Es braucht dafür allerdings eine gewisse Gelassenheit und den Glauben, dass es irgendwo all dieses Material gibt.

Meistens interviewt man ja für Dokumentarfilme Leute, die einem erzählen, was passiert ist. Aber ich möchte den Zuschauern nicht alles erzählen, ich möchte es ihnen zeigen. Man soll sich die Bilder ansehen und seine eigene Geschichte bilden. Als wir das Material bekommen haben, wussten wir häufig nicht, von wann es ist, weil es nicht mit einem Datum versehen war. Ich habe also viel Zeit damit verbracht, mir Maradonas Augen anzusehen, seine Haare, die Form seines Gesichts und sein Körpergewicht, um auf diese Weise herauszufinden, ob das jetzt 1984 war oder schon 91. Und ich habe festgestellt: Am besten erkennt man es an seinen Augen.

Je berühmter er wird, desto mehr verschwindet das Leuchten aus seinen Augen. Er fängt an, zu lügen und zu betrügen. Alles beginnt, schief zu laufen, und er wird süchtig. Es gibt diesen Aufstieg und Fall – man sieht es seinem Körper an. Er kann es nicht gut verstecken. Das finde ich wirklich interessant. In diesem Sinne ist das ähnlich wie bei Amy Winehouse in meinem vorherigen Film. Sie hat es auch nicht wirklich versteckt. Vielleicht hat sie eine Perücke getragen und eine Maske aufgesetzt, aber man konnte an ihren Augen erkennen, dass sie unglücklich war, dass sie nicht da sein wollte, wo sie war.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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