Seit 01:05 Uhr Tonart

Donnerstag, 16.08.2018
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Lesart | Beitrag vom 20.07.2018

Ramón José Senders: "Requiem für einen spanischen Landmann"Ein Priester wäscht die Hände in Unschuld

Von Marko Martin

Beitrag hören Podcast abonnieren
Cover von Ramón José Sender: "Requiem für einen spanischen Landmann"; im Hintergrund ist ein Feuer auf einem Friedhof im Norden Spaniens zu sehen (Diogenes / imago / Collage: Deutschlandradio)
Der Landreformer Paco wird in Ramón José Senders "Requiem für einen spanischen Landmann" in einem abgelegenen aragonesischen Dorf im Auftrag von Grundbesitzern erschossen. (Diogenes / imago / Collage: Deutschlandradio)

Ramón José Senders "Requiem für einen spanischen Landmann" ist die präzise Chronik eines Mordes am Vorabend des Spanischen Bürgerkriegs. Endlich wird die 1953 erstmals außerhalb Franco-Spaniens erschienene Novelle auch in Deutschland wieder entdeckt.

Das Requiem als Moritat: Während der Dorfpriester Mosén Millán die praktischen Vorbereitungen für eine Gedenkmesse trifft, taucht im sonnenhellen Lichtviereck der offenen Kirchentür immer wieder ein Junge auf, der Verse von grausamer Präzision trällert: "Vier Schergen führten ihn hinein/ auf den dunklen Friedhofsgrund,/ Mütter, die ihr Kinder habt,/ halte Gott sie euch gesund,/ mögen Engel sie beschützen..."

Doch weder die Engel noch der Gemeinderat - und schon gar nicht der sentimentalische Priester - hatten ein Jahr zuvor den jungen Paco beschützt, der sich als moderater Landreformer mit den Feudalherren in einem abgelegenen aragonesischen Dorf angelegt hatte. Es ist die Zeit vor dem Spanischen Bürgerkrieg, als es 1931 erstmals freie Gemeindewahlen gegeben hatte, aus denen die Republikaner siegreich hervorgegangen waren.

Dörfliche Atmosphäre meisterhaft und sinnlich erzählt

Der (exil)spanische Schriftsteller Ramón José Sender (1901-1982) erzählt in seiner Novelle "Requiem für einen spanischen Landmann", die 1953 außerhalb Franco-Spaniens erstmals erschien, mit atemberaubender Genauigkeit und Lakonie vom damaligen Geschehen, konkretisiert in Leben und Tod jenes Paco, der schon als Kind und Ministrant einer der Wacheren gewesen war, einer, der seiner in fatalistischem Atavismus gefangenen Dorfwelt scheinbar naive Frage gestellt hatte - und anfangs sogar von seinem Taufpriester darin ermutigt wurde.

Doch als er späterhin als junger Mann mehr Weideland für die darbende Gemeinde fordert, lassen ihn die Grundbesitzer erschießen, während der Priester, der in falschem Vertrauen die Schergen zum Zufluchtsort seines ehemaligen Schützlings geführt hatte, vor der Exekution die Beichte abnimmt. Ein Jahr nach Pacos Ermordung liest der Priester dann eine Messe, zu der - eine weitere Volte in dieser geradezu kühl erzählten Geschichte - nicht etwa die verängstigten Dorfbewohner erscheinen, sondern lediglich drei Honoratioren, die Auftraggeber des damaligen Mordes.

Während einem anderen Autor diese Geschichte um Auflehnung, Verrat und verheuchelte Bigotterie vermutlich zu einer konventionell sozial-realistischen Anklageschrift geworden wäre, gelingt es Ramón José Sender, die dörfliche Atmosphäre von Staub, Eselsgeruch, Kirchglockenklang, gleißendem Sonnenlicht und geduckten Bauernrücken auf eine Weise sinnlich zu machen, die schlicht meisterlich ist.

Sender war republikanischer Kämpfer im Bürgerkrieg

Dem Nachwort des österreichischen Schriftstellers Erich Hackl verdanken die Leser wiederum entscheidende Informationen zum Leben Senders, der als republikanischer Kämpfer im Spanischen Bürgerkrieg mit den moskauhörigen Kommunisten gebrochen hatte und sich dann vor Franco 1938 zuerst nach Frankreich, später nach Mexiko und in die USA in Sicherheit bringen konnte. Dort lehrte er u.a. an der renommierten Universität in Stanford und veröffentlichte bis zu seinem Tod über siebzig Romane, Erzählungen, Reportagen, Essays.

Erich Hackl erinnert daran, dass in den sechziger Jahren bereits einige Titeln auf deutsch übersetzt worden waren, veröffentlicht bei Suhrkamp und damals prominent und hymnisch besprochen. Dem Diogenes Verlag ist also nicht genug zu danken, dass er nun - in neuer, prägnanter Übersetzung - mit dem "Requiem" eines von Senders besten Büchern erneut zugänglich macht. Andere Meisterwerke, wie etwa "Der Verschollene" und "Der König und die Königin" harren noch der Wiederentdeckung.

Ramon José Sender: Requiem für einen spanischen Landmann. Novelle
Aus dem Spanischen von Thomas Brovot
Mit einem Nachwort von Erich Hackl
Diogenes Verlag, Zürich 2018
119 Seiten, 20 Euro

Mehr zum Thema

Fernando Aramburu: "Patria" - Das Schicksal einer ganzen Region
(Deutschlandfunk, Büchermarkt, 29.01.2018)

Javier Cercas: "Der falsche Überlebende" - Erlogene Vita als ehemaliger KZ-Häftling
(Deutschlandfunk Kultur, Lesart, 24.05.2017)

José Martínez Ruiz "Azorín" - Der Großvater der Empörten
(Deutschlandfunk Kultur, Kalenderblatt, 02.03.2017)

Lesart

weitere Beiträge

Buchkritik

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur