Bénédicte Savoy: "Afrikas Kampf um seine Kunst"

    Unbequeme Wahrheiten

    10:44 Minuten
    Zwei Menschen sitzen im Museum vor kunstvoll verzierten Steinplatten aus dem westafrikanischen Benin.
    Kunst aus dem westafrikanischen Benin im British Museum in London. Europäische Museen trafen Absprachen, um sich gegen Rückgabeforderungen zu wehren. © IMAGO / ZUMA Wire
    Bénédicte Savoy im Gespräch mit Andrea Gerk · 18.03.2021
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    Afrikanische Länder fordern schon lange von europäischen Museen die Rückgabe kolonialer Raubkunst. Der unbequemen Wahrheit über die Rechtmäßigkeit dieses Besitzes müsse man sich stellen, fordert die Wissenschaftlerin Bénédicte Savoy in ihrem Buch.
    Der Untertitel von Bénédicte Savoys Buch "Afrikas Kampf um seine Kunst" verrät viel darüber, was die Wissenschaftlerin darin aufarbeitet. Es ist die "Geschichte einer postkolonialen Niederlage".

    Es ist ein Anfang

    Savoy hat im Auftrag der französischen Regierung gemeinsam mit dem senegalesischen Wissenschaftler Felwine Sarr die Möglichkeit untersucht, afrikanische Kulturgüter in französischen Museen an die Herkunftsländer zurückzugeben. Frankreich hat sich als Reaktion auf das Gutachten der Wissenschaftler gesetzlich zur Rückgabe verpflichtet und will mit etwa 30 Objekte beginnen. "Es ist ein kleiner Anfang", sagt Savoy.
    Porträt von Benedicte Savoy. Sie blickt geradeaus in die Kamera.
    Benedicte Savoy plädiert für eine neue Beziehungsethik zwischen europäischen und afrikanischen Ländern.© picture-alliance | Thilo Rückeis TSP
    Aber auch in Deutschland würden Museen versuchen neue Wege zu gehen, sagt sie. Die Vorgeschichte der heutigen Diskussion begann vor 40, 50 Jahren. Auslöser war damals die Unabhängigkeit vieler afrikanischer Staaten.

    Eigene Kultur kennen

    In den afrikanischen Ländern kam die Überzeugung auf, man kann nur dann stark für die Zukunft werden, wenn man die eigene Kultur kennt. Daraus entstand die Forderung nach der Rückgabe geraubter Kunst.
    Auf europäischer Seite wollte man auf gar keinen Fall über Restitution nachdenken. Museumsdirektoren organisierten sich regelrecht um Restitutionsanfragen "abzuwehren", erzählt Savoy und berichtet von gut dokumentierten Absprachen, Bestände aus nicht-europäischer Herkunft einfach nicht mehr zu veröffentlichen.
    Nicht nur den afrikanischen Ländern sei durch diese Haltung etwas entgangen, meint Savoy. Europa habe auf humanistischer Ebene viel verloren, betont sie. "Europa hat den Moment verpasst – und das gekoppelt mit demütigenden Haltungen. Man hat auf Anfragen einfach nicht geantwortet oder behauptet, die Objekte sind legal in den Besitz gelangt." In Savoys Augen hat Europa mit dieser Abwehrhaltung eine Chance vertan, die eigenen Grundsätze zu überprüfen.

    Beginn eines neuen Umgangs

    "Diese unbequemen Wahrheiten kommen jetzt auf uns zu", sagt sie. Jetzt müsse gehandelt werden. "Man kann diese Anfragen nicht länger ignorieren."
    Es gehe aber um mehr, als um Fragen, die die Museen betreffen. Restitution bedeute nicht, sich der Geschichte zu entledigen oder einen Schlussstrich zu ziehen. Restitution sei der Beginn eines neuen Umgangs miteinander. Das sei kein Drama, so Savoy. Man könne das gut und freundlich gestalten. Doch davon sei man noch weit entfernt.

    Bénédicte Savoy: "Afrikas Kampf um seine Kunst"
    C.H.Beck, München 2021
    256 Seiten, 24 Euro

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