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Fazit | Beitrag vom 29.04.2021

Raubkunst aus NigeriaDie Rückgabe der Benin-Bronzen ist beschlossen

Von Christiane Habermalz

Benin-Bronzen sind im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe in einer Vitrine ausgestellt. (Daniel Bockwoldt/dpa)
Benin-Bronzen: Nach langen Debatten kehren sie nun nach Nigeria zurück. (Daniel Bockwoldt/dpa)

Deutschland wird die Benin-Bronzen an Nigeria zeitnah zurückgeben. Das haben Kulturpolitikerinnen und Museumsexperten bei einem Spitzentreffen vereinbart. Nach Möglichkeit sollen einige Bronzen in Deutschland verbleiben - als Leihgaben.

Am Ende ging es ganz schnell. Für drei Stunden waren die Beratungen beim Spitzentreffen von deutschen Museumsexperten und verantwortlichen Kulturpolitikern angesetzt, nach zwei Stunden hatte man sich bereits geeinigt.

Deutschland wird bei der Restitution der Benin-Bronzen international vorangehen, erste Rückgaben soll es bereits im kommenden Jahr geben. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU), die alle in Deutschland betroffenen Museen plus die jeweiligen politischen Entscheidungsträger aus Ländern und Kommunen zum Online-Meeting eingeladen hatte, sprach von einer wichtigen Wegmarke für Verständigung und Versöhnung. Zunächst sollen alle Benin-Bronzen in deutschen Museen in einer zentralen Datenbank zusammengefasst werden, die auch von außen einsehbar ist.

"Neben dieser Transparenz haben wir uns heute darauf verständigt, dass wir substanzielle Rückgaben anstreben. Wir glauben, dass erste Rückgaben im Verlauf des Jahres 2022 passieren können", sagte Grütters nach dem Treffen.

Grütters wünscht sich Leihgaben

Was genau mit "substanziellen Rückgaben" gemeint war, blieb zunächst offen. Die Einzelheiten müssten gemeinsam mit den nigerianischen Partnern besprochen werden. Aber Grütters stellte klar, dass nach Möglichkeit auch Objekte in Deutschland bleiben sollen: "Wir möchten auf jeden Fall Kulturgüter zurückgeben, die sich in deutschen Museen befinden", sagte die Politikerin, "Aber wir werden auch mit der nigerianischen Seite darüber sprechen, ob und wie Benin-Bronzen als Teil des kulturellen Erbes der Menschheit künftig ebenfalls in Deutschland gezeigt werden können." Ob das dann in Form von Leihgaben passieren werde, wolle Deutschland nun mit den nigerianischen Partnern verabreden.

Mehr als tausend der wertvollen Bronzen, die 1897 von den Briten bei einer blutigen Vergeltungsaktion gegen das widerständige Königreich der Ebo im heutigen Nigeria geraubt wurden, befinden sich in deutschen Museen – darunter das Lindenmuseum in Stuttgart, das Rauthenstrauch-Joest-Museum in Köln, das Hamburger Museum am Rothenbaum und die Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden und Leipzig.

Allein die Stiftung Preußischer Kulturbesitz verwahrt 530 Objekte aus Benin. Der größte Teil davon sollte eigentlich im bald eröffneten Humboldtforum als eine der Hauptattraktionen ausgestellt werden – doch die Bronzen waren im ohnehin von der Raubkunstdebatte gebeutelten Humboldtforum längst zur Belastung geworden, eine Eröffnung mit ihnen wie geplant kaum vorstellbar.

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Auch daher rührte der Zeitdruck für die Politik, nach langen Jahren der Good-Will-Erklärungen, nun schnell zu einer gemeinsamen Linie zu finden. Auf einer Stiftungsratssitzung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz am 29. Juni soll nun daher zunächst für die Berliner Sammlung ein genauer Fahrplan für Rückgaben beschlossen werden. Dort sind neben Grütters ohnehin alle Bundesländer vertreten.

Gemeinsame Strategie, historischer Schritt

"Und deshalb war mir persönlich - und auch Frau Grütters als unserer Stiftungsratsvorsitzenden - wichtig, dass wir die Länder schon im Vorfeld mit einbeziehen", sagte Hermann Parzinger, Chef der Preußenstiftung: "Denn es wäre ja eigentümlich, wenn die Länder hier Rückgaben bei der Stiftung Preußischer Kulturbesitz mitbeschließen und in ihren Ländern dann ganz anders handeln." Deswegen sei es der Stiftung beim Spitzentreffen ein Anliegen gewesen, dass eine gemeinsame Strategie entwickelt wird. Er sprach von einem historischen Schritt und einer entscheidenden Weichenstellung.

Auch die baden-württembergische Wissenschaftsministerin Teresia Bauer war mit dem Ergebnis des Treffens zufrieden. Die Grünen-Politikerin hatte im Vorfeld auf die Tube gedrückt: Rückgaben müssten spätestens im kommenden Jahr erfolgen, sonst würde sie mit dem Lindenmuseum in Eigenregie vorangehen.

Das sei nun nicht mehr notwendig, erklärte sie nach dem Treffen. "Wenn das gemeinsam gelingt, umso besser. Wir ziehen es vor, gemeinsam zu agieren", sagte Bauer. "Und wenn es nicht dazu kommen sollte, dann behalten wir uns auch vor, selber zu agieren. Das ist aber nicht der vorzugswürdige Weg." Auch wenn die erste Entscheidung im Sommer zunächst für die Berliner Sammlungen getroffen werde, sei vereinbart worden, dass Rückgaben ebenfalls aus den Landesmuseen und den kommunalen Häusern erfolgen sollen.

Ein neues Museum in Benin-City

In Benin-City wird derzeit ein neues Museum geplant, in dem auch Benin-Bronzen ausgestellt werden sollen. Es wird in fünf Jahren fertig sein, doch so lange wolle man nicht warten, erklärte Parzinger: "In Nigeria wird jetzt gerade begonnen, in Benin-City diesen Pavillon zu errichten, wo die Dinge aufgenommen werden sollen, die zurückgegeben werden." Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz werde jedoch nicht warten, bis das Museum fertiggestellt ist. "Es wird vorher schon Rückgaben geben. Aber das muss man einfach jetzt mit der nigerianischen Seite besprechen", sagte Parzinger.

Vereinbart wurde zudem, die Zusammenarbeit von deutschen und nigerianischen Museen und Einrichtungen weiter zu verstärken. Hierzu zählen unter anderem die Ausbildung zukünftiger Kuratorinnen und Kuratoren sowie der Aufbau kultureller Infrastrukturen. Dabei soll auch die Agentur für Museumskooperationen des Auswärtigen Amtes eine wichtige Rolle spielen.

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