Seit 00:05 Uhr Lange Nacht

Samstag, 24.08.2019
 
Seit 00:05 Uhr Lange Nacht

Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 15.04.2016

Räume der Flucht in der Literatur Von Wutreden und den Grenzen der Sprache

Von Claudia Kramatschek

Podcast abonnieren
Der Autor Senthuran Varatharajah. (picture alliance / dpa / Gert Eggenberger)
Der Autor Senthuran Varatharajah. (picture alliance / dpa / Gert Eggenberger)

Abbas Khiders Roman "Ohrfeige" sowie Shumona Sinhas Roman "Erschlagt die Armen" sind eine selbstbewusste Abrechnungen mit dem westlichen Asylsystem. Senthuran Varatharajah wiederum erzählt in "Vor der Zunahme der Zeichen", inwiefern das Ankommen auf vielfältige Weise schon an den Grenzen der Sprachen endet.

Kermani: "Was passiert da, wie sieht das überhaupt aus, so ein Grenzübergang, der offen ist, eine grüne Grenze?"

Zitator: "Es gibt Flugzeuge, die schneller als der Schall fliegen, und Schiffe, die wir Urlaubsstädte anmuten, es gibt Züge so bequem wie Wohnzimmer und Linienbusse mit Küche, Bad und Schlafsesseln, es gibt Taxis mit drahtlosem Internet und bald selbstfahrende Autos  - aber im Jahr 2015 marschieren die Flüchtlinge durch Europa wie das Volk Israel nach der Flucht aus Ägypten."

Deutschland im Herbst 2015: So viele Flüchtlinge wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr treffen ein an deutschen Grenzen, in deutschen Bahnhöfen, in deutschen Flüchtlingsunterkünften. Viele von ihnen kommen über die sogenannte Balkanroute, einer der großen Flüchtlingsrouten des 21. Jahrhunderts. Sie führt von Izmir an der türkischen Westküste – wo noch immer Tausende von Flüchtlingen in elenden Verhältnissen darauf warten, die gefährliche Überfahrt antreten zu können – über Budapest gen Westen.

Navid Kermani, Schriftsteller und Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels 2015, bereist diese Route im Herbst 2015 in entgegen gesetzter Richtung. Mit im Gepäck: ein Notizblock – und viele Fragen:

Kermani: "Wo schlafen die Menschen, wo gehen sie auf’s Klo, was essen sie, was machen die Frauen abends? Das ist mir immer das Wichtigste. Mich interessiert die Alltäglichkeit, die Normalität des Krieges, von etwas, woran man sich nicht gewöhnen sollte."

In Budapest wird der Autor Zeuge eines unverhohlenen Rassismus, der alles ablehnt, was fremd und anders scheint: Die Regierung diskriminiert die Flüchtlinge  unverhohlen als Kriminelle – und lässt sie eben deshalb unversorgt in Parks campieren.

"Ungarn wollte Flüchtlinge als Barbaren vorführen"

"In Ungarn hat die Regierung, nach allem, was ich gesehen, gehört, erlebt habe, diese Situation bewusst herbeigeführt. Ungarn wollte diese Flüchtlinge nicht nur nicht haben, es wollte zeigen, dass es nicht geht, es wollte die Flüchtlinge auch als Barbaren vorführen."

In Izmir trifft er auf junge Afghanen, die ausgeraubt wurden und nun festsitzen, da sie kein Geld mehr besitzen, weder für die Weiter- noch für die Rückreise. Auf der Insel Lesbos wird er Zeuge von der Ankunft derer, die es allen Gefahren zum Trotz geschafft haben.

Zitator:"An gewöhnlichen Tagen sind es drei- bis viertausend Flüchtlinge, die an der Nordküste anlegen, meist innerhalb weniger Stunden. Auf dem Strand direkt unterhalb des Leuchtturms ist kein einziger Kiesel zu sehen, weil er vollständig von Schwimmwesten, Schwimmreifen und den Überbleibseln der Schlauchboote bedeckt ist."

