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Lesart / Archiv | Beitrag vom 31.03.2016

Rainer Erlinger: "Höflichkeit"Was das Miteinander prägt

Von Gabriele von Arnim

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Prince Charles and Camilla bei ihrer Ankunft an der Waverley Station in Edinburgh auf ihrem dreitägigen Besuch in Schottland, 2007 (dpa / picture alliance / PA David Cheskin)
Prince Charles and Camilla bei ihrer Ankunft an der Waverley Station in Edinburgh auf ihrem dreitägigen Besuch in Schottland, 2007 (dpa / picture alliance / PA David Cheskin)

Für Rainer Erlinger ist Höflichkeit ein Phänomen, in dem sich die Achtung dem Anderen gegenüber äußert. Er grenzt sie ab gegen bloße Manieren und kann auch erklären, wie es zu Shitstorms im Internet kommt.

Natürlich denken wir Deutschen sofort an den Freiherrn von Knigge, wenn wir das Wort Höflichkeit hören. Hat er doch schon 1788 ein Buch "über den Umgang mit Menschen" geschrieben. Es war weniger – wie heute oft angenommen – eine Benimmfibel als eine Reflektion über respektvollen Umgang miteinander, ein System, wie Knigge schreibt, "dessen Grundpfeiler Moral und Weltklugheit sind."

Rainer Erlinger, promovierter Jurist und Mediziner, bekannt als Kolumnist im Magazin der "Süddeutschen Zeitung" über Fragen der Alltagsmoral, hat sich in seinem neuen Buch ganz im Sinne Knigges der Höflichkeit angenommen, die er definiert als ein Verhalten, in dem sich die Achtung für den Anderen ausdrücke. Damit bekommt die scheinbar wertlose Tugend plötzlich einen neuen Wert: Sie wird Grundlage eines zivilisierten Zusammenlebens.

Höflichkeit als demokratische Haltung

Erlinger betrachtet die Höflichkeit mit viel Bedacht in all ihren Ausformungen und Auswirkungen. Er grenzt sie ab gegen Manieren, Etikette und Galanterie wie auch gegen die Codes beruflicher oder gesellschaftlicher Anpassung. Ist es höflich, zu einem Vorstellungsgespräch im Anzug zu erscheinen oder pragmatische Notwendigkeit? Ist es höflich, einem Menschen die Tür aufzuhalten, aber schierer Opportunismus, wenn dieser Mensch der eigene Chef ist? Höflichkeit, so Erlinger, obgleich ja am Hofe entstanden, sei eine zutiefst egalitäre und demokratische Haltung, weil sie sich auf den anderen Menschen beziehe unabhängig von seiner gesellschaftlichen Stellung.

Erlinger hat gründlich recherchiert und nachgedacht und wunderbare Beispiele gefunden, um die feinen Unterschiede zwischen Etikette und Höflichkeit, um die wahre Höflichkeit im Benehmen aufzudecken. Wenn einem die Kassiererin im Supermarkt einen "Schönen Tag" wünscht, was antwortet man? Ihnen auch. Obgleich man sich den Tag an der Kasse nicht wirklich schön vorstellen kann. Aber ist es nicht gesellschaftlicher Hochmut, also unhöflich, so zu denken. Wenn man einen Kaffee bestelle, möge man das Wort "bitte" hinzufügen, rät er, denn dadurch mache man klar, dass man für die Dienstleistung bezahle, nicht aber für die Person.

Natürlich ist auch das Internet Thema, seine "hate mails" und "shit storms", die der Höflichkeit gerade den Garaus machen. Einen Grund für die obszön entgleisenden Kommentare sieht Erlinger darin, dass es kein Gegenüber gibt, keine Augen, in die man beim Schreiben schauen müsste. Denn das Erkennen des Menschen im Anderen löse eher höfliches Verhalten aus – wenn denn die Höflichkeit nicht nur zum dünnen Firnis der Zivilisation gehört, sondern zum Kern des Menschseins.

Höflichkeit macht den Alltag angenehmer

Sollte man konventionelle Höflichkeit gleich als Heuchelei diskreditieren? Im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist, hat Goethe einst geschrieben. Wenn man den anderen durch Höflichkeit schonen möchten, ist das verwerflich? Höflichkeit macht den Alltag fraglos angenehmer, selbst wenn sie manchmal allzu manierlich daherkommt.

Erlinger hat keine Kulturgeschichte der Höflichkeit geschrieben, sondern – ganz dem Stil seiner Kolumne treu bleibend – Höflichkeit unter dem Signum der Alltagsmoral betrachtet. Und das mit allem Für und Wider. Es ist ein Buch voller Wiederholungen und umständlicher Formulierungen und dabei ungemein sympathisch in seiner klugen, behutsamen und gründlichen Bedachtsamkeit.

Rainer Erlinger: Höflichkeit. Vom Wert einer wertlosen Tugend
S. Fischer Verlag, Frankfurt 2016
352 Seiten, 19,99 Euro

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