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Fazit / Archiv | Beitrag vom 05.11.2015

Reformpläne der LandesregierungThüringen strukturiert Orchester und Theater um

Von Henry Bernhard

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Demonstranten ziehen in Eisenach einen 630 Meter langen Schal um das Landestheater.  (dpa/ picture-alliance/ Michael Reichel)
Demonstranten ziehen in Eisenach einen 630 Meter langen Schal um das Landestheater. (dpa/ picture-alliance/ Michael Reichel)

Die Thüringer Regierung will die Orchester- und Theaterlandschaft des Landes umbauen. Seit das bekannt wurde, ist die Entrüstung groß. Staatskanzleiminister Benjamin-Immanuel Hoff, auch für die Kultur zuständig, hat seine Pläne vorgestellt.

"Anders als andere Kulturminister hat uns niemand aufgefordert, hier Einsparungen in Thüringen vorzunehmen. Insofern sind die standortbezogenen Vorschläge, die wir hier unterbreiten, auch keine Kürzungsvorschläge."

Thüringens Staatskanzleiminister Benjamin-Immanuel Hoff, auch für die Kultur zuständig, hat keinen Plan, sondern er hat viele Pläne. Dafür, wie es mit Thüringens vielfältigen Theater- und Orchesterlandschaft weitergehen soll. Denn die Basis ist oft marode: An manchen Häusern verdienen die Angestellten bis zu 30 Prozent unter Tarif. Das will Rot-Rot-Grün ändern. Das Wunder soll vollbracht werden, dass mittelfristig alle Beschäftigten tariflich zu bezahlen, und dies ohne betriebsbedingte Kündigungen, bei stabilen Kulturausgaben. Die Zauberworte heißen Kooperation und Fusion. Verschiedene Varianten davon schlägt Hoff vor, Varianten, die nun breit diskutiert werden sollen. Auch, dass alles so bleibt, wie es ist, sei denkbar, so der Staatskanzleiminister:

"Sollte es so sein, dass wir uns gemeinsam darauf verständigen, den Status Quo fortzuführen, ist die Strukturveränderung vertagt, aber nicht gescheitert. Weil, die Fragen, die wir aufrufen, stehen weiterhin; sie werden, wenn wir den Status Quo fortführen, nur dringlicher gestellt werden und wir werden weniger Zeit haben und möglicherweise auch – sollte sich die Finanzlage des Freistaats Thüringen verschlechtern – dann die Diskussion unter deutlich schlechteren Voraussetzungen führen als wir sie heute führen."

Kooperationen und Fusionen, um verbleibende Mitarbeiter nach Tarif zu bezahlen

Hoff macht unmissverständlich klar, dass Kooperationen und Fusionen kommen müssen, früher oder später, um langfristig Stellen abzubauen und dann nach Tarif zahlen zu können. Zentraler Bestandteil seiner Überlegungen, die er aus Dutzenden Gesprächen mit Intendanten, Kommunalpolitikern und Interessenvertretern gewonnen hat, ist der Plan, das Deutsche Nationaltheater in Weimar und die Erfurter Oper zu fusionieren. Ein Plan, der schon 20 Jahre alt ist und an dem sich schon mehrere Kultusminister die Zähne ausgebissen haben.

Benjamin-Immanuel Hoff: "Natürlich wird's aus Weimar ... Die erste Reaktion, die daraus kommen wird, ist: Das Aufbrühen eines uralten Kaffees, der schon damals nicht geschmeckt hat. Ja, kann man so sehen."

Dennoch favorisiert Hoff dieses Fusionsmodell: Weimar bringt Schauspiel und Oper ein, Erfurt Oper und Puppenspiel, und beide Häuser je ein Orchester, die dann fusionieren. Wenn das nicht vermittelbar ist, dann sollten wenigstens die Orchester fusionieren. Eine Schreckensvision für die Weimarer, die den besonderen Klang ihrer Staatskapelle schätzen.

Der Ehrenpräsident der Staatskapelle Weimar, George Alexander Albrecht, sieht hier Schreibtischarbeiter am Werk, die nicht über Kunst nachdenken, sondern über Zahlen:

"Die Staatskapelle kann man nicht fusionieren, mit niemandem, mit keinem anderen Orchester. Und die hat einen ganz unverwechselbaren Charakter, der macht ihren Wert aus, der international geschätzt wird. Das kann man nichts aufs Spiel setzen. Ein Orchester ist kein Ragout."

Aber über Kunst wollte Staatskanzleiminister Hoff heute nicht diskutieren:

"Die Diskussion führe ich mit den Beschäftigten, wenn sie Lust haben, die Diskussion mit mir zu führen."

Marion Wolf: "Nächste Frage!"

Zentraler Bestandteil: Weimarer und Erfurter Schauspiele zusammenlegen

Der Intendant des Deutschen Nationaltheaters Weimar, Hasko Weber, begrüßt erst einmal, dass endlich Vorschläge auf dem Tisch liegen. Im Sommer hatte er von seiner Belegschaft und der Presse Prügel einstecken müssen, als Pläne der Staatskanzlei durchgesickert waren, die den Bestand des DNT in seiner jetzigen Form gefährdeten.

Hasko Weber: "Ja, das ist jetzt ein Vorschlag vom Minister, der ist zu prüfen. Aber nichts Allererstes! Ich will erst mal sagen: Wovon gehen wir aus? Es kann ja sein, wir kommen untereinander zu der Einschätzung, die Status-Quo-Variante ist für das DNT das Beste. Dann haben wir einen Standpunkt. Dann brauche ich eine andere Diskussion nicht führen."

Die Möglichkeit, nichts zu verändern, die jährliche Tarifsteigerung mitzunehmen, und zu hoffen, dass die kommunalen Träger mitspielen, gibt es in den Planspielen der Landesregierung immer. Aber dies sei auch eine Sackgasse, meint Weber:

"Weil alle Theater und Orchester im Land in einer Situation sind, wo absehbar eine gedeckelte Finanzierung zu Schwierigkeiten führt. Und das ist eine Art flächendeckende Erosion, auf die wir da bewußt zusteuern würden; und es wäre im Grunde genommen der fatalste Ausgang der gesamten Versuche, ins Gespräch zu kommen, Vorschläge zu machen und vielleicht auch wirklich mal was festzuhalten."

Für sein Haus, das Deutsche Nationaltheater Weimar, bevorzugt Weber also den Status quo, prinzipiell ist er aber für strukturelle Veränderungen in der Thüringer Theaterlandschaft. Die Vielfalt ist groß in den Vorschlägen der Landesregierung. Bis ins Frühjahr soll nun öffentlich debattiert werden, wer mit wem fusioniert, kooperiert oder wer sich weigert, sich zu bewegen. Ob es der Staatskanzlei gelingt, diese vielstimmige Debatte zu moderieren und zu kanalisieren, darauf ist man in Thüringen gespannt.

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