Die meisten der Ankommenden sind Syrer, die dem Krieg in ihrer Heimat entfliehen konnten, unter ihnen auch viele Angehörige der Mittelschicht.

Zitator:"Und doch hätten auch sie, jeder einzelne von ihnen, eine Geschichte zu erzählen, die an Dramatik, Leid, an Gewalt kein westeuropäisches Leben mehr bereithält, Fassbomben, die auf ihre Städte niedergingen, Gekreuzigte, die tagelang zur Schau gestellt wurden, Folter wegen eines kritischen Theaterstücks. Es herrscht Krieg an den südlichen und östlichen Grenzen unseres Wohlstandsgettos, und jeder einzelne Flüchtlinge ist dessen Bote: Sie sind der Einbruch der Wirklichkeit in unser Bewusstsein."

"Einbruch der Wirklichkeit" nennt Navid Kermani daher auch seine literarische Reportage, die aus den Aufzeichnungen seiner Reise entlang der Balkanroute entstanden ist.

Kermani: "Was man unmittelbar spürt: die Probleme der Welt, das sind auch unsere Probleme. Diese Menschen kommen aus Kriegs- und Krisengebieten und sie bringen diesen Kriege und diese Krisen – und sei es nur in ihren Seelen – auch mit nach Deutschland und Europa."

So behutsam wie empathisch montiert Navid Kermani in dieser Reportage seine Eindrücke zu eindringlichen Bildern, die frei sind von jeglichem Pathos eines Gesinnungsjournalismus. Deutschland und Europa hält er dabei einen unbequemen Spiegel vor: zeigt einerseits  Islamophobie und andererseits die Willkommenskultur, die ebenfalls ihre Tücken hat.

Zitator:"Es tut gut, gut zu sein, auch mir, wenn ich Bericht erstatte: auch das eine Erleichterung, während ich weiter mein Wohlstandsleben führe."

Reportagen wie die Kermanis sind dringend vonnöten

Inmitten dieses Wohlstandslebens sind Reportagen wie "Einbruch der Wirklichkeit" dringend vonnöten. Im besten Falle bewirken sie, was Susan Sontag in ihrem Essayband "Das Leiden anderer betrachten" so treffend formuliert:

Zitatorin: "Das Mitgefühl, das wir für andere, vom Krieg und einer mörderischen Politik betroffenen Menschen aufbringen, beiseitezurücken und stattdessen darüber nachzudenken, wie unsere Privilegien und ihr Leiden überhaupt auf der gleichen Landkarte Platz finden und wie diese Privilegien – auf eine Weise, die wir uns vielleicht lieber gar nicht vorstellen mögen – mit ihren Leiden verbunden sind."

Auch Navid Kermani betont: Das Leid der Flüchtlinge ist kein neues Leid, das Flüchtlingsproblem kein neues Problem.

"Wir nehmen es nur neu wahr, weil die Flüchtlinge nach Europa kommen."

Ungarn hat die Balkanroute Anfang März 2016 dicht gemacht, Österreich kurze Zeit später. Tausende von Flüchtlingen hängen in den Tagen und Wochen danach verzweifelt und unter katastrophalen Bedingungen in den Lagern im griechischen Idomeni fest. Italien wiederum bereitet sich auf den Ansturm Zehntausender Flüchtlinge vor. Denn Menschen, auf die in ihrer Heimat nichts wartet außer Elend und Tod, suchen sich notgedrungen eine neue Route.

Khider: "Den Tod habe ich oftmals umarmt. Das heißt, mein Leben ist ein Geschenk und aus diesem Geschenk will ich was machen, literarisch auch."

Der Schriftsteller Abbas Khider kommt 1973  in Bagdad zur Welt. Als Student verbringt er zwei Jahre in den Folterkerkern des Regimes von Saddam Hussein. 1996 kann er aus dem Irak fliehen. Eine abenteuerliche Reise – die er 2008 in seinem ersten Roman "Der falsche Inder" verarbeitet – führt ihn letztlich nach Deutschland.

