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Kompressor | Beitrag vom 22.04.2021

Realityshow "The Circle"Als gäbe es auf Social Media keine Shitstorms

Von Caren Miesenberger

Eine Frau hat vor blauem Hintergrund beide Hände über dem Mund zusammengeschlagen. (Netflix ©2021)
Deleesa, eine der Teilnehmenden von "The Circle", die um Sympathie und damit auch um 100.000 US-Dollar buhlen. (Netflix ©2021)

Allein zu Hause auf Bildschirme starren: Die Realityshow "The Circle" nimmt das typische Pandemieverhalten vorweg und schickt neun Personen mithilfe eines fiktiven sozialen Netzwerks in einen Wettbewerb. Doch ein kritischer Blick auf Social Media fehlt.

"Oh God I really need a hug", sagt ein Teilnehmer der Realityshow "The Circle". Und es beschreibt wahrscheinlich das Gefühl, das viele Menschen momentan haben: den Wunsch nach einer Umarmung. Denn wegen der Coronakrise ist das gerade nicht so einfach möglich.

In der Realityshow von Netflix begegnen Menschen sich auch nicht persönlich. Zu Beginn sind es neun Teilnehmende. Sie sitzen in einem Haus in getrennten Wohnungen und können nur über eine Social-Media-App namens "The Circle" miteinander kommunizieren. Das Ganze ist ein Wettbewerb: Wer es schafft, nicht rausgewählt zu werden, kann 100.000 US-Dollar gewinnen. Gerade ist die zweite Staffel der US-Version von "The Circle" erschienen.

Gegenseitige Bewertungen

Jede Person legt sich ein Profil im titelgebenden Netzwerk an. Danach ist es eigentlich nur noch ein Chat: Die Teilnehmenden kommunizieren sowohl in Gruppenchats mit allen als auch in Teilgruppen oder nur zu zweit. Ab und zu kriegen sie Spiele oder Aufgaben und jede Woche bewerten sie sich gegenseitig. Die beiden bestbewerteten Teilnehmenden heißen "Influencer" und können eine Person rauskicken.

Das wird allerdings nur als Buzzword benutzt. Die Beliebtheit haben die Bestbewerteten zwar mit echten Influencerinnen und Influencern gemein, genauso wie ihre extrovertierte Art und Normschönheit. Fast alle sind jung, top gestylt und gertenschlank. Da "The Circle" ein fiktives Netzwerk ist, fehlen allerdings Followerinnen und Follower und Kooperationen mit Firmen. Da die Chatfunktionen begrenzt sind, können Social-Media-typische Dynamiken und ökonomische Aspekte sich nicht entfalten.

Shitstorms kommen nicht vor

Kampagnen, Shitstorms oder Mobbing kommen nicht vor. Dass real existierende Plattformen wie Facebook und Instagram Konflikte, Hass und Dissens strukturell befördern, weil sie durch egal welche Art Interaktionen Kapital akkumulieren, wird also nicht aufgezeigt.

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Ebenso wenig, dass Userinnen und User durch ihre Daten und ruinierten Aufmerksamkeitsspannen zu unbezahlten Arbeitskräften für digitalkapitalistische Plattformen werden. Dabei wäre genau dies großartiges Material, um eine Realityshow daraus zu konzipieren. "The Circle" verpasst solche kritischen Spins.

Wenig unterhaltsam bis anstrengend

"Catfishing" – also das Agieren mit Fake-Profilen, häufig mit Betrugsabsichten – hingegen kommt zwar vor, doch eine Situation, in der "Blackfishing" praktiziert wird – also als nicht-schwarze Person eine schwarze Identiät vorzutäuschen –, wird nicht problematisiert.

In gewisser Weise greift die Show ein typisches Lockdown-Verhalten auf: Wegen der physischen Isolierung verbringen viele Menschen momentan sehr viel Zeit allein zu Hause und starren dabei auf Bildschirme. Diesen Habitus spiegelt die Show gut wieder, auch wenn sie nicht in Bezug auf Corona konzipiert wurde, sie ist älter als die Pandemie. Dabei zuzusehen, ist aber wenig unterhaltsam bis anstrengend – weil ein kritischer Blick auf Social Media fehlt.

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