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Rang I | Beitrag vom 09.03.2019

Rechtsruck-Komödie im HarzLara trifft Adolf Hitler

Von Wolfgang Schilling

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Die Mutter wird nach Eritrea abgeschoben, das Kind landet beim Vater in einer deutschnationalen WG: Das ist der Plot von "Familie Braun". (Fotograf: Ray Behringer)
Die Mutter wird nach Eritrea abgeschoben, das Kind landet beim Vater in einer deutschnationalen WG: Das ist der Plot von "Familie Braun". (Fotograf: Ray Behringer)

Thomas, bekennender Nazi, ist der Vater von Lara, einem Kind, dessen Mutter nach Afrika abgeschoben wird. Das ist der Stoff der Komödie "Familie Braun", die derzeit in Halberstadt, Quedlinburg und Wolfsburg gespielt wird. Das Stück kommt gut an.

In der Nazi-WG ist was los. Es klingelt und eine junge Frau, die in ihre Heimat Eritrea abgeschoben wird, überlässt ihre Tochter der Obhut dieser Wohngemeinschaft. Denn eines der deutschnationalen WG-Mitglieder ist der bis dato ahnungslose Vater des Mädchens. Jetzt darf er sich kümmern. Die Mutter muss ja dorthin zurück, wohin sie nach seiner Meinung gehört. In den Busch. Im Sinne der WG-Bewohner also alles korrekt. Aber was wird nun mit dem Kind? Ganz schön schräg ist er, der Plot der Mini-Serie "Familie Braun", die aus der Mediathek des ZDF inzwischen ihren Weg auf die Theaterbühne gefunden hat. Am Nordharzer Städtebundtheater.

Diese Familie Braun ist schon was Besonderes. "Tryout" steht in Klammern hinter dem Titel. Was ausprobieren heißt. In der Musical- Branche eine gängige Praxis. An kleinen Bühnen wird etwas solange ausprobiert, bis es richtig funktioniert. Dann bekommt ein großes Haus den Uraufführungszuschlag. Nach Parchim bekam jetzt also das Nordharzer Städtebundtheater seine Chance. Für Dramaturg Daniel Theuring ein ganz neues Verfahren:

"Ich hab erstmal gefragt, was ist denn das mit dem Tryout? Können wir das nicht als Uraufführung kriegen. Und dann kam die Antwort: Da sind wir uns noch nicht ganz sicher. Das wird erstmal ausprobiert. Dann hab ich mich darauf eingelassen. Hab mit denen auch darüber gesprochen, dass es bei uns ein bisschen anders aussehen wird, weil wir vom Ensemble etwas eingeschränkt sind. Und hatte erst ein bisschen Muffensausen, dass das vielleicht nicht so gut ankommt. Aber die sind sehr offen gewesen und waren begeistert, was man auf dem Theater alles machen kann."

- "Alter, was ist das?"
- "Keine Ahnung. Die Negerin hat das hier abgestellt. Hat gesagt, das ist deine Tochter und hat sich verpisst."
- "Das ist deine Tochter?"
- "Was? Nein, Quatsch, das ist nicht meine Tochter."
- "Wie heißt du?"
- "Ich bin Lara. Ich bin neun."
- "Wer ist das?"
- "Das ist Adolf Hitler."
- "Wieso guckt der so traurig?"
- "Der Führer guckt nicht traurig."
- "Wohl."
- "Eh, Negerkind. Halt die Fresse."

Das Kind stell die Nazi-Welt auf den Kopf

Nein, das tut sie nicht, die Tochter. Die bleibt. Und mit ihren naiven und offenen Kinderfragen stellt sie die Nazi-Welt Stück für Stück auf den Kopf und infrage. Für Regisseur Sebastian Wirnitzer ein großes Vergnügen, aber auch eine besondere  Herausforderung.  

"Die Sprache ist ein Thema. Es wird viel Fäkalsprache benutzt, an diesem Abend. Sexualisierte Fäkalsprache. Und immer ist das Kind dabei. Das war ein gar nicht so einfacher Prozess, die Kinder zu finden. Die ja auch noch dunkelhäutig sein müssen. Blackfacing wollten wir natürlich nicht machen."