"Ich habe immer über Exil, Fremde geschrieben, das Zerstören der Person in einer bestimmten Gesellschaft und außerdem: Ich bin jemand, der das alles kennt."

2000 beantragt Abbas Khider Asyl, mit 27 Jahren erlernt er die deutsche Sprache. 2007 erhält er die deutsche Staatsbürgerschaft. Sein neuer Roman erzählt von einem Asylsystem, das oftmals unmenschlich ist, von aberwitzigen bürokratischen Abgründen, von dem Blick der Deutschen auf die Fremden  und davon, wie es sich anfühlt, ein Fremder in Deutschland zu sein. Der Titel des Romans: "Ohrfeige". Und mit einer Ohrfeige beginnt er auch.

Zitator: "Stumm und starr vor Angst hockt sie in ihrem Drehstuhl, als hätte die Ohrfeige sie betäubt. 'Sie ruhig sind und bleiben still!' Ich greife nach dem Packband in meiner Jackentasche, fessle ihre Hände an die Armlehnen und die Fußgelenke an die Stuhlbeine. Mit mehreren Streifen klebe ich ihren rot geschminkten Mund zu. 'Nix ich will hören!'"

Sie heißt Frau Schulz und ist Sachbearbeiterin in einer Ausländerbehörde. Er heißt Karim Mensy, ist seit über 3 Jahren in Deutschland – und hat kurz zuvor erfahren, dass sein Antrag auf Asyl widerrufen worden ist. Karim beschließt, sich nach Finnland abzusetzen. Zuvor aber soll seine Stimme, seine Geschichte gehört werden.

Zitator: "Jetzt endlich ist es soweit! Ob Sie wollen oder nicht."

Der Monolog, den Karim Mensy entfaltet, wird sich am Ende des Romans zwar ebenso als Vision erweisen wie die Ohrfeige für Frau Schulz. Dennoch trifft dieser Monolog einen mit unverminderter Wucht.

Sie sind unter uns – und doch nur Zaungäste

Man ahnt, wie viele Asylsuchende inmitten unserer wohlhabenden Gesellschaft langsam aber sicher scheitern und seelisch wie psychisch zugrunde gehen.

Kihider: "Wie sind die Strukturen der Bürokratie in Deutschland? Die Strukturen der Parallelgesellschaft? Die Beziehungen zueinander? Und wie das Leben da funktioniert. Das war das, was ich versuchte darzustellen. Und ernsthaft kann ich wirklich klar und deutlich sagen: Sie haben kein Leben. Ihr Leben das ist ein Knast. Und ist mit Ängsten gemauert."

Es ist ein schizophrenes Leben, in das man diese Menschen zwingt: Sie sind mitten unter uns – und doch nichts als Zaungäste, von jeder Teilhabe ausgeschlossen. Und: Sie müssen, wie Karim, um als Asylsuchende anerkannt zu werden, oft einen völlig neuen Lebenslauf erfinden.

"Das erste, was sie machen: Sie verlieren ihre Vergangenheit, ihre Geschichte und dabei ihre Identität. Plötzlich müssen sie eine neue Geschichte erfinden, und damit leben, und die alte Geschichte, die wahre Geschichte gehört nicht zu den Akten. Und darf man nie die erzählen. Und dann wartet man: Bekommt man Asyl? Und danach: was wird? Wird die Aufenthaltserlaubnis verlängert oder nicht? Da haben sie Angst."

Zitator: "Wir waren, liebe Frau Schulz, ein Haufen nervöser Vögel, die entweder auf ihre Anhörung vor Gericht oder das Ergebnis ihres Asylantrags warteten und nicht wussten, was mit ihnen geschehen würde. Wir verharrten in einer Art Schockstarre und fühlten uns wie die Statuen am Markgrafenbrunnen im Zentrum, die langsam Moos ansetzten."

