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Religionen | Beitrag vom 06.09.2020

Reformdebatte"So kann es in der katholischen Kirche nicht weitergehen"

Birgit Mock im Gespräch mit Kirsten Dietrich

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Demonstrantin vor der Regionalkonferenz des Synodalen Weges in Ludwigshafen. Sie trägt ein Transparent mit der Aufschrift "Auch Frauen fühlen sich berufen". © Synodaler Weg /  Klaus Landry (Klaus Landry / Synodaler Weg)
Jahrhunderte lang hat die katholische Kirche die Rolle der Frauen in ihren Reihen stark eingegrenzt. Das soll sich ändern, fordern Reformer. (Klaus Landry / Synodaler Weg)

Die katholische Kirche in Deutschland muss sich verändern. Aber sind echte Reformen, vor allem für Frauen in der Kirche, wirklich möglich? Birgit Mock vom Katholischen Frauenbund findet: Es ist noch viel Luft nach oben.

Kirsten Dietrich: Der synodale Weg in der katholischen Kirche kann und muss echte Reformen bringen. Das sagen zumindest die, die noch eine Hoffnung auf echte Veränderung haben. Am 4. September trafen sich alle Beteiligten zur Diskussion – wegen Corona verteilt auf fünf Städte. Birgit Mock ist Geschäftsführerin des katholischen Hildegardis-Vereins, der Frauen in Studium und Beruf fördert. Sie ist aktiv im Katholischen Frauenbund in Deutschland, das Thema Frauen und Kirche liegt ihr am Herzen. Und Birgit Mock leitet eine Arbeitsgruppe beim Synodalen Weg, nämlich das Forum "Leben in gelingenden Beziehungen – Lieben leben in Sexualität und Partnerschaft", zusammen mit dem Aachener Bischof Helmut Dieser. Frau Mock, Reform in der katholischen Kirche – geht da noch was?

Birgit Mock: Wir hoffen darauf. Und wir setzen uns jetzt in unserem Forum auch intensiv dafür ein, dass wir wirkliche Veränderungen auf den Weg bringen.

Rückenwind für Reformvorschläge

Dietrich: Ich habe an dem Treffen in Berlin teilgenommen – da war eine ganz entspannte Atmosphäre. Es haben sich eigentlich nur Menschen zu Wort gemeldet, ob mit Priesterkragen am Hemd oder ohne, denen die Reformvorschläge eher nicht weit genug gingen. Also, wenn es nach der Stimmung da ginge, dann könnten die Katholikinnen sofort loslegen. Sie waren in Ludwigshafen – wie war die Atmosphäre denn da?

Mock: Ich kann Ähnliches berichten. Wir haben sehr intensiv gesprochen, wir haben sehr ehrlich gesprochen. Wir haben teilweise auch sehr persönliche Berichte gehört. Und wir haben auch großen Rückenwind für unser Papier bekommen und die anstehenden Veränderungen.

Dietrich: Der Synodale Weg ist so organisiert, dass er Foren hat, also kleinere Arbeitsgruppen, der Synodale Weg ist dann das Gespräch von allen miteinander. Am Freitag hat sich die Gesamtgruppe getroffen in fünf Städten, zwei inhaltliche Punkte standen zur Debatte. Einmal die Rolle von Frauen, dann die Frage nach gelingender Sexualität. Fangen wir mal mit den Frauen an: Da ist mir von der Tagung, die ich besucht habe, eine Teilnehmerin im Gedächtnis geblieben, die sagte: Ich bin eine gute Katholikin, ich bin eine erfolgreiche Politikerin, und im normalen Leben würde ich niemals drüber reden, ob ich gut genug bin, eine Aufgabe zu übernehmen, nur weil ich eine Frau bin. So etwas verlangt nur die Kirche.