Szene aus "Familie Braun", zu sehen derzeit an Stadttheatern im Harz (Fotograf: Ray Behringer)Szene aus "Familie Braun", zu sehen derzeit an Stadttheatern im Harz (Fotograf: Ray Behringer)

Die Suche war erfolgreich. Die beiden alternierend besetzten Mädchen spielen unglaublich authentisch und mit einer Bühnenpräsenz die geradezu verblüfft. Und auch die Profis konnten den offenbar etwas skeptisch angereisten Autor Manuel Melmberg überzeugen.  

"Als ich Premiere in Halberstadt gesehen hab, da war ich schon tierisch nervös, als ich vor der Tür stand und gesehen hab, wie die Leute in dieses Theater strömten. Ich hab mir jeden einzelnen Menschen angeguckt und mir gesagt: Der lacht doch nicht! Was ist denn, wenn die da sitzen und denken: Ach du Scheiße, das kann man doch nicht machen. Das kann ja genauso gut passieren. Das ist ja total provokant. Und da war ich dann halt sehr erleichtert, als die dann nach 15 Sekunden das erste Mal lauthals losgelacht haben. Und dann hat das auch nicht mehr aufgehört für anderthalb Stunden. Das war ein sehr tolles Gefühl."

Freut sich der Autor und auch im Publikum war man zufrieden.

"Es gibt einen Bezug zu dieser Stadt. Wir haben hier ja auch Probleme mit rechten Tendenzen und haben hier aber auch das Flüchtlingsheim. Also die Erstaufnahmeeinrichtung in Sachsen-Anhalt. Von daher passt es einfach. Und ich find es gut, dass es eine Komödie ist. Dass man sich diesem Thema mit Humor nähert. Und dadurch vielleicht auch mal was aufbricht. Auch die Idee, das aus dem Internet auf die Bühne zu bringen ist ja vielleicht etwas, was junge Leute anspricht. Und dass das in so einer Kleinstadt im Osten so modern aufgeführt wird, find ich einfach gut. Vielleicht erreicht man dadurch eine neue Zielgruppe, die sonst nichts ins Theater kommt."

Stück wird ohne pädagogische Nachhilfe verstanden

Guter Gedanke. Was aber, wenn am Ende sogar die Nazis vorbeischauen? Ist hier ja schon mal vorgekommen. Als sie nach einer Premierenfeier Musical-Darsteller des Hauses zusammenschlugen. Ist allerdings über zehn Jahre her und macht Hauptdarsteller Jonte Volkmann aktuell keine Angst:

"Ich hab nicht die Idee oder die Ahnung, dass da jetzt viele Nazis jetzt denken: Oh, guck mal, das sind wir im Theater, lasst uns das mal angucken. Was eigentlich schade ist. Ich fände es fast gut, wenn die vorbeikommen und sich das angucken und man auch mit denen ins Gespräch kommt. Mal schauen. Ich hoffe, dass wir da mit sehr vielen ins Gespräch kommen."

Dieses Ins-Gespräch-Kommen wird nun am Haus offensichtlich kontrovers diskutiert. Ein Rat von außen: Bitte nicht zerreden. Das Stück spricht für sich und wird verstanden. Auch ohne theaterpädagogische Nachhilfe. Zum ersten Gespräch danach kamen übrigens keine Nazis. Dafür aber Fabian Walther. Und der hatte als Vertreter des zuständigen Theaterverlages eine gute Botschaft dabei.

"Nun, es ist eine Entscheidung gefallen, auch in Abstimmung mit Herrn Melmberg, dass wir uns entschieden haben, die Uraufführung hier an das Nordharzer Städtebundtheater zu geben."

Eine Nachricht die von dem engagierten kleinen Schauspielensemble des Hauses zu Recht mit großer Freude aufgenommen wurde. 

Spieltermine finden Sie hier.

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