Diskriminierung, Alltagsrassismus, Langeweile, Aussichtslosigkeit: Abbas Khiders Roman erzählt davon, ohne in einen bissig-wütenden Ton zu verfallen. Dabei mangelt es dem Roman nicht an Drastik: Einige der Asylbewerber werden verrückt, andere fanatisieren sich als Reaktion auf die Ablehnung, die ihnen nach dem 11. September 2001 zunehmend entgegen schlägt. Denn der Roman ist angesiedelt in den Jahren 2001 bis 2004. Die Anschläge vom 11. September 2001 ändern alles, auch für Karim:

Zitator: "Nach diesem verdammten Tag wurde der wichtigste Ausdruck für uns Araber in Deutschland: verdächtig."

Rhider: "Ich wollte auch ein Zeitdokument schaffen. Dass man weiß, von 2001 bis 2004: So war es vor 11ten September – und nach 11. September. Weil diese Zeit auch wichtig ist – und wiederholt sich ständig in der Geschichte. Deswegen liest man das Buch zurzeit auch aktuell. Weil wir haben Paris: vor Paris und nach Paris. Die politischen Änderungen in der Gesellschaft spielen eine große Rolle. Jetzt zum Beispiel die Syrer, die zu uns kommen. Morgen, wenn irgendwas mit El Assad passieren würde, wird die Mehrheit abgeschoben. Das war mit den Irakern vor 2003: 17000 Iraker nach dem Krieg haben Widerruf bekommen."

Auch für Abbas Khider hat sich der Wind nach Erscheinen des Romans etwas gedreht: Über die auf seiner Webseite geschaltete E-Mail-Adresse erhielt er plötzlich unangenehme Zuschriften, auf Lesungen wurde er verbal angegriffen.

"Wenn notwendig, muss Kunst auch wehtun"

Aber, so Abbas Khider:

"Kunst muss manchmal auch wehtun, wenn es notwendig ist."

Die Reaktionen auf Abbas Khiders Roman "Ohrfeige" verweisen auf ein grundsätzliches und problematisches Machtgefälle: Noch immer sind Flüchtlinge eher Objekt, denn Subjekt der Rede, auch in der Literatur. Damit einher geht eine offenbar brisante Frage: Wer darf in welcher Weise über Flucht und Immigration sprechen?

Die Brisanz dieser Frage bekam auch die 1973 in Kalkutta geborene, seit 2001 aber in Paris beheimatete Schriftstellerin Shumona Sinha zu spüren: Bis zum Erscheinen ihres Romans "Erschlagt die Armen" im Jahr 2011 war sie als Dolmetscherin für die in Paris ansässige Einwanderungsbehörde tätig. Nach Erscheinen des Romans, der ein Abbild der seelischen Unerträglichkeit des Asylsystems in Frankreich liefert,   wurde sie gekündigt. Ihr Roman, so die Begründung, hätte das Amt in ein schlechtes Licht gerückt. Shumona Sinha:

"Der Roman beleidigt in keiner Weise eine Institution. Vielmehr versuche ich zu verstehen: Wie, warum und mit welch legitimen Träumen, die man stets für verrückt erklärt, überqueren Menschen die Grenze? Was treibt sie an? Warum leben sie in einem Land, in dem sie ihre Würde verlieren? In einem Land, das sie – wie ich schreibe – begehren, aber nicht lieben?"

Der Roman, in Frankreich mehrfach mit Preisen ausgezeichnet,   beginnt in einem Pariser Gefängnis. Dort sitzt eine junge Frau in Untersuchungshaft. In der Nacht zuvor hat sie in der Métro einem Mann eine Weinflasche über den Kopf gehauen – nicht zuletzt aus Wut und Frustration. Denn der Mann ist wie sie ein Immigrant und erinnert sie an das, was sie gerne vergessen möchte: Jahre zuvor kam sie selbst als Einwanderin nach Paris, wo sie inzwischen als Dolmetscherin in einer Asylbehörde tätig ist und den immer gleichen Berichten lauschen muss.

