Das Buchcover von „Schokoladenblut“ zeigt eine fahrende Dampflok, die bereits optisch die Grundidee des Romans andeutet. Im Jahrhundert der Eisenbahn-Erfindung bewegt sich ein Zug kreuz und quer zwischen Raum und Zeit. Er folgt den Lebensläufen dreier historischer Figuren des 19. Jahrhunderts.
Hauptperson ist die Schriftstellerin Božena Němcová (1820-1862), Schöpferin eines der meistgelesenen Klassiker der tschechischen Literatur: „Babička“. Der Roman - zu Deutsch: „Die Großmutter“ - entstand während der sogenannten nationalen Wiedergeburt. Němcová wechselte von der deutschsprachigen Habsburg-Welt zum patriotischen „Tschechentum“, nicht zuletzt unter dem Druck ihres nationalistischen und gewalttätigen Ehemanns. Er hatte, wie ausführlich beschrieben, maßgeblich Anteil an Němcovás frühem Tod in völliger Armut.
Božena Němcová und zwei privilegierte Zeitgenossen
Der vielfach instrumentalisierten Schriftstellerin ihrer Heimat stellt Radka Denemarková zwei privilegierte Zeitgenossen gegenüber. Die adlige George Sand verfasste unter männlichem Pseudonym Dutzende von Romanen und konnte dank ihrer materiellen Unabhängigkeit ein unkonventionelles Leben führen.
Die dritte Hauptfigur ist der US-Amerikaner John D. Rockefeller, Gründer eines Erdöl-Imperiums und im Roman Prototyp des frühen Raubtier-Kapitalismus.
„Das Erdöl ist das Schokoladenblut aller Rockefeller’schen Geschäftspläne. Es hat die gleiche Farbe wie das Blut, das die kranke Božena Němcová in Prag ausspuckt.“
Radka Denemarková: "Schokoladenblut"
Auf dem Weg entlang dieser Biografien begibt sich die Autorin immer wieder auf diverse Nebengleise, unternimmt Exkurse zu Schriftstellerinnen wie Karolina Svetlá und George Eliot oder skizziert das Leben der Journalistin Ida Tarbell, Autorin eines Buch über kriminelle Praktiken von Rockefellers Öl-Firma.
Außerdem schlägt Denemarková meinungsstarke Brücken zur Gegenwart, indem sie die tschechische Kulturpolitik oder die Rückkehr veralteter Rollenmuster durch „Tradwives“ kritisiert. Im Eifer des feministischen Gefechts wird der Ton gern pauschal:
„Männer des einundzwanzigsten Jahrhunderts würden es nicht offen sagen mögen, aber einige halten bereits heimlich Ausschau nach einem politisch akzeptablen Taliban-Ableger, dieser wunderbar überschaubaren und absoluten Kontrolle über die zum Schweigen gebrachten weiblichen Körper, die dann definitiv aufhören würden, herumzugackern. Sie liebäugeln auch mit dem neunzehnten Jahrhundert, als die unwissende und keusche Kindergebärmaschine namens Frau, fein hinter der Tür des Gefängnisses namens trautes Heim eingesperrt, finanziell von ihrem Gatten abhing.“
Radka Denemarková: „Schokoladenblut“
Überstrapazierte Zugmetaphorik
Radka Denmarková kommt ursprünglich vom Theater. Ihr Roman arbeitet mit szenischen Kurz-Kapiteln, die streckenweise nach Handlungsbeschreibungen klingen. Das Spiel mit der Zug-Metaphorik wird reichlich überstrapaziert. Für die Übergänge werden die Sitze eines Zugs in England mit der Farbe der dunkelgrünen Augen von Božena Němcová verglichen. Der „Bummelzug“ Habsburg hinkt emanzipatorischen Entwicklungen anderswo hinterher. Zigdutzendfach wird „Tsu tsu tsu, so zuckelt der Zug“ zur bevorzugten Kapitelzäsur.
„Schokoladenblut“ sei trotz der Überfülle an Namen ein Roman der Themen, schreibt Radka Denemarková in ihrem kurzen Nachwort: „Ein Ausdruck des Respekts vor der Literatur und vor den Božena Němcovás dieser Welt.“
Eher Thesenroman als Themenroman
Weibliche Selbstbestimmung und Geschlechter-Gerechtigkeit sind wichtige Themen. Doch statt als Themenroman präsentiert sich „Schokoladenblut“ eher als Thesenroman, dessen Überzeugungen fast didaktisch durch Figuren illustriert werden. Die Geschichten so vieler beeindruckender Schriftstellerinnen in packende Literatur zu verwandeln, ist nicht gelungen.