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Studio 9 | Beitrag vom 19.04.2021

Rapper Ben Salomo"Ein Land, das nicht wirklich aus Auschwitz gelernt hat"

Von Rebecca Hillauer

Der Musiker Ben Salomo, mit bürgerlichem Namen Jonathan Kalmanovich (picture alliance / dpa / Frank May)
"Hier brodelt etwas", sagt der Musiker Ben Salomo, mit bürgerlichem Namen Jonathan Kalmanovich, über den Antisemitismus in Deutschland. (picture alliance / dpa / Frank May)

Ein freies jüdisches Leben sei in Deutschland nicht möglich, meint Jonathan Kalmanovich alias Rapper Ben Salomo. Er engagiert sich gegen Antisemitismus und blickt als deutscher Jude mit Wut und Enttäuschung auf Staat und Gesellschaft.

Treffpunkt: Auswärtiges Amt, Berlin. Jonathan Kalmanovich alias Musiker und Songwriter Ben Salomo sagt:

"Warum ich mich hier treffen wollte, ist, weil ich in meiner Recherche und in meiner jahrelangen Beobachtung festgestellt habe: Das Auswärtige Amt ist leider ein Bollwerk antisemitischer Politik in Deutschland."

Recycling des Antisemitismus durch Iran

Zum Beispiel, sagt der 43-Jährige: Außenminister Heiko Maas sei nach eigenen Worten zwar wegen Auschwitz in die Politik gegangen. Bei den Vereinten Nationen schließt Deutschland sich aber immer wieder Resolutionen gegen den Staat Israel an.

Denkfabrik: Auf der Suche nach dem "Wir". Viele Hände umfassen gemeinsam ein Seil. (Deutschlandradio)Auf der Suche nach dem "Wir" (Deutschlandradio)

"Und im Verhältnis dazu eine sehr warme, herzliche Beziehung zum antidemokratischen, islamofaschistischen und antisemitischen Holocaust leugnenden Staat Iran, dem hier der rote Teppich ausgerollt wird und auch durchaus zur iranischen Revolution gratuliert wird. Und das, obwohl jedes Jahr in Teheran Holocaust leugnende Karikaturenwettbewerbe stattfinden. Die dann natürlich als Memes hundertfach in den sozialen Netzwerken kursieren und dafür sorgen, dass die Menschen – und auch hier in Deutschland – wieder mit antisemitischen Bildern aufgeladen werden. Die Grundlagen für diesen recycelten Antisemitismus werden hier in diesem Gebäude mit den Mitarbeitern erschaffen."

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Jonathan Kalmanovich war gerade einmal vier, als die Familie Anfang der 1980er-Jahre von Israel nach Berlin zog, wo die Eltern der Mutter bereits lebten. In dem Brennpunktkiez im Stadtteil Schöneberg, in dem sie wohnten, musste er sich gegen türkische und arabische Jugendliche behaupten, wurde ausgegrenzt, weil er Jude war.

Bei seiner Bar Mitzwa, nach jüdischem Brauch die Feier zur Religionsmündigkeit, erhielt er den Zunamen Ben Salomo, den er heute als Künstlernamen trägt. Als Rapper Ben Salomo initiierte er die erfolgreiche Konzertreihe "Rap am Mittwoch", stieg 2018 jedoch aus der Szene aus. Sie sei, meint er, von Antisemitismus regelrecht verseucht:

"Teilweise auf der Bühne oder in Songs, aber viel, viel hinter den Kulissen. Wenn ich zum Beispiel den Club gewechselt habe und dieser Club, wo wir aufgetreten sind, vielleicht ein wenig teurer war von der Miete, da musste ich natürlich auch die Eintrittsgelder um ein oder zwei Euro erhöhen. Wenn dann die Leute kamen und haben gesehen, ein Euro oder zwei Euro teurer, dann murmelten schon manche: 'Ah guck, der Jude wieder: Zieht uns hier das Geld aus der Tasche.'"

Vorträge über den Judenhass der Gegenwart

Seine Popularität als ehemaliger Rapper nutzt Jonathan Kalmanovich heute für Präventionsarbeit. In Schulen hält er Vorträge, wie sich Judenhass in der Gegenwart artikuliert. Für sein Engagement wurde er bereits zweimal ausgezeichnet. Seit einigen Jahren ist er zudem Mitglied der deutsch-jüdischen WerteInitiative, die sich für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft einsetzt. Auslöser für Gründung des Vereins war 2014 der jährlich in Berlin stattfindende Al Quds-Marsch zur "Befreiung Jerusalems".

"Wo Dinge skandiert wurden wie 'Jude, Jude feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein!' Das war so der Punkt, wo die Gründer der WerteInitiative festgestellt haben, es ist wohl wichtig, dass man jetzt irgendwie aktiv wird und versucht, der Gesellschaft zu erklären oder zu zeigen, hier brodelt etwas."

Zum ersten Jahrestag des Anschlags auf die Synagoge in Halle am 9. Oktober 2020 schrieb Ben Salomo das Lied "Deduschka". Aus Wut heraus, sagt er. Der Song ist seinem Großvater gewidmet, der im Vertrauen auf ein geläutertes Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg hierhergezogen war. Der Enkel sieht dieses Vertrauen bitterlich enttäuscht. Fast täglich höre er von neuen antisemitischen Übergriffen:

"Wie kann es denn sein, dass jüdische Kinder in Scharen von staatlichen Schulen flüchten? Und sie alle berichten von heftigen antisemitischen Anfeindungen, Beleidigungen, physischen Angriffen. Wie kann das denn sein? Wenn Juden sich fragen müssen, durch welche Stadtbezirke können sie oder können sie nicht mit einer Kippah laufen?"

Fehlender Schutz vor Antisemitismus

Trotzdem müssten jüdische Gemeinden in der Regel einen Teil der Kosten zum Schutz ihrer Synagogen selbst finanzieren, kritisiert Jonathan Kalmanovich. Wie lange wird Deutschland für Jüdinnen und Juden noch sicher sein? Über diese Frage werde nicht nur in seiner eigenen Familie diskutiert. Ein freies jüdisches Leben sei in Deutschland nicht möglich, meint er. Noch nicht. Ob je?

"Und dann denke ich an meine Kinder und ich frage mich: Sollen die aufwachsen hier in einem Land, das schon Auschwitz gemacht hat und nicht wirklich draus gelernt hat, indem es wirklich authentisch diesen Antisemitismus zurückgedrängt, der hier entsteht und dann am Ende wieder unweigerlich zu solchen Anschlägen in Halle führt. Und dann frage ich mich wirklich: Wie lange noch?"

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