Zitatorin: "Erschöpft und mürbe sinke ich auf den feuchten Boden meiner Zelle und denke wieder an diese Leute, die wie ungeliebte Quallen die Meere befallen und sich an fremde Ufer geworfen haben. Hier bestellte man sie in halb blickdichte, halb durchsichtige Büros in den Randzonen der Stadt. Wie viele andere war ich beauftragt worden, ihre Berichte von einer Sprache in eine andere zu übersetzen."

Der Preis der Flucht: Doppelte Entfremdung

Das Wort Elend darf in diesen Berichten nicht vorkommen. Wie die Ich-Erzählerin stammen die meisten der Männer vom Indischen Subkontinent und gelten somit als Wirtschaftsflüchtlinge. Für die aber ist, eben darauf zielt der provokante Titel, kein Platz in Europa.

Zitatorin: "Es brauchte einen edleren Grund, einen, der politisches Asyl rechtfertigte. Weder das Elend noch die sich rächende Natur, die ihr Land zerstörte, konnten ihr Exil, ihre verzweifelte Hoffnung auf Leben rechtfertigen. Kein Gesetz erlaubte ihnen die Einreise in dieses Land Europas, wenn sie keine politischen oder religiösen Gründe vorbrachten, wenn sie keine sichtbaren Spuren einer Verfolgung an sich nachweisen konnten."

Wie Abbas Khider verweist auch Shumona Sinha auf die doppelte Entfremdung, die der Preis ist für Flucht und Immigration: Zum Verlassen der Heimat gesellt sich der Zwang, sich selbst zu vergessen, die eigene Geschichte zu entstellen und ein Anderer zu werden, um so die Chance zu erhöhen, als Asylant anerkannt zu werden.

"Fast immer müssen diese Menschen Lügen erfinden – aber eben dazu zwingt sie das Asylsystem: jemand zu sein, der sie nicht sind."

Es ist insofern kein Zufall, dass Sinhas Ich-Erzählerin von Beruf Dolmetscherin ist: Als solche steht sie zwischen den Fronten. Mit beißender Schärfe legt Shumona Sinha beispielsweise ausgerechnet ihr,  dieser selbst dem Elend entkommenen Immigrantin, all jene fremdenfeindlichen Ressentiments in den Mund, die man ansonsten aus dem Mund so mancher westlicher EU-Bürger zu kennen glaubt. Ihre Klienten betrachtet sie mit Missmut und Abscheu, nennt sie "Zwerge", "ungeliebte Quallen", "Eindringlinge". Ist das Ankommen, so scheint der Roman zwischen den Zeilen zu fragen, nur möglich um den Verrat – den Verrat an sich und an der eigenen Herkunft? Shumona Sinha:

"Da ist einerseits die Entfremdung von den eigenen Wurzeln: Wird man jemand anderer, wenn man dem eigenen Land den Rücken kehrt und sich in eine fremde Kultur integriert ? Ich persönlich glaube, dass sich stets verschiedene Wahrheiten in einem kreuzen,  ja, sich ergänzen. Die Ich-Erzählerin beispielsweise hält sich für integriert – doch stimmt das wirklich?"

Tatsächlich entlarvt die Ich-Erzählerin noch mit ihrer Kleidung unausgesprochene soziale Hierarchien, da sie nicht den Klischees entspricht, die der Westen ihr als Immigrantin aufzwingen will. Eines Tages hilft sie als Dolmetscherin in einem Verein, der sich um Flüchtlinge kümmert – und stößt dort auf unverhohlene Ablehnung.

Zitatorin: "Die Vorführung der Nächstenliebe musste meinetwegen unterbrochen werden. Sie fühlten sich von meinem Rock und meinem Kleid und meinem Haarschnitt und meinen braunen Stiefeln beleidigt, die in diesen Klötzen in der hintersten Ecke des Hofs als Hochmut verstanden wurden. Man versuchte, mich in eine passende Form zu pressen, mir die Einheitskutte überzuwerfen, mir eine Träne im Augenwinkel zu befestigen."

