Ralf Rothmann: "Die Nacht unterm Schnee"

Trilogie aus innerer Notwendigkeit

14:09 Minuten
Ralf Rothmann schaut in die Kamera. Er hat dunkles Haar mit grauen Strähnen, trägt eine Brille und hat ein dunkles Hemd an. Im Hintergrund ist eine Parklandschaft zu erkennen.
Ralf Rothmann schreibt in "Die Nacht unterm Schnee" über seine Mutter: Zentral ist eine Vergewaltigung und wie diese das Leben über Generationen prägt. © Heike Steinweg
Ralf Rothmann im Gespräch mit Andrea Gerk · 20.07.2022
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Ralf Rothmann schrieb "Im Frühling sterben" und wollte sich danach nicht mehr mit der deprimierenden Zeit des Zweiten Weltkriegs beschäftigen. Doch dann wurde er auf das Leben des Vaters gestoßen, und nun hat er auch über das seiner Mutter geschrieben.
Ralf Rothmann führt in seinem neuen Roman "Die Nacht unter Schnee" ein Thema weiter, das er eigentlich schon mit "Im Frühling Sterben" für abgeschlossen hielt. Es geht dabei um die Leben junger Menschen, die am Ende des Zweiten Weltkriegs schwer traumatisiert ihr Leben weiterleben mussten. Die Arbeit wurde für den heute 69-Jährigen dabei immer persönlicher.
"Nie wieder tauche ich in diese Welt ein", habe er sich nach der Veröffentlichung von "Im Frühling sterben" gesagt, denn diese Zeit, "die Nazizeit, die letzten Monate des Krieges und die Heimkehr der Soldaten", habe ein sehr großes, deprimierendes Potenzial.

Begegnung mit dem Vater vor der Geburt

Bei einer Lesung allerdings sei eine Frau auf ihn zugegangen und habe ihm gesagt, sie habe als zwölfjähriges Mädchen seinen Vater kennengelernt auf einem Gutshof: "Dann erzählte sie mir viel über meinen Vater aus der Zeit vor meiner Geburt. Das hat mich dermaßen elektrisiert, dass ich dann ein zweites Buch darüberschrieb." Es heißt der "Der Gott jenes Sommers" und handelt vom Kriegsende im Hinterland.
In "Die Nacht untern Schnee" beschäftigt sich Rothmann nun mit seiner Mutter und damit, wie die daheimgebliebenen Frauen die Zeit des Krieges und die nach dem Krieg erlebt haben. Er habe sich eingestehen müssen, dass er sich bis dahin vor der Beschäftigung mit dem Leben seiner Mutter gedrückt habe, berichtet er rückblickend. "Ich hatte ein sehr problematisches Verhältnis zu meiner Mutter." Dann habe er sich gesagt: "Als Feigling möchte ich nicht mit mir weiterleben" und losgelegt.
Er habe die Namen seiner Eltern auch ganz bewusst für seine Romanfiguren verwandt, sagt Rothmann. "Dieses ganze Leben voller Arbeit und Entbehrungen – je älter ich werde, desto mehr rührt mich das an", fährt er fort. "Ich wollte ihm wenigstens so ein kleines Denkmal aus Papier setzen."

Vergewaltigung und Schweigen

Die sehr junge Elisabeth in dem Roman wird in einem Verschlag mehrfach von russischen Soldaten vergewaltigt. Sie überlebt nur, weil ein anderer Russe sie findet und gesund pflegt. Aber sie bleibt ihr ganzes Leben davon schwer gezeichnet.
Seine Mutter habe ihn zu dem Thema einst gesagt: "Einer hat mich mal geschnappt in Pommern, und jetzt fragt mir kein Loch in den Bauch." Damit sei die Sache in der Familie Rothmann erledigt gewesen.
Für seine Mutter sei die Zeit gewiss traumatisch gewesen: "Es ist so, dass meine Mutter das Vertrauen da hinein, dass das Leben und sie sich annähernd so entwickeln, wie man es vernünftigerweise erwarten könnte, dass dieses Vertrauen völlig zerstört war."
"Sie hat Gewalt als etwas blitzartiges, als etwas völlig Unbegründetes und Unverdientes erfahren, und das hat sie auch weitergegeben", diagnostiziert Rothmann. "Diese traumatische Erfahrung, dass Gewalt ohne jeden Grund über einen kommen kann, ohne dass man selbst irgendetwas getan hätte, hab' ich selbst auch in meiner Kindheit oft machen müssen." Im Ruhrgebiet generell sei es in seiner Kindheit und frühen Jugend sehr gewalttätig zugegangen.

Annäherung durch Distanzierung

Bis zum Schreiben des Romans habe er seine Mutter respektiert, er sei ihr auch nicht böse und auch nicht nachtragend gewesen, sagt er, aber: "Bei allem, was ich als Kind von meiner Mutter erfahren habe, war mir Liebe nicht möglich". Das habe sich nun geändert.
Mit einem Trick habe er verhindert, dass "Die Nacht unterm Schnee" ein Abrechnungsbuch wurde: "Ich habe aus der Perspektive ihrer Freundin, einer erfundenen Freundin, geschrieben und dadurch gelang mir eine gewisse Distanz." Denn ein Abrechnungsbuch habe es auf keinen Fall werden sollen, schließlich sei nichts öder als Bücher über die Eltern, deren Tenor dann sei: Du hast mich nicht genug geliebt.
Nicht nur für das Buch, sondern auch für ihn persönlich habe die Strategie positiv gewirkt: "Durch diese Luisa, die jetzt über meine Mutter erzählt, ist mir während der Arbeit dann tatsächlich so etwas wie Liebe zu meiner Mutter gelungen." Das halte auch bis heute an, also "dieser warme Glutstrom der Liebe in der Brust, während ich über meine Mutter schrieb, der darin gipfelte: Mensch, du warst doch eine tolle Frau".

Verbindendes Schweigen

Rothmann hält das Schweigen der Eltern über ihre Traumata für ein verbindendes Element: "Auch das Schweigen voreinander", sagt er. "Ich glaube nicht, dass meine Mutter meinem Vater im Detail erzählt hat, wie sie vergewaltigt wurde. Und ich glaube auch nicht, dass mein Vater meiner Mutter im Detail erzählt hat, was er im Krieg erlebt hat und ob er jemanden erschossen hat im Krieg."
Er erinnert sich: "Wann immer wir auf diese Zeit als Kinder zu sprechen kamen, dann war dieses Schweigen im Raum." Womöglich teile man stillschweigend ein Geheimnis, das man voreinander hat: "Und jetzt schweigen wir darüber, und jetzt versuchen wir, unser Leben so gut es geht zu meistern."
Mit "Die Nacht unterm Schnee" sei die literarische Beschäftigung mit den Eltern abgeschlossen, betont Rothmann nun: "Aber ich werde natürlich immer mal mit den Erinnerungen an meine Eltern leben müssen, die sich irgendwie auch in mir niederschlagen und etwas in mir bewirken." Er wolle es ja auch gar nicht anders: "Ich will mich ja weiter mit meinen Eltern beschäftigen, aber schreiben werde ich ganz gewiss darüber nicht mehr."
(mfu)
Ralf Rothmann: "Die Nacht unterm Schnee"
Suhrkamp, Berlin 2022
304 Seiten, 24 Euro
Ralf Rothmann: "Im Frühling sterben"
Suhrkamp, Berlin 2015
234 Seiten, 19,95 EUR
Ralf Rothmann: "Der Gott jenes Sommers"
Suhrkamp, Berlin 2018
254 Seiten, 22 Euro

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