Mock: Beim Frauenthema, da erleben wir von vielen Frauen, dass sie sagen: Wir wollen als Menschen, mit voller Würde, mit vollen Rechten, mit voller Gottesebenbildlichkeit anerkannt sein. Da sehen wir in der Kirche doch noch viele Baustellen. Da ist ein Kulturwandel nötig, wir sehen aber auch viele Entscheidungen, die notwendig sind. Das Thema haben wir gestern intensiv beraten.

Katholikinnen fordern Veränderung

Dietrich: Vor allem die jungen Frauen sind es, die die Diskussion vorantreiben, so habe ich es erlebt. Weil sie keine Lust mehr haben auf den Spagat zwischen dem, was katholisch ist, und dem, was normaler Anspruch ist.

Mock: Das stimmt, die jungen Frauen wachsen in einer Gesellschaft auf, wo volle Gleichberechtigung herrscht, wo alle Zugänge möglich sind. Aber wir erleben es in der Kirche auch, dass gerade die älteren Frauen auf die Barrikaden gehen. Wir haben, als ich in Ludwigshafen in das Tagungshaus fuhr, ein großes Spalier gehabt von Katholischem Frauenbund, kfd, Maria 2.0, aber auch einige Männer, die gesagt haben: Wir treten ein für die volle Gleichberechtigung. Und das waren überwiegend Personen deutlich über 60, einige über 70, einige über 80 Jahre alt. Die kommen aus der Zeit des  Konzils, die sagen: Damals haben wir so viele Aufbrüche erlebt, und wir wollen, dass es immer weitergeht.

Birgit Mock, Geschäftsführerin des Hildegardis-Vereins. (Barbara Frommann)Birgit Mock kämpft für Reformen, speziell für eine Stärkung der Frauen in der katholischen Kirche. (Barbara Frommann)

Dietrich: Der Zugang, den die vorbereitende Arbeitsgruppe gewählt hat, ist, auszuloten, was denn im Rahmen des bestehenden Rechts möglich ist. Was ist denn möglich?

Mock: Frauen in Leitung zu bringen, in Ordinariaten, Generalvikariaten, ist schon mal der erste wichtige Punkt. Ich würde mal sagen: Bei dem Thema haben wir tatsächlich auch schon sehr große Fortschritte erzielt. Es gibt immer mehr Frauen, die sich für Leitung interessieren und darauf bewerben. Der Anteil von Frauen in diesen Leitungspositionen ist in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Und das ist so spannend, weil sich durch die Besetzung der Stellen mit diesen Frauen am Ende hinterher der Alltag verändert.

Debatte in den Vatikan tragen

Dietrich: Aus dem Vatikan kam nun vor ein paar Wochen eine Instruktion, die eigentlich genau das unterbindet und die die Leitung von Gemeinde wieder ganz deutlich auf den Priester zurück fokussiert. Macht das nicht die Debatte beim Synodalen Weg auch überflüssig, weil man ahnt, dass das an Rom dann sowieso scheitern wird?

Mock: Über dieses Papier haben wir tatsächlich auch intensiv gesprochen. Wir sind fest entschlossen, in einen intensiven Dialog mit Rom einzusteigen. In unserer Regionalkonferenz jetzt habe ich das deutlich gespürt, dass über Bischöfe und Laien hinweg, über Männer und Frauen, eine große Einigkeit besteht, dass wir diese Veränderung für Deutschland wollen. Und dass wir das auch in die Weltkirche hineintragen wollen.

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Dietrich: Ein anderes Thema, da sind Sie inhaltlich direkt eingebunden, ist die Sexualität. Sie leiten das entsprechende Forum, zusammen mit einem Bischof, dieser Doppelpack ist für jeden Bereich von der Geschäftsordnung vorgesehen. Ich finde spannend, dass in Ihrer Vorlage für das Gespräch bei den Regionalkonferenzen elf Punkte stehen, die nach meinem Verständnis den Kern hatten: Sexualität muss freier gefasst werden, sie muss in die Verantwortung der einzelnen gegeben werden. Und zu diesen elf Punkten gab es ganz oft Alternativmeinungen. Das heißt, da ist man sich offenkundig in der Vorbereitung nicht einig geworden.

Mock: Das stimmt. Wir haben in unserem Forum eine große Bandbreite an Persönlichkeiten, an persönlichen Hintergründen, und eben auch an theologischen und inhaltlichen Meinungen. Wir haben uns dazu entschieden, Bischof Helmut Dieser und ich, dass wir jetzt in dieser frühen Phase diese unterschiedlichen Meinungen auch abbilden. Weil es uns tatsächlich auch wichtig war, ein faires und transparentes und offenes Verfahren zu haben, in dem wir erstmals wirklich auch alle Meinungen dargestellt haben. Dadurch, dass auch jede Gruppierung auch die Sicherheit hatte, dass sie mit ihrer Meinung vorkommen kann, ist es uns eben auch gelungen, wirklich sehr tief in die inhaltliche Argumentation einzusteigen. Wir haben jetzt für diese – ich will mal sagen: Hauptmeinung in der Regionalkonferenz jetzt wirklich eine sehr sehr große Rückmeldung bekommen.

"Viele erleben katholische Sexualmoral als diskriminierend"

Dietrich: Denken Sie, dass Sie das schaffen, dann hinterher diese verschiedenen Meinungen wirklich zu einer gemeinsamen zusammenzufassen? Oder muss man dann einfach wirklich abstimmen – es kommt mir ein bisschen schwierig vor, darüber abzustimmen, welche Rolle zum Beispiel die Ehe in der Bewertung der katholischen Sexualität haben soll oder wie man Partnerschaft, Liebe und Treue fasst.

Mock: Wir sind von der Lebenswirklichkeit der Menschen ausgegangen. Das, was wir wahrnehmen, ist erstens: Viele Menschen empfinden die katholische Auffassung von Sexualität als diskriminierend. Und zweitens erleben wir Paare, die mit ihrer Sexualität vor der Ehe, außerhalb der Ehe, die mit ihrer Sexualität in gleichgeschlechtlichen Beziehungen sich in der Kirche nicht aufgehoben fühlen. Auch wenn sie ihre Sexualität in großer Verantwortung leben, in Treue, in einer Beziehung, die auf Dauer angelegt ist. All diese Menschen sind im Moment ausgeschlossen, wenn die Kirche von Sexualität spricht. Mit dieser Wirklichkeit sind wir an das Thema rangegangen. Das soll auch weiterhin der Kern unserer Bestrebungen sein, dass wir an dieser Stelle gegen Diskriminierung angehen und dass wir ein Thema in den Mittelpunkt unserer Veränderungen stellen wollen: Die unbedingte Anerkennung der Würde eines jeglichen Menschen, wozu auch seine Sexualität dazugehört.

Mehrheit für Reformen

Dietrich: Am Freitag gab es nur Debatte, nur Meinungsbildung. Im Februar ist das nächste vollzählige Treffen geplant, alle 250 Beteiligten an einem Ort, in Frankfurt am Main. Und da soll es auch erste Abstimmungen über verbindliche Texte und verbindliche Forderungen geben. Glauben Sie, dass es möglich ist, dann wirklich auch die bischöflich notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit zu bekommen, die für echte Änderungen nötig ist?

Mock: Das, was wir in unserer Regionalkonferenz erlebt haben, war ein großer Rückenwind für die merklichen Veränderungen, die wir bei uns mit vorgeschlagen haben. Insofern bin ich da eigentlich sehr zuversichtlich. Weil wir doch auch spüren in der Kirche in Deutschland, dass es so nicht weitergehen kann wie bisher. Wir brauchen etwas, was Menschen verstehen und wo sie sich auch aufgehoben fühlen. Noch mal: Wir müssen dafür sorgen, dass unsere Sexualmoral nicht als diskriminierend erlebt wird. Und wenn wir diese Veränderungen wollen, das habe ich in Ludwigshafen gespürt, dann bin ich wirklich voller Vertrauen, dass wir da mit einer großen Mehrheit auch nächstes Jahr diese Dinge auf den Weg bringen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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