Wie sagte Shumona Sinha so treffend in einem Interview über ihre Sprache?

Zitatorin: "Ich schreibe, wie man spuckt."

Tatsächlich ist es eine aufgeladene Sprache, voll provokanter Bilder und Vergleiche.

Zitatorin: "Die Erde war eine Muttersau, die ihre allzu zahlreichen Ferkel nicht mehr ernähren konnte."

Eine Sprache die betört – und verstört

Viele der Bilder sind zugleich von poetischer Expressivität. Diese Sprache entzieht sich somit einer eindeutigen Zuordnung: Sie betört – und verstört. Sie zieht an – und stößt ab. Sie erweckt Mitgefühl, aber auch Ablehnung. Sie ist also – wie der gesamte Roman – von grundlegender Ambivalenz. Und diese Ambivalenz grundiert auch das Nachdenken darüber, was es bedeutet, ein Flüchtling, ein Immigrant, ein Fremder zu sein.

Sinha: "Was gewinnt man, was verliert man? An dieser Frage interessiert mich vor allem die Dialektik. Denn noch im Verlust ist Gewinn, und im Gewinn immer auch Verlust."

 "Erschlagt die Armen" liefert viele solcher Denkanstöße und Fragen. Mit ihnen schreibt Shumona Sinha an gegen ein Denken in fixen Identitäten. Denn solch ein Denken in fixen Identitäten ist Teil des Problems, da es die Asylpolitik ebenso prägt wie auch das Reden über Asyl und Flucht an sich.

Zitator: "Woher bist du? Jesus aber gab keine Antwort."

Varatharajah: "Die Frage nach Identität, also der Identitätsbegriff für mich persönlich spielt überhaupt keine Rolle. Das ist für mich von philosophiehistorischem Interesse."

1984 kommt Senthuran Varatharajah, Schriftsteller und Doktorant der Philosophie,  in Jaffna, Sri Lanka zur Welt. Er ist noch ein kleines Kind, als er und seine Eltern vor dem Bürgerkrieg fliehen, der das Land in den 1980er Jahren heimsucht. Sie finden eine neue Heimat in Deutschland.

Zitatorin: "Wir werden flüchtig sein."

2014 ist Senthuran Varatharajah mit einem Ausschnitt aus seinem Roman "Vor der Zunahme der Zeichen" zu den Klagenfurter Literaturtagen geladen. Er gewinnt den 3-Sat-Preis. Inzwischen ist der Roman erschienen und besticht durch seinen thematisch wie sprachlich kühnen Zugriff auf Kernfragen rund um Flucht und Migration. Denn von Flucht an sich handelt auch dieser Roman gerade nicht.  Senthuran Varatharajah:

"Hier geht es vielmehr um die Frage, inwiefern eine solche biographische Zufälligkeit das Sprechen und das Schreiben beeinflusst."

Zitator: "Niemand wird wissen, von welchen rändern wir aus sprechen, und dass wir darüber sprechen können, ändert nichts daran."

Der Roman ist angelegt als Zwiegespräch zweier Figuren, die sich durch Zufall auf Facebook begegnen und sich gegenseitig Textnachrichten schicken.

"Die Form des Romans erlaubt es, dass das Gesagte, in dem Augenblick, in dem es von einem anderen Textblock beantwortet wird, sich auch verflüchtigt in der jeweiligen formalen Darstellung auf Facebook. Und insofern glaube ich, dass über dieses Thema zu schreiben auch bedeutet, ein ganz anderes formales Arrangement zu benutzen. Es gibt keine Linearität im klassischen Sinne, sondern es gibt ein Arrangement von Fragmenten, die sich aber nicht zusammenfügen zu einem einheitlichen Bild, sondern die fragmentarisch bleiben."

