Rassistische Denkmuster

    Identitätspolitik spaltet

    04:42 Minuten
    Farbangriff auf die Statue des Philosophen Immanul Kant in Kaliningrad
    Selbstverständlich war Kant Rassist, sagt Kathrin Döbler, viel wichtiger sei jedoch, dass das damaliger Zeitgeist war, der uns bis heute prägt. © imago/ITAR-TASS / Vitaly Nevar
    Ein Kommentar von Katharina Döbler · 06.05.2021
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    Unsere Geistesgeschichte ist von Kolonialismus und Rassismus durchdrungen, meint die Schriftstellerin Katharina Döbler mit Blick auf die aktuelle Identitätsdebatte. Manche Diskussion reproduziere nur alte Denkmuster.
    In einschlägigen historischen Dokumenten aus der deutschen Kolonialzeit ist völlig selbstverständlich von der "angeborenen Faulheit der Schwarzen", von ihrer "Kindlichkeit", von "tieferstehenden Rassen" und der "Aufgabe der weißen Rasse" die Rede - und zwar nicht im Sinne polemischer Zuspitzung, sondern im Ton einer unbefangenen Ernsthaftigkeit, der jede Argumentation prägte.
    Ob es um missionarische Unternehmungen oder Geschäfte ging, um Gesetze oder Moral: Prämisse war stets die angenommene Hierarchie der Rassen und Kulturen. Die Tatsache der kolonialen Herrschaft galt als Beleg: Wir, die Weißen, sind zur Herrschaft berufen, weil wir dank unserer biologischen Ausstattung die höhere Intelligenz, die besseren Waffen und die effizienteren Geräte haben.

    Kolonialismus und Rassismus bedingen einander

    Kolonialismus und Rassismus gehören zusammen, sie bedingen einander. Sie sind ein wesentlicher Teil unserer europäischen Geistesgeschichte und bestimmen bis heute, machen wir uns nichts vor, die geopolitische und ökonomische Realität.
    Ja, wir, manche jedenfalls von uns, versuchen uns davon zu lösen. Aber die Wege, die da beschritten werden, sind manchmal billige Abkürzungen.
    Nehmen wir den so bizarren wie hilflosen Versuch, Immanuel Kant, der vor 240 Jahren den Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit anmahnte, in einer Art postkolonialen Säuberungsaktion als Rassisten zu diskreditieren. Diese These hat in jüngster Zeit auch einige Aufmerksamkeit gefunden. Und Ja, selbstverständlich war Kant Rassist. Das war ein Teil des damaligen Zeitgeistes und er betraf alle.
    Unsere Geistesgeschichte ist vom Rassismus durchdrungen, Aufklärung hin oder her.

    Gleichheit – für alle weißen Männer

    Auch wenn von der Gleichheit aller Menschen geredet wurde, ging es in der Praxis am Ende nur um solche heller Hautfarbe und männlichen Geschlechts – Frauen spielten bis ins 20. Jahrhundert dabei eine ebenso untergeordnete Rolle wie nicht-weiße Menschen.
    Die Universalität der Menschenrechte war ideengeschichtlich ein Minderheitenprogramm für gebildete besitzende weiße Europäer oder Europäischstämmige.
    Mit dem Finger auf den alten Kant zu zeigen, ist eine symbolische Sündenbock-Schlachtung, die niemandem wehtut und gegen historische Prägungen wenig vermag.

    "Person of Color" als Abgrenzung von den "Weißen"

    Und noch immer verstehen wir Menschenrechte nicht universell - unabhängig von Einkommen, Hautfarbe, Bildungsgrad, Geschlecht, Wohnort, Religion und politischer Haltung. Dabei ist dies der einzig erfolgversprechende Weg, im Denken wie in Gesetzen.
    Was statt dessen geschieht – und zwar mit nahezu religiöser Inbrunst – ist eher eine Art "Ent-Universalisierung" über verschiedene Identitätspolitiken.
    Da ist der – mittlerweile als korrekte Zuschreibung anerkannte – Ausdruck "Person of Color", der zunächst nichts als eine Abgrenzung von den "Weißen" bedeutet. Dass die gängige Abkürzung PoC noch um mehrere Buchstaben erweitert werden musste, BPoC, BIPoC, um auch Schwarze und Indigene mit einzuschließen, sagt viel über die innere Dynamik von Identitätszuschreibungen – und nichts über die Möglichkeit der Befreiung aus der Matrix rassistischer Zuschreibungen.

    Alte Diskriminierung reproduziert

    Solche Selbstbezeichnungen scheinen mir wie ein koloniales Erbstück, das lediglich den Besitzer gewechselt hat: Eine Münze, geprägt vom historischen Stempel rassistischer Verachtung. Doch mit so einer Währung lässt sich kein historisches Verbrechen heimzahlen.
    Sie ist das Zahlungsmittel der Opfer und verführt zu der Vorstellung, mit der richtigen Wortwahl – die ohnehin kaum über akademisch gebildete Kreise hinausgeht – sei schon irgendetwas gewonnen und würde das geschehene und anhaltende Unrecht geringer.
    Viel notwendiger scheint mir der Aufbruch – oder wie Kant gesagt hätte: der Ausgang – aus dem kolonialen Muster, das zwischen Weiß und Nicht-Weiß einen scharfen Trennungsstrich zieht und lediglich eine alte Diskriminierung reproduziert – mit umgekehrten Vorzeichen.

    Katharina Döbler ist Autorin von Romanen und Hörstücken und arbeitet als Journalistin vorwiegend für die internationale Monatszeitung Le Monde diplomatique. Ihr Roman "Dein ist das Reich" über Missionare in der deutschen Südseekolonie Kaiser-Wilhelmsland und Holländisch-Neuguinea ist soeben beim Claassen Verlag erschienen. www.katharinadoebler.de

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