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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 05.09.2014

RadfahrenDie neue Massenbewegung

Über den Erfolg des Drahtesels und die Folgen

Von Reinhard Mohr

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Radfahrer warten an einer Ampel in der Oranienstraße am Görlitzer Bahnhof in Kreuzberg in Berlin. (dpa / picture alliance / Özlem Yilmazer)
Radfahren ist in Städten wie Berlin mittlerweile eine Massenbewegung. (dpa / picture alliance / Özlem Yilmazer)

Staus, Status, Parkplatzmangel, hohe Spritpreise - viele Menschen sind vom Auto genervt und steigen aufs Rad um. Doch mit dem Erfolg des Drahtesels sind unschöne Nebenwirkungen verbunden, meint der Journalist Reinhard Mohr.

Das Radfahren gilt, im Gegensatz zum Autofahren, als ideale Art menschlicher Fortbewegung: klimaneutral, lärmarm, gesund, platzsparend, erneuerbar und nachhaltig - vor allem für die Muskulatur.

Wie von selbst avancierte so der Radler - wie auch die Radlerin - zum besseren, moralisch erhöhten Menschen, zum homo velox benedictus. Gebenedeit sei der Strampler im Namen des Herrn und seiner Allnatur. Verkehrsregeln sind für ihn daher nur unverbindliche Hinweise aus der profanen Welt.

Inzwischen aber ist der Erfolg des Drahtesels derart überwältigend, dass sich, jedenfalls in den großen Städten, unschöne Nebenwirkungen einstellen. Längst herrschen, wie etwa in Berlin, beinah Pekinger Verhältnisse. Trauben von Radlern, wohin man schaut, Staus, Unfälle, Chaos.

An der roten Ampel sammeln sich morgens um neun Uhr sage und schreibe dreißig Veloflitzer. Sekunden später setzt auf der schmalen Radspur ein wildes Wettrennen ein. Da es keine Überholspur gibt, berühren sich die Oberkörper fast, wenn einer am anderen vorbeizieht. Ungeübte Radler kommen da schon mal ins Trudeln, was die geübten freilich nur weiter anspornt.

Der Kampfraser, oft in hautenger, windschlüpfriger Montur, bildet die Spitze der neuen Massenbewegung. Er ist der Freibeuter der Straße und betrachtet die gesamte Stadt als sein Outdoor-Trainingsgelände. Pfeilschnell und furchtlos saust er über stark befahrene Kreuzungen. Hupende und quietschend bremsende Autos sind dabei nur Musik in seinen Ohren. Nachts dann wird er zum Tarnkappengeschoss, denn Licht ist was für feige Spießer.

Das schiere Gegenteil dieses Phänotyps ist der Gemüts-, Freizeit- und Seniorenradler, darunter viele Touristen, deren Lenker die Spannbreite eines ausgewachsenen Elchgeweihs aufweisen. Diese Spezies versteht die Straße als Urlaubskulisse, in der man sich ganz spielerisch und selbstvergessen bewegen kann.

CO2-freies Pendant zum hirnlosen Autobahnraser mit geistigem Bleifuß

Immer öfter tritt diese Gruppe im Rudel auf, organisiert von Spezialunternehmen wie "Berlin on Bike", die es darauf abgesehen haben, ganze Straßenzüge vollends unpassierbar zu machen. In endloser Kolonne schrammeln die Stahlrossbataillone durch enge Gassen und verführen besonders eilige Zeitgenossen zu gewagten Überholmanövern.

Wer Pech hat, trifft dabei just auf den homo relox iPhone. Etwa auf eine einhändig radelnde alleinerziehende Mutter mit Kind auf dem Rücksitz, die mit der anderen Hand gerade eine SMS an ihren Ex verschickt, um Ort und Zeitpunkt der Übergabe des kleinen Lars-Oliver auszumachen.

Eine verschärfte Version dieser Alltagsakrobatik ist das Einklemmen des Mobiltelefons zwischen Schulter und Ohr während der abschüssigen Rumpelfahrt über Kopfsteinpflaster - für Frauen jedenfalls, frei nach Max Raabe, kein Problem. Geradezu surreale Momente entstehen: Eine junge Radlerin klingelt empört, weil sie sich durch gerade aussteigende Fahrgäste einer Straßenbahn behindert sieht. Dass sie anhalten müsste, kommt ihr nicht in den Sinn.

An diesem Punkt zeigt der grassierende Radler-Wahnsinn sein wahres Gesicht. Denn das strampelnde Ego bläht sich nicht nur im irrtümlichen Selbstbild seiner moralischen Überlegenheit auf. Nein, auch die schiere Ignoranz von Regeln und Verhaltensweisen, die schon die praktische Vernunft gebietet, sorgt für jene Unbekümmertheit, die nahtlos in Rücksichtslosigkeit übergeht.

Aus dem radelnden Liebling der Schöpfung wird so blitzschnell der homo velox blech – das CO2-freie Pendant zum hirnlosen Autobahnraser mit geistigem Bleifuß.

 

Reinhard Mohr (dpa / picture alliance / Karlheinz Schindler)Reinhard Mohr (dpa / picture alliance / Karlheinz Schindler)Reinhard Mohr, geboren 1955, ist freier Journalist. Zuvor schrieb er für "Spiegel Online" und war langjähriger Kulturredakteur des "Spiegel". Weitere journalistische Stationen waren der "Stern", "Pflasterstrand", die "tageszeitung" und die "Frankfurter Allgemeine Zeitung".
Buchveröffentlichungen u. a.: "Bin ich jetzt reaktionär? Bekenntnisse eines Altlinken", "Das Deutschlandgefühl", "Generation Z", "Der diskrete Charme der Rebellion. Ein Leben mit den 68ern" und "Meide deinen Nächsten. Beobachtungen eines Stadtneurotikers".

 

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