Sieben Tage und Nächte eröffnen die beiden im Schutzraum der Anonymität einander ihre Lebensgeschichten. Er heißt Senthil Vasuthevan und schreibt in Berlin an seiner Doktorarbeit in Philosophie; sie heißt Valmira Surroi und studiert Kulturwissenschaften in Marburg.

Zitatorin: "In einer Stunde beginnt mein letztes Seminar. Die Biographie des Asyls – Das Asyl der Biographie."

Beider Familien sind aus Kriegsgebieten geflohen – seine aus Sri Lanka, ihre aus dem Kosovo. Er schreibt ihr von den Bildern massakrierter Tamilen, die er zum ersten Mal im deutschen Fernsehen sieht.

"Jeder Buchstabe hat seinen Preis"

Sie schreibt ihm, wie sie als Kind nach einem Fernsehbericht über Flüchtlinge zum ersten Mal begreift, dass – Zitat – "Papier und Papiere nicht dasselbe bedeuten". Und sie begreift:

Zitatorin:"Jeder Buchstabe hat seinen Preis."

Auch der Roman wird mit jeder Episode, die sie einander berichten, dichter und dichter: Aus der Rekonstruktion ihrer Kindheitserinnerungen – die immer schon Erinnerungen an Erinnerungen sind  – wird ein assoziationsreiches Nachdenken über die Frage, in welcher Weise über das eigene Leben unter den Bedingungen der Flucht gesprochen werden kann.

"Die männliche Stimme hat ein anderes Verhältnis als die weibliche zu den Themen Herkunft und Sprache. Das zeigt sich zum Beispiel daran, dass er weitaus weniger auf das Tamilische rekurriert, und die einzigen Verweise auf das Tamilische sind Bezeichnungen für Familienangehörige. Sie hingegen benutzt weitaus mehr das Albanische und hat auch offensichtlich, weil sie auch länger im Kosovo gelebt hat, einen ganz anderen Bezug zur Sprache, zu ihrer Familie, zu dem Ort, der kein Ort der Rückkehr natürlich sein kann. Und von Heimat ist natürlich keine Rede."

Beide Figuren,  eigentlich sind es eher Stimmen, sind zugleich von unaufgesetzter Weltläufigkeit und in New York wie Toronto, Indien wie Istanbul gleichermaßen vernetzt. Das haben sie  gemeinsam. Zweierlei aber unterscheidet sie: Sie hat helle, er hat dunkle Haut. Sie thematisiert in ihren Erinnerungen eher das Ankommen in Deutschland, er stärker das Weggehen aus Sri Lanka.

"Das hat natürlich auch damit zu tun, was es bedeutet, mit dunkler Haut deutsch zu sprechen. Man ist immer einer gewissen Infragestellung ausgesetzt.  Insofern ist sein Verhältnis auch zum Deutschen ein entschieden anderes als ihres, weil ihr es nicht abgesprochen wird oder zumindest nicht thematisiert wird, wenn die Herkunft nicht Gegenstand der Rede und des Wissens ist."

Zitator: "ein dozent wollte mir nach einem referat den modulbogen nicht unterschreiben. er sagte, mein vortrag müsse aus einem lehrbuch abgeschrieben worden sein. kein student würde so sprechen. nur gebrochenes deutsch wird uns zugestanden. es liegt an unseren namen. es liegt an meiner haut."

Auch der Autor bekam in Klagenfurt zu hören, das im Buch zugrunde gelegte Deutsch spreche man weder auf Facebook noch im echten Leben. Daran zeigt sich zweierlei: ein virulenter bildungsbürgerlicher Rassismus – und die fatale Verwechslung von Fakt und Fiktion, Autor und Erzähler gerade bei Romanen zum Thema Flucht und Migration.

Was lässt sich mit deutscher Sprache ausdrücken?

Das Alphabet, die Buchstaben, die Wörter scheinen also umfassend das Schicksal derer, die ihre Heimat verlassen, zu bestimmen: beginnend mit dem Ankunftsstempel im Pass bis hin zu den  Bezeichnungen, die zum Stigma werden: Fremder, Flüchtling, Asylant.

Zitator: "Wir waren Nummern. Wir waren Nummern und wir aßen Suppe, und auf dem Tellerrand sollten wir Wörter aus den Buchstaben bilden, die wir mit unseren Löffeln sammelten, wir schöpften sie aus der Brühe."

"Das ist eigentlich, worum es mir geht, wie können wir darüber sprechen?  Ist die deutsche Sprache eigentlich dafür gemacht, diese Dinge auszudrücken? Und das gilt nicht nur für die Diskriminierungen, die ja im Vergleich zu dem gesamten Buch eigentlich einen relativ kleinen Teil ausmachen. Sondern vielmehr für Dinge wie: transkontinentale Flucht  z.B. Ist die deutsche Sprache fähig, das zu artikulieren, wenn das nicht in das Bewusstsein der Sprache eingegangen ist?"

Wo also etwa Abbas Khider oder Shumona Sinha auf die Erkenntnis stiftende Kraft der Sprache setzen, zieht Senthuran Varatharajah eben diese in Frage. Sein Roman spricht vielmehr von den Rändern, den Grenzen der Sprache zu uns. Wie schreibt Valmira über ihren Vater, einen Gerichtsdolmetscher, eines Tages an Senthil?

Zitatorin: "Mein Vater sagt, dass nichts in eine andere Sprache übersetzt werden könne."

Varatharajah: "Insofern war für mich sehr wichtig, einen Ton der Resignation von Anfang bis zum Ende durchzuhalten."

Ein 'Oratorium der Kälte' nennt der Autor daher seinen Roman. Und doch durchzieht ein elektrisierender Wärmestrom diesen mit vielfachen Zeichen und Verweisen aufgeladenen Roman, der Theorie und Literatur ineinander blendet und insofern auch den Akt des Lesens in einen Akt der Entzifferung verwandelt. Dazu tragen auch die in sich verschachtelten Sätze bei:

Varatharajah: "Wenn ein Roman so geschrieben ist mit einem solchen Thema, hat die Verschachtelung von Sätzen natürlich eine ganz andere Motivation. Die Unmöglichkeit des Sprechens muss gleichzeitig formal und inhaltlich gezeigt werden können: dass auch diese Form von Sprache unzulänglich ist um das, was gesagt werden will, auszudrücken."

Inmitten einer oftmals allzu laut geführten Debatte rund um Flucht und Migration erinnert ein Roman wie "Vor der Zunahme der Zeichen" insofern an die Mitverantwortung der Sprache, um dem von Navid Kermani so genannten "Einbruch der Wirklichkeit" gerecht zu werden. Denn: Beruht nicht jede Gesellschaft auf nichts als einem Narrativ, auf der Konstruktion eines Wir? Wie Deutschland und Europa dieses ‚wir’ gestalten, ist derzeit offen. Fest steht – so Navid Kermani – nur eins: 

"Die einzige Möglichkeit, Flüchtlinge zurück zu weisen, ist, auf sie zu schießen."

Denn Flüchtlinge werden weiterhin kommen – und das in wachsender Zahl. Umso wichtiger sind Romane wie jene von Abbas Khider, Shumona  Sinha oder Senthuran Varatharajah, die Innenansichten schenken in die verborgenen Räume von Flucht und Migration.

Mehr zum Thema

Integrationsgesetz - "Kein großer historischer Wurf"
(Deutschlandradio Kultur, Interview, 14.04.2016)

Flucht und Mode - Wie Designer die Weltlage auf den Laufsteg bringen
(Deutschlandradio Kultur, Kompressor, 13.04.2016)

Rafat und Arthur - Eine Geschichte vom Zusammenrücken
(Deutschlandradio Kultur, Studio 9, 13.04.2016)

Rafat und Arthur - Eine Geschichte vom Zusammenrücken
(Deutschlandradio Kultur, Studio 9, 13.04.2016)

Zeitfragen

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur